Interview mit Ahlens Sportlichem Leiter Ronald Maul

Ronald Maul: "Pokerrunden gibt es nicht"

Von Interview: Kevin Bublitz/Mark Heinemann
Freitag, 01.04.2011 | 11:35 Uhr
Rostocker Zeiten: Rene Rydlewicz, Magnus Arvidsson und Ronald Maul (v.l.n.r.) im Trainingslager '06
© Getty
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Es wäre irgendwie eine Nummer a la vom Regen in die Traufe gewesen, wenn Ronald Maul den Posten als neuer sportlicher Leiter beim DSC Arminia Bielefeld bekommen hätte. Dass er bei den klammen Ostwestfalen überhaupt im Gespräch war, hat er seiner guten Arbeit beim ebenfalls finanzschwachen Drittligsten RW Ahlen zu verdanken. Dort wurde der 38-Jährige nach seinem Karriereende Sportlicher Leiter und gleich mit einer vorläufigen Insolvenz konfrontiert.

Im Interview mit SPOX spricht der Ex-Nationalspieler über das Bielefeld-Casting, Aufsichtsräte ohne sportlichen Sachverstand, Rot Weiß Ahlen und den wahren Fußball.

SPOX: Herr Maul, wie war das Casting zu "Arminia Bielefeld sucht den neuen Sportlichen Leiter"?

Ronald Maul: Dass Arminia Bielefeld den Markt nach zu besetzenden Positionen sondiert, ist völlig normal - und dass sich die Gremien dann nach den Gesprächen zwischen mehren potentiellen Kandidaten für einen entscheiden, ist auch legitim. Deswegen würde ich es nicht als Casting titulieren. Ich habe es als sehr reizvolle Aufgabe angesehen und bin deshalb zu einem Gespräch nach Bielefeld gefahren. Die kommende Saison wird für die Arminia nicht einfach. Das ist sicherlich mit Rot Weiss Ahlen vergleichbar. Die aktuellen wirtschaftlichen Zahlen kenne ich nicht, Aber ich war fünf Jahre lang Spieler in Bielefeld und weiß, was für diesen Verein eigentlich möglich ist.

SPOX: Sie arbeiten bei RW Ahlen schon unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Warum wollten Sie sich das noch einmal antun?

Maul: Ich habe mich dort nicht beworben, Bielefeld ist auf mich aufmerksam geworden. Ich kenne noch einige Leute aus meiner aktiven Zeit, daher haben wir uns zum Gespräch getroffen. Nicht mehr und nicht weniger. Noch einmal, die Voraussetzungen sind in Bielefeld eigentlich gut. Daher war die Aufgabe reizvoll.

SPOX: Bielefeld hat sich dann doch für Samir Arabi von Alemannia Aachen entschieden und ihn auf denkwürdige Art und Weise vorgestellt.

Maul: Ich habe es mitbekommen.

SPOX: Sind Sie nun doch froh, dass Sie nicht an seiner Stelle gesessen haben?

Maul: Es ist generell schwierig, wenn sich ein Verein mit seinen Strukturen, Ungereimtheiten und dem Machtgerangel selbst im Wege steht. Das ist schade und eine gefährliche Situation. Ich glaube aber schon, dass man bei Arminia Bielefeld, im Sinne des Vereins, etwas bewegen kann. Die Strukturen und Kompetenzen müssen so verteilt sein, dass man vernünftig arbeiten kann. Aber im Moment deutet vieles darauf hin, dass es nicht so einfach ist.

SPOX: Einfach ist es durch das vorläufige Insolvenzverfahren auch nicht bei RW Ahlen. Sind die Hoffnungen in den Großsponsor, der immer wieder durch die Medien geistert, berechtigt?

Maul: Ich glaube, dass wir nicht nur auf eine Person schauen sollten. Das wäre sicherlich das falsche Signal, weil wir unsere Sorgen durch einen Sponsor nicht los wären. Klar ist, dass wir jeden Sponsor und deren Hilfe brauchen. Da geht es uns wie anderen Vereinen auch. Wir sind noch nicht aus dem Gröbsten raus.

SPOX: Ist es ein großes Problem, dass gerade in Aufsichtsräten von Fußballklubs oftmals Leute sitzen, die keinen sportlichen Hintergrund haben?

