Zwischen Aufbruch und Untergang

Von Jonas Schützeneder
Donnerstag, 27.11.2014 | 11:50 Uhr
Keller wartet auf die Fertigstellung der "Arena Regensburg"
© BAM Sports GmbH agn Niederberghaus Partner GmbH
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Drittligist Jahn Regensburg arbeitet an Infrastruktur für die 2. Liga, steht aber vor dem Abstieg in die Regionalliga. Im Umfeld brodelt es. Sportchef Christian Keller verteidigt sich bei SPOX. Das neue Stadion wird zunehmend zur Belastung.

Regensburg. Prüfeninger Straße. Eigentlich müsste hier in der Marketing-Abteilung des SSV Jahn Regensburg täglich gefeiert werden. Die großen Ambitionen des Drittligisten werden derzeit schließlich sichtbar und nahezu perfekt vermarktet - und das quasi kostenlos. Gut 70.000 Fahrzeuge passieren laut aktueller Verkehrszählung täglich die Autobahn A3 auf Höhe Regensburg und sehen unmittelbar daneben das neue Jahn-Stadion wachsen. Es soll ein symbolisches Zeichen für Aufbruchsstimmung sein. Die Realität sieht anders aus.

Der Abstiegskampf in Liga 3 spitzt sich zu. Der Jahn steht auf dem letzten Platz und hat fünf Zähler Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Nur ein Sieg aus den letzten elf Spielen steht in der Bilanz. Die Folge: Trainer Alexander Schmidt wurde entlassen. Jetzt soll es ein neuer Trainer richten. Christian Brand, der frühere Mittelfeldspieler von Werder Bremen und Hansa Rostock, setzte sich gegen zwei weitere Konkurrenten durch und soll die Wende schaffen.

Kurzfristig ist das nicht geglückt. Zum Debüt gab es für Brand gegen Aufstiegsaspirant Bielefeld eine 0:1-Heimniederlage. Immerhin zeigte sich das Team über weite Strecken auf Augenhöhe, lediglich der Offensive (schlechteste der Liga) fehlte wieder einmal die Durchschlagskraft.

Schmidt muss gehen

Kurzer Blick zurück: Am Ende war der frühere 1860-Trainer Schmidt einfach nicht mehr haltbar. Das musste auch Sportchef Christian Keller einsehen, der den erfolglosen Coach überaus lange gegen die Kritik aus dem Umfeld verteidigt hatte. Für den erst 35-Jährigen Manager sind es zweifellos die schwersten Tage, seit er im Mai 2013 in die Oberpfalz kam.

Als "Mastermind" feierten die lokalen Zeitungen den neuen Sportdirektor. Kellers Vita: Professor des Sportmanagements, A-Lizenz-Trainer und Berater für verschiedene Profiklubs. 15 Monate später muss sich Keller von den Fans als "Totengräber des Klubs" beschimpfen lassen. Man fragt sich:

SPOX: Herr Keller, wie fühlt man sich dabei?

Keller: Ich habe früh gelernt, wie Profifußball funktioniert. Sobald die Ergebnisse ausbleiben, wird von Medien und Öffentlichkeit alles hinterfragt. Natürlich habe ich im Sommer mit dem nicht verlängerten Vertrag von Thomas Stratos und den Wechseln einiger Leistungsträger aus Sicht der Fans kritische Entscheidungen getroffen. Aber unser Budget ist klein und die abgegebenen Leistungsträger hatten höherklassige und oder besser dotierte Konkurrenzangebote. Es gehört mit zu meinem Job, dass ich mich der Kritik stelle. Und auch wenn es nicht angenehm ist: In dieser Position muss man das aushalten.

Der Sportchef muss sich auch aus dem Umfeld kritische Töne anhören. "Keller ist bemüht, keine Frage, sein Standing hat zuletzt aber sehr gelitten. Viele denken, dass er nur deshalb so lange an Schmidt festgehalten hat, weil er bei einer vorzeitigen Entlassung seines Wunsch-Trainers selbst auf das Abstellgleis geraten wäre", sagt ein Jahn-Insider gegenüber SPOX.

Peinliche Pokal-Pleite

Tatsächlich kann man dem Neuling mangelnden Fleiß und Einsatz nicht vorwerfen. Nach der blamablen Pleite im TOTO-Pokal bei der SpVgg Weiden stellte sich Keller einmal mehr vor die wütenden Fans. "Ihr könnt meinen Namen schreien, aber unterstützt bitte die Spieler", forderte er.

Genutzt hat das wenig, die Lage wird immer brisanter. Nach der Pleite beim Bayernligisten muss der Profiklub nächstes Jahr auf Teilnahme und Einnahmen im DFB-Pokal verzichten. Geld, das man in Regensburg mehr als gut gebrauchen könnte.

Die Finanzen beim Jahn hatten sich zuletzt eigentlich deutlich verbessert. Zeiten, als wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt wurde, sind schon länger vorbei. Mit dem überraschenden Aufstieg in die 2. Liga war der Klub 2012 nach Jahren in der Schuldenfalle auf dem Weg nach oben. Erfolgstrainer Markus Weinzierl konnte das Angebot des FC Augsburg aber nicht ablehnen und verließ Regensburg. Genau da beginnt das nächste Problem.

