Fussball

Kevin-Prince Boateng vor dem DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern: Willkommen zurück

Mittwoch, 16.05.2018 | 10:29 Uhr
Kevin-Prince Boateng kehrt im Pokalfinale in seine Heimat zurück.
© getty

Kevin-Prince Boateng steht vor dem vielleicht größten Highlight seiner Karriere. Der 31-Jährige spielt am Samstag (20 Uhr im LIVETICKER) mit Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern sein erstes DFB-Pokalfinale. Boateng kehrt in seine Heimatstadt zurück - als Fußballer.

Den Bayern steht trotz des Ausscheidens gegen Real Madrid noch ein Champions-League-Finale bevor. Zumindest Kevin-Prince Boateng misst dem Pokalfinale in Berlin eine ähnliche Bedeutung bei. "Es gibt keinen Pokal auf der ganzen Welt, der so wichtig ist und so wahrgenommen wird", sagte er gegenüber Eintracht TV.

Ein Finale gegen Bruder Jerome oder zumindest dessen Team in der Heimatstadt Berlin: Besser geht's nicht? "Doch, wenn wir gewinnen", meint KPB. Doch schon vor dem Ausgang der Partie kann man wohl behaupten, dass das Spiel, auch aufgrund der besonderen Konstellation, eines der Highlights in Boatengs Karriere ist - trotz des Scudettos mit Milan oder des englischen League-Cup-Erfolgs mit den Tottenham Hotspur.

Kevin-Prince Boatengs Karrierestationen und Titel

ZeitraumVereinTitel
2004-2007Hertha BSC II/Amateure-
2005-2007Hertha BSC-
2007-2009Tottenham HotspurLeague Cup
2009Borussia Dortmund (Leihe)-
2009-2010FC Portsmouth-
2010-2013AC MailandMeister, Supercup
2013-2015FC Schalke 04-
2016AC Mailand-
2016-2017UD Las Palmas-
seit 2017Eintracht Frankfurt-

Kevin-Prince Boateng kehrt in die Beletage des Fußballs zurück

Für Boateng bedeutet die Fahrt nach Berlin nicht nur eine Rückkehr in seine Kindheit, sondern auch in die Beletage des europäischen Spitzenfußballs. Denn in diese Kategorie ist Boateng wieder einzuordnen.

In den vergangenen Jahren wuchs Boateng als Spieler und Persönlichkeit. In Frankfurt kam die Entwicklung des Routiniers in voller Pracht zur Geltung.

Kevin-Prince Boatengs Karriere-Tiefpunkt beim FC Schalke 04

Noch vor acht Jahren, nach Boatengs Foul im FA-Cup-Finale gegen Michael Ballack, das dem Capitano die WM-Teilnahme kostete, gipfelte die öffentliche Ablehnung gegen den "Rüpel"- und "Ghetto-Profi" in wüsten und verabscheuungswürdigen Beleidigungen. Boateng wurde Zeuge, ja Opfer eines der ersten großen Social-Media-Shitstorms.

"Ratte" war da einer der harmlosesten Begriffe, mit denen sich Boateng konfrontiert sah. Andere wünschten ihm das durch Gewalt herbeigeführte Karriereende. Er war plötzlich noch fremder im eigenen Land als er es ohnehin schon war. Boateng entsagte sich für eine Weile des deutschen Fußballs.

Der erste Rückkehr-Versuch scheiterte. Bei Schalke 04 blieb die Milan-Leihgabe weit hinter den Erwartungen an einen Führungsspieler zurück, was sogar zur Suspendierung führte. "Von der Körpersprache her ist er nicht so, dass er uns hilft und (...) das können wir in den letzten 14 Tagen nicht gebrauchen", sagte der damalige Schalke-Manager Horst Heldt über Boateng.

Der Tiefpunkt war erreicht. Boateng legte sich früh den Ruf als rebellisches Problemkind zu, das die Medien mit Kusshand annahmen und entsprechend bespielten. Nun wurden allerdings Boatengs Leistungen ebenfalls zum Problem. Boateng erzählte später, in dieser schweren Zeit sogar ans Karriereende gedacht zu haben.