Maul: Grundsätzlich glaube ich das nicht. Die Leute im Vorstand oder Aufsichtsrat müssen wirtschaftlich kompetent sein. Im besten Fall haben diese Leute dann auch noch sportliches Fachwissen. Sollte das nicht der Fall sein, muss der Verantwortliche für den Bereich Sport dort auch die Entscheidungsgewalt haben. Es darf nicht jeder mitreden wollen. Ich habe kein Problem damit, wenn in den Vorständen viele Leute dabei sind, aber dann muss jeder die Vereinspolitik mittragen. Sonst gibt es Probleme.

SPOX: Aber viele Mitglieder der Gremien sehen den Verein doch nur noch als Wirtschaftsunternehmen.

Maul: Im Aufsichtsrat oder auf Vorstandsebene muss das doch auch so sein. Dort müssen die wirtschaftlichen Entscheidungen getroffen werden. Zu große sportliche Emotionalität wäre an dieser Stelle nicht gut. Dafür gibt es die Ebene Geschäftsführung und die Ebene Sport. Dort allein müssen die sportlichen Entscheidungen getroffen werden. Es kann nicht sein, dass jeder einen neuen Trainer vorschlagen kann oder dass Spielern schon Vertragsangebote unterbreitet werden, ohne das Konzept des neuen Sportlichen Leiters oder des neuen Trainers zu kennen.

SPOX: Können Sie ihr Konzept in Ahlen weiterverfolgen und die Spieler halten beziehungsweise den Kader weiter verbessern?

Maul: Es ist uns klar, dass die Jungs in dieser Saison zumeist guten Fußball gespielt und einige das Interesse anderer Vereine geweckt haben. Fakt ist auch, dass wir die Pokerrunden nicht mitmachen können. Wir müssen anders punkten und dafür erst die Hausaufgaben im Verein machen, bevor wir vorangehen und den Etat verteilen können.

SPOX: Eine Hausaufgabe ist erst einmal der Klassenerhalt. Ist die Mannschaft trotz aller Talente doch noch zu unerfahren?

Maul: Das sehe ich weniger als Grund an. Es war bislang eine Saison mit vielen Problemen. Ich muss die Spieler auch in Schutz nehmen, weil es sicherlich Phasen gab, in denen sie sich nicht so auf den Fußball konzentrieren konnten. Wäre es wirtschaftlich besser gelaufen, hätten wir sicherlich ein paar Punkte mehr.

SPOX: Ahlen ist nicht der einzige Verein in der 3. Liga, der Probleme hat. Warum ist es in der Liga so schwer zu bestehen?

Maul: Es ist einfach so, dass jeder Verein die Gehaltsschraube für sich so drehen muss, dass es funktioniert. Daher können wir derzeit halt nicht mit anderen Drittligisten mithalten. Es gibt gewisse Mindestgrößen, die ein Etat haben sollte. Aber es gibt Teams, die eben das Doppelte oder Dreifache davon haben. Sich mit denen zu messen, bringt nichts. Wenn sich jeder Verein auf die Möglichkeiten besinnt, die er hat, kann er überleben.

SPOX: Ist die 3. Liga, die beste 3. Liga der Welt?

Maul: Es ist schon so, dass wir in der 3. Liga viele gute Spiele sehen und ein hohes Niveau haben. Aber es ist nicht zu leugnen, dass das Zuschauerinteresse nachlassen wird, wenn Teams wie Braunschweig, Rostock oder aber Offenbach aufsteigen sollten. Einfacher wird es nicht.

SPOX: Sie wurden nach Ihrem Karriereende in Ihrer neuen Rolle in Ahlen schnell mit den aktuellen Problemen konfrontiert. Ihre Arbeit hat Ihnen Respekt eingebracht. War das für Sie eine gute Erfahrung?

Maul: Es gibt zwei mögliche Antworten. Wenn ich die ganzen Probleme sehe, die der Verein hat, dann zähle ich in meiner Position eine vorläufige Insolvenz nicht zu den Themen und Aufgaben, die ich unbedingt noch einmal brauche, damit man vor meiner Arbeit Respekt hat. Sollten wir die Liga aber sportlich halten, dann haben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten eine gute Mannschaft zusammengestellt, die uns in der Saison größtenteils Spaß gemacht hat.

