Basti spielt immer mit

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 22.10.2009 | 12:20 Uhr
Tobias Schweinsteiger (l.) zusammen mit seinem Bruder Bastian beim Bayerischen Filmpreis 2007
© Imago
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Tobias Schweinsteiger ist ein durchschnittlicher Drittligaspieler. Dennoch steht er im Rampenlicht, weil die Leute in ihm vor allem den Bruder von Bastian Schweinsteiger sehen. Dabei hat Tobias seine eigene Geschichte zu erzählen.

Es ist ruhig geworden im Sportpark in Unterhaching. Nichts erinnert mehr an das DFB-Pokalspiel, das die Spielvereinigung 0:3 gegen Arminia Bielefeld verloren hat. Die Banden sind abgebaut, die Ränge leer und der Gast hat sich mit zwei Kisten Bier auf die Heimreise gemacht.

Im Stadion, wo sonst Trommeln, Sirenen und der Gesang der Masse für Lärm sorgen, ist nur das Gezwitscher der Vögel zu hören.

Zwischen Spielfeld und Umkleidekabinen sitzt Tobias Schweinsteiger auf einem weißen Gartenstuhl. Frisch geduscht. Schwarzes Baseball-Cap, weißes Trainingsshirt, dunkelblaue Trainingshose und weiße Laufschuhe. Die Arme hat er auf die Lehnen gelegt, zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Hände hat er ein Stück Papier zu einer kleinen Rolle geformt, die er vor sich hin dreht. Nervös ist er nicht, nur verspielt. Er spricht über das Spiel, seine Leistung und die Probleme der jungen Mannschaft. Aber natürlich auch über seinen Bruder.

In erster Linie der Bruder

Tobias Schweinsteiger ist der ältere Bruder von Bastian Schweinsteiger, dem Profi des FC Bayern. Dem Nationalspieler. Dem Schweinsteiger aus Schweini und Poldi.

Dass Bastian einer der bekanntesten Fußballer Deutschlands ist, macht auch Tobias zu einem gefragten Mann.

Nach dem Spiel interviewen die TV-Sender pflichtgemäß den Trainer, aber nur einen Spieler: Tobias Schweinsteiger. Auch in der Mixed-Zone bildet sich eine Journalisten-Traube um einen Spieler: Tobias Schweinsteiger. Seine Kollegen ziehen unbehelligt hinter ihm vorbei in die Kabine. Dabei war er an diesem Tag sicher nicht der beste Hachinger. Nach 73 Minuten wurde er ausgewechselt.

Tobias Schweinsteiger muss damit leben, dass die Leute in ihm in erster Linie den Bruder von Bastian sehen und er einen Namen trägt, der sich verkaufen lässt. Seine Kollegen wissen und akzeptieren das.

In Nußdorf in der Bezirksliga

Auch Schweinsteiger hat sich daran gewöhnt, er kennt das. Dabei hat auch er eine interessante Geschichte zu erzählen. Doch seit ein paar Jahren ist er nur mehr der Bruder. Genauer seit 2002, als Bastian beim FC Bayern damit anfing, berühmt zu werden. Ottmar Hitzfeld wechselte den damals 18-Jährigen im Champions-League-Spiel gegen den RC Lens ein. "Ich habe seine Entwicklung immer verfolgt und es macht mich auch stolz. Aber es ist nicht so, dass ich deswegen gehemmt wäre oder Druck verspüre", sagt Tobias Schweinsteiger.

Zum selben Zeitpunkt hat er gerade wieder mit Fußball begonnen. Beim FC Nußdorf in der Bezirksliga. Im Alter zwischen 16 und 20 konzentrierte er sich aufs Skifahren, startete im Europacup in allen vier Disziplinen. Mit dem Fußballspielen hatte er aufgehört. Vielleicht würde er jetzt im Weltcup fahren und gegen Bode Miller und Aksel Lund Svindal antreten, aber "irgendwie hatte ich keine Lust mehr". Dafür wollte er sein Abitur nachmachen und nebenbei ein bisschen Fußball spielen. Das mit dem Abi klappte erstmal nicht, das mit dem Fußball schon. Er spielte in Markt Schwaben, Ismaning und in Lübeck in der Regionalliga.

Dass es nicht für die ganz große Karriere wie bei seinem Bruder gereicht hat, liegt auch an den fehlenden vier Jahren taktischer und technischer Ausbildung. "Und dass der Basti einfach mehr Talent hatte", wie Tobias zugibt.

Unübersehbare Ähnlichkeiten

Bei den Zuschauern kommt das nicht immer an. Sein Name weckt Hoffnungen auf besseren Fußball in Unterhaching. Das Stöhnen und die Pfiffe nach einer missglückten Aktion provoziert er schneller, als andere Spieler. "Der Schweinsteiger scho wieder", heißt es dann, oder: "Den Schweinsteiger kannst ja ned braucha." Wenn Tobi spielt, spielt Basti bei den Fans immer mit.

