Pokalfinale: BVB-Teammanager Fritz Lünschermann

Die Allzweckwaffe des BVB

Donnerstag, 25.05.2017 | 09:37 Uhr
Fritz Lünschermann ist seit Anfang 2008 Teammanager bei Borussia Dortmund
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Fritz Lünschermann arbeitet seit 29 Jahren bei Borussia Dortmund. 1988 begann der 61-Jährige als Pressesprecher, nach diversen weiteren Funktionen fungiert er mittlerweile als Teammanager des BVB. Die Geschichte eines Dortmunder Urgesteins.

Indonesien im Dezember 2007, halb zehn Uhr abends, Feiertag. Der Tross von Borussia Dortmund kommt in einem Hotel in der Hauptstadt Jakarta an. Es sind die ersten zarten Pflänzchen der Internationalisierung, die DFL schickt den BVB zu einem Werbespiel gegen die indonesische Nationalelf über 11.000 Kilometer auf Reisen.

Die Temperaturen sind auch zu später Stunde noch brütend heiß. Die Spieler beziehen ihre Zimmer, doch Teile der schwarzgelben Belegschaft sind noch durstig. Trainer Thomas Doll, das Funktionsteam und die Verantwortlichen der Dortmunder schaffen es jedoch nicht, ein Feierabendbierchen zu organisieren. Es herrscht tote Hose, im Hotel und der Umgebung.

Nur einer gibt sich nicht geschlagen: Fritz Lünschermann, der älteste Reiseteilnehmer. "Ich bin auf eigene Faust trotzdem losgezogen und kam durch Zufall mit einem riesigen Tablett Bier zurück", erinnert sich der heute 61-Jährige im Gespräch mit SPOX.

Die Allzweckwaffe des BVB

"Hellauf begeistert" seien die verdutzten Zurückgebliebenen gewesen. Für Lünschermann war dies der Start in seine Karriere als Teammanager beim BVB. "Thomas Doll fragte mich an jenem Abend, was ich denn genau beim BVB tun würde. Er meinte, ich solle am besten irgendwie näher ans Team rücken. Ich hielt das aber nicht für notwendig. Nach dem Winterurlaub rief mich dann Michael Zorc an und bot mir den Job als Teammanager an", erzählt Lünschermann.

Was testweise in der Rückrunde der komplizierten Spielzeit 2007/2008 begann, ist nun Lünschermanns Berufung. Dabei war es einer kurzfristigen Erkrankung des langjährigen Dortmunder Pressesprechers Josef Schneck zu verdanken, dass Lünschermann überhaupt in Indonesien dabei war.

Ansonsten wäre Lünschermann wohl in seinem Büro am Rheinlanddamm gesessen und hätte sich in Personalunion um Öffentlichkeitsarbeit und Beschwerden gekümmert. Die Rolle des Ur-Dortmunders bei der Borussia hatte sich zum damaligen Zeitpunkt schon in die der Allzweckwaffe gewandelt.

"Ich gehe seit 1963 zur Borussia"

Angefangen hatte alles im Jahr 1988. Wie Schneck und nach ihm der heutige Pressesprecher Sascha Fligge wechselte Lünschermann von der Sportredaktion der Dortmunder Tageszeitung Ruhr Nachrichten zum BVB. Lünschermann kümmerte sich zu jener Zeit unter anderem um das Dortmunder Amateurboxen in der 2. Bundesliga.

Der Boxklub hatte in Werner Wirsing einen prominenten Sponsor. Wirsing war Schatzmeister des BVB und fragte Lünschermann auf einer Fahrt zu einem Boxduell nach Wolfsburg, ob er nicht gerne als Pressesprecher zur Borussia kommen wolle.

Lünschermann sagte zu und firmierte fortan unter der Bezeichnung 'Vorstandsassistent für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit'. Eine Entscheidung, die Lünschermann leicht fiel: "Ich gehe seit 1963 zur Borussia, mein Vater und meine Mutter hatten Dauerkarten im Stadion Rote Erde." Der BVB war Lünschermann in die Wiege gelegt worden.

Schönstes Erlebnis 1989

Gleich in seiner ersten Saison als Angestellter des Klubs erlebte er mit dem DFB-Pokalsieg 1989 "das schönste, weil emotionalste Erlebnis in all meiner Zeit". Weil niemand an die Borussia geglaubt habe, "hatte alles einen unglaublichen Charme", sagt Lünschermann.

Und erzählt dann von einem sechsköpfigen Mitarbeiterstab, zu dem auch der heutige Moderator Heiko Wasser gehörte, der in Berlin Werbung für den BVB gemacht hat. "Ein Doppeldeckerbus der Union Brauerei fuhr den ganzen Tag durch die Stadt, dazu haben wir mit einem Sechserpack Bier morgens die Medienhäuser besucht und ihnen die aktuellsten Neuigkeiten aus Dortmund erzählt", so Lünschermann.

Acht Jahre lang bekleidete Lünschermann den Posten, anfangs war er im Einfamilienhaus des Stadionverwalters der Roten Erde untergebracht. 1996 löste ihn Schneck ab und Lünschermann begann, zum Allrounder der Borussia zu werden.