Seit Weinzierl fehlt die Kontinuität

Seit Weinzierls Wechsel waren in Regensburg fünf Trainer beschäftigt. Kontinuität auf der Bank und beim Personal war nicht vorhanden. Dazu hat auch Keller einen Beitrag geleistet. Trotz guter Ergebnisse musste Schmidts Vorgänger Thomas Stratos im Frühjahr gehen. Offiziell wurde die Spielphilosophie und Trainingsarbeit des gebürtigen Griechen als Trennungsgrund verkündet. Wilde Spekulationen seitens der Medien dementierte der Klub energisch. Ein fader Beigeschmack blieb trotzdem.

Im Sommer dann der nächste Umbruch: Zehn Spieler verließen den Verein, mit den späteren Transfers eingerechnet kamen seit Juli 16 Neuzugänge zum Jahn. Keller ist sich dessen bewusst: "Unsere Mannschaft ist jung und hat sich im Sommer auf vielen Positionen verändert. Deshalb haben wir dem Trainer Zeit gegeben und zuletzt auch nochmal erfahrene Spieler verpflichtet."

Polizeischutz nach Heimspiel

Mit Blick auf den Kader fehlen beim aktuellen Schlusslicht natürlich die ganz großen Namen. Mit dem Junioren-Nationalspieler Daniel Steininger (aus Fürth geliehen) und dem Ex-Braunschweiger Jonas Erwig-Drüppel stehen zwei talentierte Offensivspieler im Kader, für die sich auch Schmidt stark gemacht hatte.

Trotzdem kamen beide zuletzt kaum zum Einsatz, Erwig-Drüppel blieb sogar nur der Platz auf der Tribüne. Gegen Bielefeld kamen die beiden Youngster unter Brand wieder zum Einsatz.

Keller nimmt sie in Schutz: "Natürlich erwartet man, dass solche Spieler in dieser Liga etwas bewegen. Aber junge Spieler haben oft auch gewisse Leistungsschwankungen, das ist völlig normal. Zudem sind mehrere erfahrene Spieler - wie etwa unser Kapitän Sebastian Nachreiner - die die Jungen führen sollten, frühzeitig in der Saison und teils langfristig ausgefallen. Kommt dann so eine Negativ-Serie hinzu, wird es einfach schwer. Wenn junge Spieler unter Polizeischutz zum Auto gebracht werden müssen, fangen sie natürlich an nachzudenken."

Neues Stadion für die Regionalliga?

Was macht da noch Hoffnung? Bei einem Spieleretat von lediglich 1,6 Millionen Euro sind Transfers wie der frühere Nationalspieler Lukas Sinkiewicz schon eine beachtliche Leistung. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Spielertat in der Liga beträgt etwa doppelt so viel.

So oder so bleibt die Frage nach den Finanzen und dem neuen Stadion. Etwa 53 Millionen Euro kostet die Arena. Der Jahn wird darin lediglich Mieter sein. Trotzdem: Die großen Chancen rund um das neue Stadion sind derzeit eher Belastung als Auftrieb. Was passiert im Falle des Abstiegs?

SPOX: Wie würde sich denn der Abstieg auf Budget und Stadion auswirken, Herr Keller?

Keller: Der Jahn plant seit Jahren mehrgleisig. Das ist vor dem Hintergrund unserer sportlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein absolutes Muss. Alle möglichen Szenarien von der Bundesliga bis zur Regionalliga wären daher für den Jahn darstellbar. Das gilt auch für Miete und Betriebskosten für das neue Stadion, da diese ligaabhängig gestaffelt sein werden.

SPOX: Was wird dann aus den guten Fortschritten rund um den Schuldenabbau?

Keller: Es ist natürlich etwas bitter: Die Gesamtstruktur des Jahn war noch nie so gut wie heute. Wir haben den Klub nahezu kernsaniert und haben Stand heute keine nennenswerten Verbindlichkeiten mehr. Wir sind auf den letzten Metern eines Marathons. Das Ziel ist, als Drittligist ins neue Stadion einzuziehen. Dann müsste der Jahn nicht mehr ums Überleben kämpfen, sondern könnte endlich beginnen zu leben.

Beste Werbung: Endlich Siege

Gut 15.000 Zuschauer passen in die neue Arena. Ein Reifenhersteller hat bereits die Namensrechte gekauft. Damit will der SSV seine Rolle in der Region Ostbayern weiter stärken. "Die größte Altlast des Jahn ist das Bild eines Chaos-Klubs, das immer noch viele Menschen haben. Das ist aber längst Vergangenheit. Vieles von dem, was subjektiv noch in den Köpfen verankert ist, ist objektiv längst überholt", betont Keller.

Er weiß aber auch: "Trotzdem gilt weiterhin, dass Siege und sportlicher Erfolg die allerbeste Werbung sind." In diesem Punkt besteht also abseits aller Gratis-Werbung schneller Handlungsbedarf.

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