Ein Klick aus dem Nichts

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 20.03.2012 | 13:55 Uhr
Jakub Blaszczykowski spielte am 28. März 2006 gegen Saudi-Arabien erstmals für Polens Nationalelf
© Getty
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Borussia Dortmund schwimmt weiter auf der Euphoriewelle und kann mit einem Sieg in Fürth (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) ins DFB-Pokalfinale einziehen. Jakub Blaszczykowski wird dabei wieder eine wichtige Rolle zukommen. Der Pole galt lange Zeit beim BVB als Meister der Inkonstanz, ehe sein plötzlicher Formanstieg sogar das Fehlen von Mario Götze zu einer Randnotiz degradierte. Aber was nutzen Blaszczykowski die starken Leistungen? Seine Zukunft ist ungewiss.

Bis auf die Position haben Ludovic Magnin und Christian Fuchs nichts gemeinsam. Es gibt keinerlei Schnittmengen in den Karrieren der beiden Linksverteidiger. Für Jakub Blaszczykowski von Borussia Dortmund allerdings schon: Als deren direkter Gegenspieler lieferte der Pole seine besten Leistungen für den BVB ab.

Kuba vernaschte Fuchs schon zu dessen Mainzer Zeiten, und auch Magnin hatte oft einen undankbar schweren Stand gegen den pfeilschnellen BVB-Rechtsaußen. Bis vor einigen Wochen war man noch gezwungen, diese Episoden hervorzukramen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Kubas Entwicklung bei der Borussia, zu der er 2007 von Wisla Krakau wechselte, verlief in den über vier Jahren bis Ende 2011 für alle Beteiligten nur wenig zufriedenstellend. Zu sehr wechselten sich Licht und Schatten ab, der Pole glänzte allenfalls als Meister der Inkonstanz. Lief es schlecht für den BVB, ging er mit unter. Bei seinem zweifelsohne vorhandenen Talent müsse da längst viel mehr kommen, so der gerechtfertigte Tenor über die Jahre.

Als ihn Jürgen Klopp in seinem ersten Jahr in Dortmund plötzlich als hängende Sturmspitze auf dem rechten Flügel aufstellte und Blaszczykowski über Wochen seine Schnelligkeit, Technik und Vorbereiterqualitäten zur Entfaltung brachte, keimte Hoffnung auf, dass Kubas Entwicklung doch noch den rechten Weg nehmen würde.

Götzes Aufstieg - Kubas Abstieg

Das Verletzungspech hatte jedoch andere Pläne und warf ihn aus der Bahn. Als er zurückkehrte, sah man wieder den alten, von einer diffusen Lethargie befallenen Kuba. Klopp hat kürzlich erstmals einen möglichen Grund dafür genannt: "Kuba hatte lange damit zu kämpfen, dass er nach diversen Muskelverletzungen schon glaubte, dass eine Extrembelastung automatisch wieder zu einer Verletzung führen wird."

Dennoch: Die 30 Startelfeinsätze im Folgejahr hatten auch damit zu tun, dass Dortmunds Bank kaum Druck auf den rechten Mittelfeldspieler ausübte. Bis Mario Götze kam. Der Aufstieg des Youngsters ging einher mit dem leisen Abstieg des Polen. Kuba, seit jeher ein ruhiger und in sich geschlossener Vertreter seiner Zunft, war nun erstmals dauerhaft zweite Wahl und praktisch ohne Aussicht auf eine Besserung seiner Lage - und das im Jahr vor der Europameisterschaft in seinem Heimatland.

Überraschend, aber auch ein Stück weit verständlich, äußerte Blaszczykowski dann nach bis dato fünf Bankplätzen in sieben Ligapartien am Rande des Champions-League-Hinspiels in Marseille gegenüber polnischen Journalisten seinen Unmut über die festgefahrene Situation beim BVB.

"Ich bin nicht zufrieden damit, wie ich hier eingesetzt werde. Ich rege mich immer auf, wenn ich wenig spiele. Wenn ich keine Gelegenheiten bekomme, öfter zu spielen, würde ich mein Spiel irgendwo anders - nicht unbedingt in Dortmund - probieren. Einige Dinge enden eben irgendwann", so der Pole.

Rekord und konstante Leistung

Kuba setzte sich eine Deadline bis Dezember, seine Lage veränderte sich im Anschluss an seine Kritik aber nicht. Bis sich Mario Götze just in diesem Monat verletzte. Der Ausfall des 19-Jährigen - eine Steilvorlage für Kuba. Der Name Blaszczykowski fand sich seither in jeder Dortmunder Anfangsformation wieder.