Werner, komma her, der BVB ist am Apparat!

Der damalige Manager Michael Meier bot ihm die Stelle als Marketingleiter im Megastore an. Lünschermann sollte dabei helfen, den Merchandising-Bereich aufzubauen. "Ich war dort auch für die Vergabe von Lizenzen zuständig. Das ging drei Jahre lang, bis Josef mich anrief und fragte, ob ich aufgrund des großen Arbeitsaufwands nicht in seiner Abteilung für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sein wollte. Dann habe ich wieder diesen Job gemacht", erzählt er.

Doch nicht nur den: Bis heute ist er Betriebsratsvorsitzender, auch als sogenannter Beschwerde-Manager wurde Lünschermann schon eingesetzt: "Das kam auf Initiative von Aki Watzke. Er meinte, es bräuchte jemanden, der die Beschwerden abarbeitet."

Und Lünschermann wäre nicht Lünschermann, hätte er sich dafür nicht seine ganz spezielle Taktik überlegt: Er rief die Leute persönlich an. "Da ging es um teils ganz banale Dinge wie zu wenige Toiletten oder eine kaputte Jacke im Stadion, andere waren verärgert, weil sie keine Karten bekamen. Da hörte ich immer das Erstaunen heraus, wenn die Ehefrauen abnahmen und riefen: Werner, komma her, der BVB ist am Apparat! (lacht) Ich hatte ein kleines Portfolio an Geschenken, vor allem Karten. Wenn ich dann den Leuten als Entschädigung zwei Karten für das nächste Heimspiel angeboten habe, waren die wieder komplett euphorisiert", so Lünschermann.

Lünschermann und die Reus-Episode

Als Teammanager arbeitet er heutzutage unter demselben Jobprofil wie zu Beginn im Januar 2008. Lünschermann ist beim Training dabei, schreibt die Dienstpläne bezüglich der Trainingszeiten, legt die Garderobe für Auswärtsfahrten fest und versucht, die Wünsche der Spieler zu erfüllen.

"Da geht es dann um einen Kindergartenplatz, neue Möbel, Behördengänge, Dokumente übersetzen lassen und so weiter. Mit Dede und Nuri Sahin bin ich beispielsweise zu den Ämtern gegangen, um ihre deutschen Staatsbürgerschaften zu beantragen", sagt Lünschermann.

Den Altersunterschied zu den Spielern sieht er als Vorteil, nicht als Schwierigkeit. "Ich bin so etwas wie der Jugendherbergsvater. Bei all dem Trubel und den Terminen kommt es bei den Spielern einfach gut an, wenn es jemanden gibt, der für sie die nötige Zeit, Ruhe und Gelassenheit aufbringt. Wie oft saß ich mit Kevin Großkreutz bei einer Tasse Kaffee zusammen und wir haben uns Allerweltsgeschichten erzählt? Das sind letztlich alles ganz normale Menschen mit ganz normalen Sorgen", findet Lünschermann.

Nur einmal, in der Winterpause 2011/2012, ist es etwas unruhig um Lünschermann geworden. Bei einem Fanklub-Treffen in Franken setzte er sich in die Nesseln und verriet, dass der BVB zur nächsten Saison einen absoluten Top-Spieler verpflichten werde. Das stimmte auch, denn am Ende wechselte Marco Reus nach Dortmund.

"Ich sehe mich wie einen Schiedsrichter"

Extrem überrascht sei Lünschermann gewesen, als seine Aussage am nächsten Tag deutschlandweit zitiert wurde. "Wir saßen abgeschieden von Gott und der Welt in einer Dorfkneipe mit 30, 40 Leuten und haben gegessen und getrunken. Ich dachte, so etwas passiert in diesem beschaulichen Dörfchen nicht - und am nächsten Tag war plötzlich die Hölle los", erinnert sich Lünschermann.

Es folgte ein interner Einlauf. "Jürgen Klopp war außer sich. Ich sagte ihm, dass ich nicht einmal einen Namen genannt habe und mich erst Recht nicht hervortun wollte. Das habe ich noch nie gemacht. Ich plaudere keine Vereinsgeheimnisse aus. Es ist damals eben unglücklich gelaufen" sagt Lünschermann, der das Leck auf den Schriftwart des Fanklubs zurückführte. Dieser habe Protokoll geführt und es der örtlichen Presse mitgegeben. "Von dort wanderte es wie in einem Schneeballsystem immer weiter, von Medium zu Medium."

Immer weiter wandern, von Job zu Job, das galt für Lünschermanns Vita bei der Borussia lange Zeit. Seit fast zehn Jahren ist nun Stillstand eingekehrt. Lünschermann arbeitet im Verborgenen, er ist nur wenigen BVB-Fans ein Begriff.

"Ich sehe mich wie einen Schiedsrichter: Wenn von ihm niemand etwas wissen möchte, hat er meistens einen guten Job gemacht", sagt er. "Michael Zorc hat sich eben auf mich verlassen und auch verlassen können. Der BVB ist ein Großteil meines Lebens, bei einem anderen Klub könnte ich niemals arbeiten."

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