DFB-Pokal - Finale

Ein Gemisch aus Schweiß und Lärm

Von Für SPOX in Berlin: Haruka Gruber
Sonntag, 22.05.2011 | 15:06 Uhr
Schalkes Mannschaft feierte bis in die Morgenstunden
© Imago
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Klub-Boss Clemens Tönnies besingt Manuel Neuer als "sexy", Bundestrainer Joachim Löw begeistert sich an Julian Draxler - nur die "Schucki-Mucki"-Mentalität im Kader gab Anlass zur Sorge. Auch Duisburg steht vor dem Umbruch.

Irgendwann siegte die Angst über der Neugierde. Als der knapp bemessene Biervorrat in kürzester Zeit vernichtet worden, das Adrenalin der Spieler jedoch noch längst nicht abgebaut war, flüchtete Horst Heldt als erster aus der Kabine.

"Die Mannschaft forderte immer mehr Alkohol, wir kamen gar nicht nach. Irgendwann habe ich mich nicht mehr reingetraut, weil alles, was nicht zerbrechen konnte, herumgeschmissen wurde", erzählte der Sportvorstand des FC Schalke 04. Seine dezente Bierfahne verriet jedoch, dass auch er nicht ganz unschuldig war an der ausgelassenen Stimmung.

Dem 5:0 im Finale des DFB-Pokals gegen den bemitleidenswerten Zweitligisten MSV Duisburg folgte eine Explosion der Emotionen. Ein Gemisch aus Schweiß, Umarmungen und Lärm, das nur entfernt etwas mit Gesang zu tun hatte.

"Manuel Neuer und Jefferson Farfan lieferten sich einen Wettbewerb, wer am lautesten feiern kann", verriet Heldt.

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Draxler eröffnet Torreigen

Als in der Kabine der DFB-Pokal mitsamt flüssigem Inhalts von Spieler zu Spieler gereicht wurde, wusste Julian Draxler nicht so recht, wie er sich denn zu verhalten habe. Seit der leidigen Schulabbruchsdiskussion obliegt der Minderjährige besonderer Beobachtung.

"Ich glaube, Bier ist mit 16 erlaubt, ich weiß es aber nicht genau. Und ich wollte mich ohnehin erstmal zurückhalten aus Respekt", sagte der 17-Jährige, der mit seinem fulminanten Distanzschuss den Torreigen eröffnete. "Aber dann habe ich es einfach gemacht und aus dem Pokal getrunken."

Draxler ist eines der neuen Gesichter des neuen Schalke. Es soll frisch sein, unverbraucht, frei von unrealistischen Titelambitionen und verbissenen Großmachtphantasien. Nach einem Jahr der Extreme mit allen erdenklichen Schattierungen des Fußballs soll sich der Verein konsolidieren, seine innere Mitte wiederfinden und sich wieder der Basis nähern.

Löw lobt Draxler

Draxler bietet sich an, ist er doch wie der designiert neue Kapitän Bendikt Höwedes ein Kind des Vereins, loyal, aber auch talentiert genug, um Schalke unter den Top-Mannschaften Deutschlands zu halten.

Bundestrainer Jogi Löw war beeindruckt und sieht Draxler bereits im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft: "Er hat im letzten halben Jahr unsere Aufmerksamkeit geweckt. Er ist ein großes Talent und hat gute Möglichkeiten."

Draxler: "Mein Siegtor im Viertelfinale gegen Nürnberg war vielleicht wichtiger als das 1:0 im Finale. Aber dennoch ist das alles ein mega-geiles Gefühl. Ich werde Zeit brauchen, um all das zu verarbeiten."

"Sexy, ich würde alles, für dich tun!"

Es war schwer auszumachen, ob Manuel Neuer nach den Strapazen des Endspiels und den folgenden Interviews schlichtweg erschöpft war. Oder ob er etwas verkrampft wirkte, weil ihm die auf ihn gerichteten Blicke der 400 VIP-Gäste etwas pikierten, als er mit Draxler und den anderen Mitspielern von Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies bei den anschließenden Feierlichkeiten in einem Berliner Edelrestaurant auf das Podium gebeten wurde.

Tönnies, der begeisterte Sänger, stimmte den Schalker Vereinssong an und legte demonstrativ den Arm um Neuer, der verunsichert dreinblickte und anfangs nur zaghaft mit einstimmte. Später in der Nacht soll ihm Tönnies auch einen Westernhagen-Klassiker gewidmet haben: "Sexy, ich würde alles, für dich tun!"

Aber man kann Neuer beruhigen: Die Zeiten, in denen er sich für jede Geste rechtfertigen muss und das Mitsingen seiner seit der Kindheit so vertrauten Hymne tiefenpsychologisch analysiert werden, sind mit dem Pokalfinale endgültig vorbei. Es war sein letztes Pflichtspiel für Schalke, schon am Montag könnte der im Grunde bereits perfekte Wechsel zum FC Bayern vollzogen werden.

