"Das ist eine Katastrophe!"

Von Interview: Kevin Bublitz/Mark Heinemann
Mittwoch, 16.12.2009 | 11:17 Uhr
Jürgen Press trainiert seit dieser Saison Wacker Burghausen
© Getty
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Wacker Burghausen hat bewegte Zeiten hinter sich. In der vergangenen Saison entging der Verein dem Abstieg aus der 3. Liga nur haarscharf, da Kickers Emden keine Lizenz bekam. Jürgen Press wurde als Teammanager und Trainer in Personalunion verpflichtet und formte die Überraschungsmannschaft der Hinrunde. Zuletzt rutschte aber auch Wacker in den Strudel des Manipulationsskandals.

Burghausens Teammanager Jürgen Press sprach mit SPOX über den aktuellen Manipulationsskandal, aber auch über seine Rolle bei Wacker und seine Erlebnisse als Trainerlehrling in Süd- und Mittelamerika.

SPOX: Herr Press, wie schwer hat Sie der neue Manipulationsskandal geschockt?

Jürgen Press: Es ist eine Katastrophe! Ich habe immer an die Fairness und die Ehrlichkeit im Fußball geglaubt, aber anscheinend bin ich ein wenig zu blauäugig gewesen. Ich hätte nach der Hoyzer-Affäre nicht gedacht, dass so was noch mal in der Art und Weise auftritt.

SPOX: Sind Sie enttäuscht, dass bestimmte Werte anscheinend nicht mehr zählen?

Press: Es ist schon eine große Traurigkeit mit dabei, dass das Vertrauen in die Spieler vielleicht nicht mehr so gewährleistet sein kann, wie ich mir das vorstelle. Was sich da  andeutet, ist der Wahnsinn.

SPOX: Sie haben die letzten vier Spiele verloren. Sehen Sie eine Verbindung zu den Verdächtigungen gegen Wacker Burghausen?

Press: Nein, jede Mannschaft hat mal eine kleine Schwächephase, das ist ganz normal. Uns betrifft das nicht. Laut DFB sind es nur Vorwürfe, dass wir betroffen seien.

SPOX: Ärgert Sie das?

Press: Natürlich, denn Vereine wie Sandhausen, Osnabrück oder eben Wacker bekommen dadurch eine negative Presse. Die Klubs können nichts dafür und sind im Endeffekt die Bestraften, denn uns sind Millioneneinnahmen durch die Lappen gegangen, wenn wir deswegen aus der Zweiten Liga abgestiegen sind, nicht den Tätern.

SPOX: Kommen wir zum Sportlichen. Wacker wäre auch in der letzten Saison ohne den Lizenzentzug für Emden abgestiegen, jetzt läuft es besser. Was machen Sie anders?

Press: Ich habe eine Ist-Soll-Analyse erstellt und mir in der Kürze der Zeit eine Mannschaft zusammengebaut, von der ich glaube, dass wir eine ordentliche Rolle in der Liga spielen können. Es ist unheimlich eng, da reicht eine kleine Serie im positiven wie im negativen Sinne. Darum bewerte ich die Situation nicht über. Wir haben noch nichts erreicht!

SPOX: Sie arbeiten in Burghausen in einer Doppelfunktion a la Felix Magath. Wo liegt der Vorteil?

Press: In Burghausen stand der totale Umbruch an. Es gab keine Philosophie, es gab gar nichts. Daher war es besser, den Aufbau dieser neuen Strukturen in die Hände einer Person zu legen, die das nötige Know-How dafür hat und die neue Philosophie lebt. Ich habe natürlich nicht so einen Stab wie Felix Magath auf Schalke. Daher arbeite ich bis zu sechzehn Stunden am Tag.

SPOX: Sie haben von 1991 bis 1995 diverse Jugendmannschaften des FC Bayern trainiert. Wo sehen Sie den Unterschied in der Jugendarbeit von damals und heute?

Press: Ich sehe die Entwicklung nicht ausschließlich positiv. Die Ausbildung wird für mich heutzutage viel zu hochprofessionell abgewickelt. Die jungen Spieler müssen so viel Zeit investieren und kennen dadurch eigentlich nur noch Fußball und Schule. Ein Privatleben gibt es nicht. Wenn 14-Jährige bis zu 150 Kilometer Anfahrt haben, und dann inklusive Auswahlmannschaft fünfmal die Woche trainieren sollen, habe ich Bedenken.