Und anders als zuvor liefert Kuba nun. Drei Treffer - jetzt schon persönlicher Rekord - und sechs Torvorbereitungen (acht insgesamt) dokumentieren seitdem einen Aufschwung aus dem Nichts. Es scheint, als ob der Kapitän der polnischen Nationalelf nicht nur den Ernst seiner persönlichen Lage erkannt hat, sondern es endlich auch schafft, sein gestiegenes Selbstvertrauen in konstante Leistungen umzumünzen.

Lukasz Piszczek, seit Jugendzeiten ein dicker Kumpel, meint gar erkannt zu haben, dass vom "alten" Kuba kaum mehr etwas übrig geblieben ist: "Kuba ist zwar kein Spieler, der sich hängen lässt, aber jetzt ist er viel besser drauf, lacht viel mehr, ist ein anderer Mensch."

Klopp: "Es hat bei ihm 'klick' gemacht."

In der Tat hat die aktuelle Phase kurz vor Polens größtem sportlichen Event aller Zeiten nicht nur die Aussicht auf regelmäßige Einsätze gesteigert, sondern damit auch das für Blaszczykowski wertvolle Gefühl, wieder gebraucht zu werden.

Kuba wirkt fokussierter, agiert zielstrebiger und effizienter in seinen Aktionen. Vor allem: Er hat die defensivtaktischen Abläufe im Dortmunder Spiel nun vollständig internalisiert und belohnt sich in den Zweikämpfen für seine enorm weiten Wege.

"Es hat bei ihm 'klick' gemacht. Er hat erkannt, dass es nicht darum geht, ob er noch spielt, wenn der oder der wieder fit ist. Wenn er so gut drauf ist, wird er spielen. Er spielt in der besten Verfassung, seit wir zusammenarbeiten. Er hat unser System komplett verinnerlicht", lobt Klopp.

Der Formanstieg des einstigen Reservisten ist auch Beweis dafür, dass Dortmund den Ausfall von Stammkräften durch die mittlerweile breit besetzte und teils flexibel einsetzbare Bank auffangen kann. Götzes Abwesenheit ist längst nur noch eine Randnotiz, zumal Kuba mit seiner Quote an mehr Toren beteiligt ist, als es Götze in der gesamten Hinrunde war (14 Spiele, 5 Tore, 5 Vorlagen).

Große Konkurrenz zur neuen Saison

Die Frage jedoch ist: Was nutzen Blaszczykowski die aktuellen Leistungen? Egal, wann Götze zurückkommt - ist der DFB-Star vollständig wiederhergestellt, hat er ein Abo auf die rechte Außenbahn. Zur neuen Saison wechseln mit Marco Reus und Leonardo Bittencourt zudem zwei Spieler nach Dortmund, die nicht nur den Konkurrenzkampf im Mittelfeld weiter anheizen werden, sondern auch auf Kubas Position spielen können.

Es ist daher auch der Wunsch des Spielers, die EM abzuwarten, um über die Zukunft im Verein zu entscheiden. Das Arbeitspapier läuft 2013 aus, ohne vorherige Vertragsverlängerung gäbe es eine Ablösesumme also nur noch nach dieser Spielzeit.

"Er spielt nachhaltig auf einem sehr hohen Niveau. Wir werden das im Sommer analysieren", lässt Manager Michael Zorc wissen.

Vorzeitiger Abschied aus Dortmund?

Im Winter ging bei ihm bereits eine Anfrage von Zenit St. Petersburg ein. Die Russen waren dem Vernehmen nach bereit, rund sechs Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Der BVB lehnte aufgrund der Vakanz im rechten Mittelfeld ab, auch für Kuba war ein Wechsel "nie ein Thema".

Sollte er seine Form jedoch konservieren und auch bei der EM-Endrunde glänzen können, scheint ein vorzeitiger Abschied aus Dortmund nicht abwegig. Zumal der BVB dann die einst investierten knapp drei Millionen Euro vervielfachen könnte. Aktuell gilt der FC Liverpool als nächster Interessent, weitere dürften folgen.

"Ich hoffe, ich halte meine Leistung noch ein paar Monate. Am besten bis zur Europameisterschaft im eigenen Land. Momentan sieht es jedenfalls sehr gut aus. Aber im Fußball kann noch viel passieren", sagt der 26-Jährige.

Sollte sich Kuba für einen Wechsel entscheiden und die Bundesliga verlassen - möglicherweise ja sogar als Double-Gewinner - hätte zumindest Christian Fuchs ein Problem weniger.

Jakub Blaszczykowski im Steckbrief

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