Tönnies: Sondersitzung wegen Neuer-Transfer

Eine neue Mentalität muss her

Schalke verliert seine Identifikationsfigur, gewinnt im Gegenzug jedoch mindestens 20 Millionen Euro, um den Kader entsprechend den Bedürfnissen von Trainer Ralf Rangnick anders auszurichten. Die Mannschaft soll verkleinert, verjüngt und dynamischer werden. Und sie soll über eine neue Mentalität verfügen. Eine, die beständig Topleistungen zu erbringen bereit ist und sich nicht nur auf die vermeintlich höherwertigen Spiele in der Champions League und im Pokal fokussiert.

Vorstand Heldt nennt das in dieser Saison so auffällige Phänomen "Schucki-Mucki". Nein, er meine nicht "Schicki-Micki". Es hieße so, wie er es gerade gesagt hatte: "Schucki-Mucki".

"Wir waren anfangs sehr konzentriert, aber dann kam das Schucki-Mucki. So Hacke, Spitze, eins, zwei, drei", sprach Heldt die Phase zwischen der 30. und 40. Minute an, als das fußballerisch zwei Klassen schlechtere Duisburg mit simplen Diagonalpässen die plötzlich nachlässige Schalker Abwehr unerklärlich große Probleme bereitete und nah dran war am Anschlusstor zum 1:2.

"Ich war froh, dass wir kurz vor der Pause noch das 3:0 gemacht haben. So, wie wir gespielt haben, sind wir auf einmal Gefahr gelaufen, ein Tor zu kassieren. Das ist nicht schön", sagte Heldt, der in den letzten Wochen bereits mangelnde Charakterfestigkeit in der Mannschaft ausmachte.

Tränen bei Koch und Veigneau

Während die Schalker nach dem Finale brüllten und randalierten, was die Etikette hergab, flossen in der Kabine der Duisburg Tränen der Enttäuschung und des Abschiedsschmerzes. Der 20-jährige Julian Koch versagte kurzzeitig die Stimme, als er vor Rührung bebend seine letzte Rede hielt, bevor er zu Borussia Dortmund zurückkehrt.

Ebenfalls mit feuchten Augen verabschiedete sich Linksverteidiger Olivier Veigneau, der trotz ausbleibender Angebote eine Zukunft in der Bundesliga plant und entsprechend den MSV verlässt. "Die Worte... wenn ich an sie denke, bekomme ich noch immer Gänsehaut. Es war irrsinnig schön, Teil der Mannschaft gewesen zu sein", sagte Stefan Maierhofer, einer der vielen Ausfälle am Finaltag - und einer der vielen namhaften Abgänge.

Duisburg wie Schalke vor Umbruch

"In meinem Alter muss ich einfach in der ersten Klasse spielen. Wenn Duisburg aufgestiegen wäre, hätte man sicherlich noch einmal verhandeln können. Aber ich habe hier auf so viel Kohle verzichtet, dass sich die Wege nun einfach trennen werden", sagte Maierhofer.

Neben ihm, Koch (Dortmund), Olcay Sahan (Kaiserslautern) und Veigneau verlassen auch Goran Sukalo ("Habe Angebote aus der Bundesliga") und die ausgeliehenen Ivica Banovic (Freiburg) und Filip Trojan (Mainz) den Klub.

Duisburg steht wie Schalke vor keinem radikalen, aber doch nachhaltigen Umbruch. Nachwuchsspieler sollen gezielt verpflichtet und gestärkt werden.

Sei es Kevin Wolze oder Sergej Karimow, die es Daniel Reiche und Sefa Yilmaz nachmachen und von Wolfsburg II zum MSV ziehen. Sei es der junge Grieche Billy Pliatsikas, den Schalke verleiht. Oder Sei es Andre Hoffmann, ein Eigengewächs, der es bereits zum Kapitän der deutschen U-18-Nationalmannschaft gebracht hat.

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Um dennoch nicht zu unbedarft im Aufstiegskampf in der folgenden Saison zu sein, gelang es trotz schmalen Budgets, von Cottbus Emil Jula und Jiayi Shao sowie vom FSV Frankfurt Spielmacher Jürgen Gjasula vom MSV zu überzeugen.

Das 0:5 gegen Schalke, was mit dem Egalisieren der höchsten Finalniederlage in der Geschichte des Pokals einherging (1975: Schalke - Lautern 5:0), war ein Beweis dessen, dass es der Mannschaft an Tiefe und Qualität mangelt.

Dennoch verwehrte sich Trainer Milan Sasic einer allzu negativen Bewertung: "Leider hat die Leistung nicht gestimmt und deswegen geht die Niederlage auch in der Höhe absolut in Ordnung. Aber ich werde meine Spieler nicht als Verlierer bezeichnen. Wir haben so viel geleistet, wir waren schon vor dem Finale die Sieger."

Das DFB-Pokal-Finale im Überblick

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