Geht man nach den Äußerlichkeiten, ist das verständlich. Beide tragen weiße Fußballschuhe, beide ziehen sich die Stutzen bis über die Knie und bei beiden baumelt das Trikot locker aus der Hose. Auch der Laufstil ist ein unverkennbarer Schweinsteiger. Den Oberkörper nach vorne gebeugt, oft etwas schleppend. Die Reaktion nach einem Ballverlust: typisch Schweinsteiger. Der Kopf gesenkt, die Arme schwingen leicht nach oben aus und klatschen auf die Oberschenkel. So sieht ein Kind beim Schmollen aus.

Wer sich das von wem abgeschaut hat, kann Tobias Schweinsteiger nicht beantworten. Normalerweise eifert der Jüngere dem Älteren nach. Auch bei Schweinsteigers in Oberaudorf war das nicht anders. "Ich glaube schon, dass es gut war für Basti, dass er einen älteren Bruder hatte, nach dem er sich richten konnte", sagt er. Das klingt stolz. Aber nicht neidisch, wie er immer wieder betont.

Privates Kontrastprogramm

Das gilt auch fürs Privatleben. Während Bastian Millionen verdient, im Zentrum Münchens wohnt und dort zur High Society gehört, lebt Tobias wieder in Rosenheim. Dort fühlt er sich wohl, hat seine Freunde von früher um sich und es ist nicht weit nach Oberaudorf zu den Eltern. Die Leute nennen ihn Tobi und nicht Schweini II.

Seit er in Unterhaching spielt, sieht er seinen Bruder öfter, aber nicht regelmäßig. Vor dem Pokalspiel haben sie sich auf einen Kaffee getroffen, weil Bastian Geburtstag hatte. Das Geschenk bekam Tobias. Ein Trikot von Ryan Giggs, dem legendären Linksaußen von Manchester United. Seit den frühen 90ern Tobias' Lieblingsmannschaft.

Seinen Bruder würde Tobias gerne mal bei den Red Devils sehen. Er selbst wird es so weit nicht mehr schaffen, auch wenn er noch immer von der Bundesliga träumt. In seiner Bilanz stehen 20 Zweitligaspiele und drei Tore für Eintracht Braunschweig.

Sportlich war die Station in Niedersachsen der bisherige Höhepunkt, persönlich die schwerste Zeit seines Lebens.

Mädchen stirbt bei Verkehrsunfall

Im September 2006 fährt er auf dem Heimweg vom Vormittagstraining über den John-F.-Kennedy-Platz. Die Ampel zeigt Grün und Schweinsteiger fährt mit den vorgeschriebenen 50 km/h, als plötzlich ein Mädchen hinter einem Transporter hervor läuft. Eine 13-jährige Schülerin namens Stefanie. Sie will zu ihren Freundinnen auf die andere Straßenseite. Die Fußgänger-Ampel ist Rot. Schweinsteiger bleibt keine Zeit zu reagieren, er kann nicht mehr ausweichen.

Als er aus seinem Wagen steigt, sieht er das Mädchen regungslos am Boden liegen. Er wählt den Notruf und leistet erste Hilfe bis der Notarzt eintrifft. Die Rettungskräfte bringen die schwer verletzte Stefanie ins Krankenhaus. Am nächsten Abend stirbt sie.

Als er über den Unfall spricht, bewegt er sich zum ersten Mal in seinem Stuhl. Er richtet sich auf, sein Blick schweift in die Ferne, seine Stimme bricht aber nicht ein. Er hat das alles mittlerweile gut weggesteckt. "Mir wurde richtig gut geholfen, von Seelsorgern, vom Verein und von meinen Eltern."

Trauergottesdienst mit dem Seelsorger

Er hilft sich auch selbst, spricht kurz nach dem Unfall mit Stefanies Eltern. Die Mutter will wissen, wie es passiert ist. Mit dem Vater ist es gegenseitiges Anschweigen. "Es war auch schwer darüber zu reden. Für die Eltern war es ja noch schlimmer als für mich." Auch den Trauergottesdienst besucht Schweinsteiger mit einem Seelsorger, dem Eintracht-Manager und seiner Mutter. Sie sitzen etwas abseits, um nicht aufzufallen. Es ist nicht leicht für ihn.

"Man fühlt sich schuldig, obwohl man nichts dafür kann. Man sieht die Trauer der Verwandten und der Freunde und das trifft einen", sagt Schweinsteiger. Auf den Friedhof gehen sie nicht mehr mit. Er will nicht, dass die Medien die Szenen für sich benutzen. Er will, dass die Menschen in Ruhe Abschied nehmen können von Stefanie.

Vier Tattoos für die wichtigen Menschen

Heute denkt er nicht mehr so oft an den Unfall. Sagt er. In Braunschweig musste er jeden Tag auf dem Weg zum Training an der Unglücksstelle vorbei. Ab und zu telefoniert er noch mit seinen Seelsorgern.

Der Unfall hat ihn geprägt, seine Einstellung zum Leben verändert. Er weiß, wie viel Menschen einander bedeuten. Vier Tattoos trägt Tobias Schweinsteiger auf seinem Körper. Sie stehen für die wichtigsten Menschen in seinem Leben: seine Mutter, seinen Vater, seine Freundin und seinen Bruder.

Tobias Schweinsteiger: Spiele und Tore

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