Fussball

"Jetzt sind wir da, wo wir hin wollten"

Von Stefan Rommel
Am 20. April machte Heidenheim mit einem 1:1 in Elversberg den Aufstieg in die 2. Liga perfekt
© getty

Vor 20 Jahren begann Holger Sanwalds Arbeit beim 1. FC Heidenheim in der Landesliga. Jetzt hat er den Klub vier Klassen nach oben geführt - mit jeder Menge Arbeit, einem schlauen Konzept und der Symbiose aus unternehmerischem Fortschritt und Bodenständigkeit.

SPOX: Herr Sanwald, welche Erinnerungen haben Sie noch an den 18. Mai vergangenen Jahres - abgesehen davon, dass Sie da wie jedes Jahr Ihren Geburtstag feiern wollten?

Holger Sanwald: Wir haben da die mögliche Relegation für die 2. Liga verspielt, mit einem schwachen Remis gegen Offenbach. Und uns so die Arbeit einer ganzen Saison kaputt gemacht. Das war unheimlich bitter.

SPOX: Umso schöner muss nun der Aufstieg mit einem Jahr Verzögerung für Sie sein.

Sanwald: Die Ereignisse von damals haben mich nun ein Jahr lang quasi jeden Tag begleitet. Hunderte Male musste ich an das Spiel denken und wie wir darauf angewiesen waren, im letzten Spiel ein bestimmtes Ergebnis erzielen zu müssen. Erst mit dem Schlusspfiff der Partie in Elversberg vor zwei Wochen kann ich das zu den Akten legen. Jetzt ist das passe - jetzt sind wir da, wo wir hin wollten.

SPOX: War es vielleicht auch eine wichtige Erfahrung für die Arbeit in dieser Saison, mit so einer großen Enttäuschung umgehen zu müssen?

Sanwald: Ganz sicher. Das war ein Baustein für unseren Erfolg und unsere Konstanz in dieser Saison. Jeder im Klub hatte verinnerlicht, dass er so etwas nicht noch einmal erleben will: So brutal auf die Schnauze zu fliegen kurz vor dem großen Ziel.

SPOX: Was hat Ihre Mannschaft denn in dieser Saison besser gemacht als noch vor einem Jahr?

Sanwald: Wir haben sehr selten auch in engen Spielen den Kopf oder die Geduld verloren. In den Jahren davor hatten wir immer mit die meisten Tore aller Drittligisten geschossen, aber eben auch viel zu viele kassiert. Es waren viele Diskussionen und Gespräche nötig, um im Team zu der Überzeugung zu gelangen, dass wir für den ganz großen Erfolg ein Stück unserer offensiven Identität opfern müssen.

SPOX: Hat es lange gedauert, Ihren Fans diesen veränderten Fußball näher zu bringen: Weg vom Event mit vielen Toren auf beiden Seiten und hin zu einem eher auf Sicherheit orientierten Spiel?

Sanwald: Die Leute haben sich anfangs wohl noch ein bisschen gewundert. Aber mit der Zeit konnte jeder sehen, dass die Mannschaft mit einem 0:0 nach 45 oder 60 Minuten sehr gut umgehen konnte und es dann geschafft hat, bis zum Schlusspfiff noch den entscheidenden Spielzug zu setzen. Früher wären wir in solchen Phasen nervös geworden und hätten die Geduld verloren. In dieser Saison hat uns genau das ausgezeichnet. Wir haben nicht umsonst 20 Mal zu Null gespielt.

SPOX: Heidenheim spielt erstmals in seiner Geschichte in der 2. Liga. Was steht im Hinblick auf den Saisonstart Mitte August nun alles an Aufgaben für den Klub an?

Sanwald: Neben den beiden letzten Pflichtspielen im württembergischen Pokalfinale gegen die Stuttgarter Kickers unter der Woche und am Samstag gegen Unterhaching im letzten Punktspiel laufen die Planungen hinter den Kulissen schon auf Hochtouren. Wir basteln am Kader, müssen den Stadionausbau vorantreiben, wollen uns strukturell weiter verbessern. Wir wollen die 2. Liga hier für die Region auch toll präsentieren. Insofern wird es eine enorm anstrengende und arbeitsintensive Zeit für uns alle werden.

SPOX: Ihr Stadion ist eine Multifunktionsarena, im Jahr finden hier über 200 Events außerhalb des Fußballs statt. War das von Beginn an so geplant oder haben sich diese Mehreinnahmen erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert und vervielfacht?

Sanwald: Das war von Beginn an Teil des Konzepts. Es geht um eine Menge Geld, das so ein Stadionbau kostet. Wir haben insgesamt 25 Millionen Euro dafür investiert. 15 Millionen kamen von der Stadt, der Rest von uns. Das bedeutete für beide Seiten eine erhebliche finanzielle Anstrengung. Wir als Verein sind auf die Einnahmen aus Zweit- oder Drittveranstaltungen angewiesen, die Kredite wollen schließlich zurückgezahlt werden. Und wir wollten hier nie im goldenen Käfig sitzen. Es geht um die Akzeptanz beim Bürger, wenn die Stadt schon so in Vorleistung geht. Es sind hier auch Steuergelder verbaut, also sollen die Bürger auch die Möglichkeit haben, davon zu profitieren: Wir bieten unsere Räumlichkeiten für Tagungen, Seminare, Hochzeiten oder Konzerte an.

SPOX: Auf welchen Fleck im Stadion sind Sie besonders stolz?

Sanwald: Auf unseren alten Kiosk am Ende der Gegengeraden - "Liko's Kiosk". Das Loch, das wir in der Tribüne dafür lassen mussten, sieht nicht besonders hübsch aus. Aber es stiftet Identität. Wir haben quasi um den Kiosk herumgebaut. Er ist Sinnbild unseres Klubs, war früher zu Landesligazeiten die wichtigste Einnahmequelle: Würstle verkaufen, Bier. Damit die dringendsten Löcher im Etat stopfen. Ich bin sehr gerne im neuen Sparkassen BusinessClub und sehe die Präsentationsmöglichkeiten hier. Aber wenn ich rübergehe und da ganz spät noch ein Bier trinke, weiß ich jedes Mal wieder, wo wir herkommen. Wir wollen zukunftsfähig sein, ohne dabei unsere Bodenständigkeit zu verlieren.

Seite 1: Sanwald über das Drama der Vorsaison und das Relikt Stadion-Kiosk

Seite 2: Sanwald über den regionalen Charakter des FCH und Trainer Schmidt

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