SPOX: Weil wichtige soziale Kompetenzen verloren gehen?

Press: Nicht nur das. Kinder und Heranwachsende sollten das Recht haben, eben noch Kinder und Heranwachsende zu sein und keine jungen Erwachsenen. Ich würde mir wünschen, dass man erst mit 16 oder 17 diesen Professionalisierungsprozess durchmacht. Das würde den Jugendlichen auch in der Persönlichkeitsentwicklung entgegenkommen.

SPOX: Wie sieht Ihre Lösung aus?

Press: Aus dieser Maschinerie kommen die Vereine glaube ich nicht mehr raus. Denn holt ein Bundesligist einen hochtalentierten 14-Jährigen nicht, weil er an die menschliche und soziale Komponente denkt, unterschreibt dieser Junge zwei Monate später bei einem anderen Verein. So schade das auch ist.

SPOX: Nach Ihrem Engagement beim FC Bayern haben Sie auf Kuba, in Brasilien, in Panama und Costa Rica Erfahrungen gesammelt. Erzählen Sie uns von Sonne, Strand und Palmen.

Press: (lacht) Man kann das nicht mit unserem normalen Fußballtag in Deutschland vergleichen. In diesen Ländern gehen die Uhren anders. Da kann es in Kuba vorkommen, dass nur fünf Spieler bei Trainingsbeginn auf dem Platz stehen. Zwei Stunden später trudelt dann der Rest ein, weil die Busse nicht gefahren sind oder das Auto kaputt gegangen ist. Man braucht viel Improvisationstalent, um dort Fuß zu fassen.

SPOX: Wie kam es denn überhaupt zu Ihrem Trip?

Press: Den Kontakt nach Kuba habe ich mir selber besorgt. Nach Rio de Janeiro in Brasilien ist der Kontakt über Jorginho zu Stande gekommen, den ich noch aus meiner Bayernzeit gekannt habe. Der hat mir die eine oder andere Tür öffnen können. Seitdem er Co-Trainer bei der Selecao ist, hat sich der Kontakt aber leider verlaufen.

SPOX: Apropos Nationalmannschaft. Warum sind Sie nicht Nationaltrainer von Kuba geworden?

Press: Ich war im Gespräch und hätte mich dem Land gegenüber verbindlich zeigen müssen. Dort fehlt es an allen Ecken und Enden. Die Tornetze sind kaputt, wenn überhaupt welche da sind, es fehlt an Trainingsleibchen, an Bällen und an Schuhen. Da Adidas der offizielle Ausrüster der kubanischen Nationalmannschaft ist, habe ich in Herzogenaurach angerufen und gefragt, was man machen kann, um diese Probleme zu beheben. Mir wurde dann mitgeteilt, dass ich mich an den Sitz in Mittelamerika wenden soll. Der ist in Panama.

SPOX: Ein Land, das man nicht unmittelbar mit Fußball in Verbindung bringt.

Press: Ich wollte dort eruieren, was es für Möglichkeiten gibt, die kubanische Ausrüstung zu erweitern. Als ich nach Kuba zurückkam, war inzwischen Senor Reinoso Präsident und meine Anstellung als kubanischer Nationaltrainer hatte sich erledigt.

SPOX: Was kann man in Ländern wie Costa Rica, Kuba oder Panama als deutscher Trainer lernen?

Press: Neben dem Improvisieren lernt man vor allem Mensch zu werden und intensiver zu leben. Man lernt auch ganz schnell, Dinge einzuordnen, die für Europäer wichtig sind, in diesen Ländern aber ihre Wichtigkeit verlieren. Danke, Bitte, Grüß Gott, Guten Morgen - diese simple Freundlichkeit ist da schon noch mehr gegeben als bei uns.

SPOX: Warum dann der Schritt zurück nach Deutschland?

Press: Die Karriere als Fußballtrainer musste für mich in Deutschland beginnen. Die Reise war ein Lebensabschnitt, der für meine persönliche Entwicklung sehr wichtig war. Ich bin dankbar, dass ich mir das, im positiven Sinne, selber angetan habe.

Zum Steckbrief: Wacker Burghausen

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