Andreas Möller im Interview

"Es wurde gerne provoziert"

Von Interview: Kevin Bublitz/Mark Heinemann
Dienstag, 25.08.2009 | 11:24 Uhr
In 429 Bundesligaspielen für Frankfurt, Dortmund und Schalke erzielte Andreas Möller (r.) 110 Treffer
© Getty
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Er wurde 1990 in Italien Weltmeister, gewann sechs Jahre später den EM-Titel in England. Mit Borussia Dortmund feierte Andreas Möller den Sieg in der Champions League und im Weltpokal, mit Juventus Turin errang er den UEFA-Pokal. Nach einer einjährigen Station als Trainer bei Viktoria Aschaffenburg geht der 41-Jährige nun in seine zweite Saison als Sportlicher Leiter beim Drittligisten Kickers Offenbach. Im SPOX-Interview spricht Möller über seine aktive Zeit, die deutsche Nationalmannschaft und heutige Spielmacher-Typen.

SPOX: Herr Möller, Sie selbst standen sehr früh im Profikader von Eintracht Frankfurt. Wenn Sie die damaligen Nachwuchsspieler und die heutigen vergleichen: Was hat sich verändert?

Andreas Möller: Ich habe damals mit 18 Jahren einen Profivertrag unterschrieben und hatte das große Glück, dass ich bei der Eintracht in einer Mannschaft zum Einsatz gekommen bin, die in der Bundesliga Mittelmaß war. Verändert hat sich, dass die meisten Talente im Jugendbereich bereits einen Berater haben. Oder schauen Sie sich die ganzen Leistungszentren an, die aus dem Boden schießen. Das gab es zu meiner Zeit nicht.

SPOX: An drei Weltmeisterschaften haben Sie aktiv teilgenommen. Wie schätzen Sie die aktuelle Nationalmannschaft im Hinblick auf die WM in Südafrika ein?

Möller: Das ist schwer zu sagen. Wir sind sicher in der Lage, in Südafrika eine gute Rolle zu spielen. Unserer Mannschaft ist wie immer einiges zuzutrauen. Wir sind eine Turniermannschaft, aber es muss natürlich alles zusammenpassen, um Weltmeister zu werden.

SPOX: Sie waren bekannt für Ihr kreatives, schnelles und dribbelstarkes Mittelfeldspiel. Ist dieser Typus in Deutschland ausgestorben, oder sehen Sie einen aktuellen Spieler mit diesen Fähigkeiten?

Möller: Die Tendenz geht ja eher zu zwei starken Sechsern, so dass es den klassischen Spielmacher vielleicht gar nicht mehr gibt. Wer in so eine Rolle schlüpfen könnte, ist Bastian Schweinsteiger, der sehr kreativ ist. Oder ein Mesut Özil, den ich als hängende und kreativ agierende Spitze sehr stark sehe. Mit Stürmern wie Gomez oder auch Klose kombiniert haben wir schon ein sehr gutes Offensivpotential in Deutschland.

SPOX: Sie sprechen Bastian Schweinsteiger als Zehner an. Louis van Gaal sieht Franck Ribery für diese Aufgabe vor. Die momentane Diskussion, ob das der richtige Schritt sei, haben Sie sicher verfolgt. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Möller: Ribery ist im Offensivbereich sicher überall einsetzbar. Ein Ribery in Topform ist sicher nicht zu ersetzen. Man sollte ihn dahinstellen, wo er für die Mannschaft am effektivsten ist und wo er der Mannschaft am meisten helfen kann. In der Vergangenheit hat er gezeigt, dass er über die linke Seite sehr stark war.

SPOX: Van Gaal scheint sich aber doch etwas von diesem Positionswechsel zu erhoffen.

Möller: Van Gaal hat sein eigenes System und somit auch eigene Vorstellungen. Aber man sollte Ribery so ins Spiel bringen, dass er für Bayern München wertvoll ist. Van Gaal würde sich aber bestimmt nicht dagegen wehren, Ribery wieder auf die linke Seite zu stellen, wenn er feststellen müsste, dass es mit Ribery hinter den Spitzen nicht klappt.

SPOX: Rafael van der Vaart ist auf dem Markt. Abgesehen von Ihrem Favoriten Schweinsteiger - wäre er die Idealbesetzung für die offensive Position in der Raute?

Möller: Sicher wäre Van der Vaart so ein Spieler. Das ist ein toller Fußballer, der alle Qualitäten für so eine Aufgabe mitbringen würde.

SPOX: Als Spieler haben Sie durchaus polarisiert. Wie hat sich der Mensch Andreas Möller nach seiner aktiven Karriere verändert?

Möller: Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Man kann den Spieler und den Sportmanager Möller nicht vergleichen. Sicher habe ich mich auch weiterentwickelt, habe eine eigene Familie und neue Aufgaben. Als Spieler erlebst du wilde Zeiten und bist Woche für Woche Drucksituationen ausgesetzt. Ich habe 18 Jahre lang die Ärmel hochgekrempelt und jetzt ist es ruhiger geworden. Es ist sehr angenehm für mich, nicht jeden Tag mit den Medien im Kontakt zu stehen und Dinge über mich zu lesen. Das tut gut.

SPOX: Das klingt so, als wären Sie erleichtert, Ihre Schuhe an den Nagel gehängt zu haben.

Möller: Ich habe die Zeit als Fußballer genossen und führe jetzt einfach ein neues Leben. Ich habe doch alles erlebt, war Welt- und Europameister und habe auch auf Vereinsebene alle Pokale in der Hand gehabt. Es war zum Schluss meiner Karriere einfach ausgereizt und ich habe mich auf neue spannende Aufgaben gefreut.

SPOX: Trotzdem noch ein kurzer Blick in Ihre Vergangenheit. Sie sind mit Spielern wie Lothar Matthäus oder Mario Basler aneinandergerasselt. Wie blicken Sie im Nachhinein auf solche Geschehnisse zurück?

Möller: Ich war kein Lautsprecher wie andere Herren, und habe den Weg über die Presse auch nicht gesucht. Bei all dem darf man aber auch nicht vergessen, dass die Rivalität zwischen Dortmund und Bayern in den neunziger Jahren sehr groß war. Da wurde dann auch gerne mal provoziert. Es ging um Stammplätze und die Frage, wer spielt in der Nationalmannschaft neben Matthäus, Basler oder Möller. Ich denke, das ist ein ganz normales Prozedere. Heute erleben wir das beim Kampf um die Nummer eins im deutschen Tor, oder wenn Frings fragt, wieso er nicht nominiert ist. Das ist alles ganz normal. Es ist aber sicherlich so, dass damals mehr Spieler polarisiert haben, als es heute der Fall ist. Davon hat die Bundesliga in den Neunzigern gelebt.

SPOX: Fehlen diese Typen denn heute?

Möller: Ja, diese Art Spielertypen gibt es heute sicher nicht mehr so häufig, wie noch vor zehn Jahren. Diese Typen wachsen aber auch nicht auf Bäumen.

SPOX: Wer war ihr unangenehmster Gegenspieler?

Möller (lacht): Ich hatte viele Kettenhunde. Ich kann Ihnen aber explizit keinen Namen nennen. Das war Woche für Woche ein Kampf Mann gegen Mann. Damals war es einfach viel schwieriger, sich durchzusetzen, da in der Manndeckung verteidigt wurde. Heute wird oft im Raum übergeben und man hat automatisch mehr Platz. Das wäre für mich ideal gewesen, da hätte ich vielleicht noch ein paar Tore mehr schießen können.

Andreas Möller über Kickers Offenbach

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