Eintracht Frankfurt und Kevin-Prince Boateng passen zusammen

Doch er steckte nicht zurück. Nach einem Neuanfang in Las Palmas startete Boateng seinen vermutlichen letzten Versuch in der Bundesliga. "Ich habe mir einfach vorgenommen, nach Deutschland zu kommen und allen nochmal zu zeigen, dass Deutschland und Boateng funktioniert", sagte er Sport1.

Die Chemie in Frankfurt stimmte von Beginn an. Fredi Bobic und Niko Kovac kannte er aus Berliner Zeiten. Er teilt die vor allem durch Vereinspräsident Peter Fischer verkörperten Philosophien des Klubs. Der bunt zusammengewürfelte Kader, die vielen unterschiedlichen Kulturen in der Mainmetropole - Boateng fühlte sich zuhause: "Das macht Spaß. Das ist in Berlin ja genauso."

Boateng hat sich nicht nur in diesen "bunten Haufen", wie er sein Team beschreibt, eingefügt, er identifiziert sich mit ihm und führt ihn. Der "Rüpel-Profi" avancierte in kürzester Zeit zum Papa der jungen SGE-Familie.

Boateng entledigte sich endlich seines alten Images. George Boateng, der Rapper "BTNG", verstand die Anfeindungen gegen seinen Bruder ohnehin nie. "Kevin ist kein Ärger-Macher. Wer mit Kevin Ärger hat, mag sich selbst nicht", sagte er im Interview mit Backspin TV. Der Prügelknabe der Medien ist Geschichte, der Fußballer Boateng ist zurück.

Das bringt Kevin-Prince Boateng der Eintracht

In Frankfurt ist er gar mehr als das. Kovac beschrieb seinen verlängerten Arm als Jungen, "der geradeaus ist. Ein Junge, der Emotionen hat. Ein Junge, der Gefühle besitzt, Empathie besitzt. Ein Spieler, der die Mannschaft führen kann. Das ist das, was wir brauchten in Frankfurt."

Boateng bringt dem Frankfurter Spiel als Box-to-Box-Spieler Dynamik, Durchschlagskraft und Überraschungsmomente. Er ist als Initiator vieler Angriffsbemühungen der SGE unverzichtbar. Ohne Boateng fehlt es der Eintracht an Tiefe im Mittelfeld. Frankfurt greift dann zunehmend auf lange Bälle zurück und erspielt sich pro Spiel ohne Boateng 2,3 Schüsse aufs Tor weniger.

Umso besorgniserregender dürften die Adler-Fans die Spekulationen um einen möglichen Abschied Boatengs aus Frankfurt auffassen. Mit Kovac verließ der Dompteur des "bunten Haufens" und Boatengs Bezugsperson den Verein.

Niko Kovac ist wichtig, aber die Mannschaft ist wichtiger

Boateng vermeidet trotz eines Vertrags bis 2020 ein klares Bekenntnis zur SGE: "Ich konzentriere mich auf die Spiele, nicht darauf, ob ich hierbleibe oder nicht." Kovac ist sicher ein Faktor und laut Boateng eine wichtige Personalie für den Verein. Noch wichtiger sei aber "das Kollektiv, wir alle zusammen".

Tritt der Kovac-Wechsel zum FC Bayern jedoch einen Dominoeffekt los, der dieses Kollektiv aufbricht, könnte das Boatengs Planungen beeinflussen. Denn: Er lebt seine neue Rolle als Anführer eines eingeschworenen Haufens. Er stellt den Teamgeist sogar über den sportlichen Erfolg: "Wenn du so eine gute Truppe hast, in der es nie Streit gibt, und jeder dem anderen helfen möchte, ist das das positive Ergebnis."

Früher oder später wird Boateng nach Mailand zu seiner Familie zurückkehren. Zuerst aber steht eine andere Rückkehr auf dem Programm.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung