Donnerstag, 06.05.2010

Gino Lettieri im Interview

"Ich habe Klinsmann nie belächelt"

Gino Lettieri kam im Winter als Feuerwehrmann zum SV Wehen Wiesbaden, der damals tief im Abstiegssumpf steckte. Der gebürtige Züricher verpasste der Mannschaft ein neues Gesicht und führte sie zum Klassenerhalt. Im Interview mit SPOX spricht Lettieri über seine Mannschaft, seine Hospitanz bei Trainerlegende Giovanni Trapattoni und verteidigt das Konzept von Jürgen Klinsmann.

Seit Februar gibt Gino Lettieri die Richtung vor. Mit Erfolg: Er rettete Wehen vor dem Abstieg.
© Imago
Seit Februar gibt Gino Lettieri die Richtung vor. Mit Erfolg: Er rettete Wehen vor dem Abstieg.

SPOX: Wie überrascht waren Sie, als im Februar der Anruf aus Wiesbaden kam, obwohl Sie Trainer in Weiden waren?

Gino Lettieri: Klar kam das ein bisschen überraschend, denn normalerweise sucht sich ein Verein einen arbeitslosen Trainer. Mich hat diese zugegebenermaßen nicht ganz leichte Aufgabe aber von Beginn an gereizt. Wobei ich natürlich auch nichts dagegen hätte, wenn mal ein Zweitplatzierter anruft. (lacht)

SPOX: Wo haben Sie den Hebel angesetzt?

Lettieri: Ich habe eigentlich nichts geändert, lediglich die Auffassung der Spieler ist jetzt eine andere. Dass wir nun so auftreten, ist ein großer Verdienst der Spieler. Wenn es mal nicht läuft, liegt es immer am Trainer. Das ist schade. Aber auf der anderen Seite muss sich ein Trainer im Erfolgsfall auch nicht in den Vordergrund stellen.

SPOX: Sie sind bereits mit 26 Jahren Trainer geworden, warum so früh?

Lettieri: Ich bin mit knapp 17 Jahren von einem Auto überfahren worden. Damals war ich in der Jugend von 1860 München. Mein ganzes Knie war damals zertrümmert. Ich war zweieinhalb Jahre verletzt und musste vier Operationen hinter mich bringen. Aber ich wollte es trotzdem noch mal probieren und habe mich in der zweiten Mannschaft der Löwen zurückgekämpft. Es lief dann auch sehr gut und ich habe schnell wieder Tore geschossen, so dass ich einen Einjahresvertrag für die erste Mannschaft bekommen habe.

SPOX: Hört sich soweit nach Glück im Unglück an. Wie ging es weiter?

Lettieri: Ich habe bei zwei Trainingseinheiten am Tag, die es bei der Reserve nicht gab, schnell gemerkt, dass das Knie der Belastung nicht mehr stand gehalten hat. Mein Ziel war es immer, Profi zu werden. Das war einfach nicht mehr drin und darum war das Thema für mich abgeschlossen. Ich bin dann eher zufällig zum Trainerjob gekommen.

SPOX: Wie das?

Lettieri: Eigentlich wollte ich mit Fußball nichts mehr zu tun haben und habe die Geschäfte meiner Eltern übernommen. Irgendwann kam ein Freund zu mir und meinte, ich solle mal ein halbes Jahr als Spielertrainer aushelfen. Dafür hatte ich aufgrund meines Jobs keine Zeit. Aber ich wurde so lange weichgeklopft und ich hab es dann doch gemacht.

SPOX: Und sind sofort aufgestiegen, richtig?

Lettieri: Ja. Und dann kam wieder 1860 und hat mich als Amateurmanager, Co-Trainer und Stand-By-Spieler zurückgeholt. Dann sind wir mit den Amateuren von der Bezirksoberliga bis in die Regionalliga aufgestiegen und so ist es dann weiter gegangen. Danach habe ich denselben Ehrgeiz entwickelt, den ich als Spieler hatte. Für mich gibt es nur ein Ziel und das ist das Profigeschäft.

SPOX: Deshalb haben Sie gleich ganz oben angeklopft und bei Giovanni Trapattoni hospitiert.

Lettieri: Das ist richtig. Ich habe ihn während meiner Zeit bei 1860 kennengelernt. Beim Derby gegen die Bayern entstand der Kontakt zu ihm. Als er nach Florenz gegangen ist, habe ich dort vier Wochen hospitiert. Das hat sich in seiner Zeit bei Red Bull Salzburg wiederholt. Aber ich habe mir auch viele andere Cheftrainer angeguckt.

SPOX: Die da wären?

Lettieri: Ich war in der Bundesliga bei Thomas von Heesen in Bielefeld, bei Friedhelm Funkel in Frankfurt und bei Petrik Sander in Cottbus. Außerdem habe ich mich noch beim SSC Neapel umgeschaut, damals war Zdenek Zeman dort Trainer. Das waren alles wichtige Erfahrungen für mich.

SPOX: Hospitanzen dauern meist nicht mehr als vier Wochen, ein sehr kurzer Zeitraum. Was nimmt man mit?

Lettieri: Heutzutage ist es schwer, ins Trainergeschäft einzusteigen, wenn man vorher nicht langjähriger Profi war. So musste ich mir meinen Zugang über solche Wege erkämpfen. Das ist ja das Schlimme. Wenn heute ein Bundesligaspieler seine Karriere beendet ist er morgen mindestens Zweitligatrainer. Und wir anderen Trainer müssen eben step-by-step versuchen, nach oben zu kommen.

SPOX: Was konnten Sie konkret von einem wie Trapattoni lernen?

Lettieri: Man lernt das ganze Konzept kennen. Das lässt sich am Beispiel Florenz ganz gut erklären. Da ist es nicht so, dass ein Trainer seinen Co-Trainer hat und das war es dann. Dort gibt es einen großen Trainerstab und jeder trägt große Verantwortung. In Florenz wurde zuerst mit dem Fitness- und dann mit dem Konditionscoach trainiert. Und dann kamen erst Trapattoni und sein Co zum Zug, die sich dann um die taktischen und technischen Einheiten gekümmert haben. Das gibt es natürlich überall, aber in Deutschland eben nur sehr vereinzelt.

SPOX: Wie war Ihre Zeit bei Arsene Wenger?

Lettieri: Da war ich auch eingeladen, leider hat es zeitlich nicht geklappt. Aber ich war letzten Sommer mit im Trainingslager der Gunners. Auch da waren mindestens fünf oder sechs Trainer. Der eine war nur für die Stürmer zuständig, der nächste für die Mittelfeldspieler und so weiter. Das war für mich eine gute Lehre, denn so kann man die Spieler auch gezielt individuell schulen. Deswegen habe ich in meinem Team auch keine Leute, die nur Hütchen aufstellen.

"Heutzutage ist es schwer, ins Trainergeschäft einzusteigen, wenn man vorher nicht langjähriger Profi war. Wir anderen Trainer müssen eben step-by-step versuchen, nach oben zu kommen."

Gino Lettieri

SPOX: Klinsmann wurde dafür in Deutschland belächelt. Können Sie das nachvollziehen?

Lettieri: Ich könnte jetzt etwas sagen, aber dann mache ich mir wieder Feinde. (lacht)

SPOX: Inwiefern?

Lettieri: Ehrlich gesagt, ich habe ihn nicht belächelt, weil ich weiß, dass Klinsmann in England und Italien gespielt hat und auf der ganzen Welt unterwegs war. Auch er hat sich viele Eindrücke bei den verschiedensten Klubs geholt und wollte diese dann in Deutschland umsetzen. Man hat ihn belächelt, weil er in seinem Trainerstab acht, neun Leute hatte. Aber das ist genau der richtige Weg, das fand ich top!  Man muss da in Deutschland umdenken, das Model Chef- und Co-Trainer ist von gestern.

SPOX: Zumal Klinsmanns Nachfolger Louis van Gaal auch nicht weniger Assistenten hat.

Lettieri: Und eine Spitzenmannschaft wie Bayern München braucht das auch, denn bei so einem Kader müssen die Leute optimal beschäftigt und individuell trainiert werden. Und das ist das, was Klinsmann meinte, als er angekündigt hat, jeden Spieler besser machen zu wollen. Leider hat er die Zeit dazu nicht bekommen, woran sicher auch die Medien nicht ganz unschuldig waren. Das ist in England anders.

SPOX: Sie meinen, ein Trainer bekommt dort mehr Zeit?

Lettieri: Arsene Wenger hat seit vier, fünf Jahren nichts gewonnen, aber trotzdem wird an seiner Person festgehalten, weil sie wissen, sie haben einen guten Trainer, der immer wieder eine junge und gute Mannschaft aufbaut. Alex Ferguson hat zwischenzeitlich auch keine Titel mehr geholt und ist auch nicht vor die Tür gesetzt worden.

SPOX: Also muss sich in Deutschland etwas ändern?

Lettieri: Vielleicht sollte der ein oder andere Verein etwas mehr auf Kontinuität setzen, wie es zum Beispiel in Mainz oder Freiburg der Fall ist. Komischerweise machen das in Deutschland eher die kleinen Vereine. Kein Spitzenverein der Welt kann jedes Jahr Titel holen, trotzdem hält man in Italien, Spanien oder England sehr oft am Trainer fest. Fußball ist entgegen der gängigen Meinung kein Tagesgeschäft, im Fußball muss man etwas aufbauen und das braucht Zeit.

SPOX: Das sieht man in Madrid aber auch anders.

Lettieri: Und das ist das Problem, wieso Real nicht mehr richtig auf die Beine kommt. Wie soll sich die Mannschaft einspielen, wenn jedes Jahr an die zehn neuen Spieler kommen und ein neuer Trainer auf der Bank sitzt? Das kann nicht funktionieren.

3. Liga: Ergebnisse und Tabelle

Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann

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