SPOX: Die Bundesliga sucht doch gerade junge aufstrebende Trainer und Manager. Was planen Sie?

Maul: Es ehrt mich, wenn mein Name und der Fußball in einer positiven Verbindung stehen. Das kann nicht schaden. Ich bin entspannt und lasse es auf mich zukommen.

SPOX: Wie wäre es als Trainer?

Maul: Nein, nein, nein. Ich habe keine Ambitionen jeden Tag auf dem Trainingsplatz zu stehen. Das ist nicht mein Metier (lacht).

SPOX: Als Spieler stehen Sie noch auf dem Platz - bei Eintracht Osnabrück in der ersten Kreisklasse...

Maul: Richtig (lacht). Ich möchte halt weiterhin etwas Sport treiben. Und wenn ich einem Traditionsverein helfen kann, mache ich das gerne. Aber die Zeit ist doch arg begrenzt.

SPOX: Da wird doch noch der wahre Fußball gespielt, oder?

Maul: Klar, der wird auch noch gelebt. Sonntag, um 11 Uhr auf Schlacke (lacht).

SPOX: Sie sind Ex-Nationalspieler. Wie gehen Ihre Gegenspieler mit Ihnen um?

Maul: Natürlich ist das bekannt. Ich bin ein Typ, der ein vernünftiges Verhältnis dazu hat. Ich lasse keinen raushängen, weil ich meine kurze Zeit in der Nationalelf während des Konföderationen-Cups 1999 realistisch einschätzen kann. Der Cup lag in der Vorbereitung und von jedem Verein sollten nur jeweils zwei Spieler mitfahren. Daher war ich aus einem kleinen Verein wie Arminia Bielefeld mit dabei. Es war schön, das Ganze mal zu erleben.

SPOX: Ihre Schienbeine müssen also nicht leiden?

Maul: Meine Gegenspieler sind motiviert. Aber es ist nicht so, dass einer abgestellt wird, um mich bewusst zu verletzen. Wir gehen alle vernünftig miteinander um.

SPOX: Sie haben in Ihrer Profilaufbahn bei einigen Vereinen gespielt. Würden Sie jeden Schritt genauso wieder machen?

Maul: Eigentlich schon. Das Jahr beim Hamburger SV war sportlich verschenkt. Ich habe drei oder vier Spiele gemacht und bin schnell wieder gegangen. Klar ist aber auch, dass der Wechsel von Bielefeld nach Hamburg meiner Karriere in der Außenwirkung nicht geschadet hat. Zudem war ich in der Champions League dabei. Das möchte ich nicht missen.

SPOX: Sie kommen aus Jena. Warum liegt der Fußball im Osten immer noch brach?

Maul: Direkt nach der Wende wussten man dort nicht, worauf man sich einlässt. Da war sicherlich viel Blauäugigkeit im Spiel. Viele Vereinsverantwortliche waren im Vergleich zum Westen zu unerfahren und haben schlecht gewirtschaftet. Viele "starke" Personen wollten sich nach der Wende im Osten in den Vereinen schnell profilieren. Ich denke dabei zum Beispiel an Dynamo Dresden zu dieser Zeit. Das wirkt auch heute sicherlich noch nach. Aber momentan regenerieren sich die Vereine im Osten und viele sind auf einem guten Weg.

SPOX: Erzgebirge Aue und Energie Cottbus deuten eine positive Entwicklung an.

Maul: Auch die Drittligisten im Osten sind mittlerweile gute Adressen, wirtschaftlich wird es auch besser. Die Traditionsvereine berappeln sich. Jena, Erfurt und Dresden kommen langsam wieder. Chemnitz hat Möglichkeiten, in die 3. Liga aufzusteigen. Bei Red Bull Leipzig wird ein anderes Modell versucht, aber ich denke, dass auch das dem Fußball im Osten nicht schaden wird.

SPOX: Noch einmal zurück zu RW Ahlen: was ist noch drin?

Maul: Wir haben jetzt einen entscheidenden April mit sieben Pflichtspielen vor uns. Wenn wir Ende April durch sind, ist das gut. Im Mai kommen nämlich nur noch zwei Spiele.

Der Kader von RW Ahlen im Überblick

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