"Sonst werden Fußballer zu Außerirdischen"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 18.05.2011 | 20:29 Uhr
Milan Sasic führte den MSV Duisburg in dieser Saison ins Finale des DFB-Pokal-Finale
© Imago
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Ein einzigartiger Werdegang: Vom Kriegsflüchtling zum Bauarbeiter zum Trainer des Pokalfinalisten. Milan Sasic vom MSV Duisburg ist viel mehr als sein Ruf als Schleifer erwarten lässt. Vor dem DFB-Pokal-Finale gegen den FC Schalke 04 (Sa., 19.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht der 52-jährige Kroate über Erziehung, Existenzangst und sein Talent mit dem Presslufthammer.

SPOX: Herr Sasic, Sie beschäftigen sich nicht nur mit Fußball, sondern auch intensiv mit Politik und Gesellschaft. Sie betonen immer wieder, wie großartig Sie die Demokratie in Deutschland finden. Was halten Sie von der grünen Welle, die Deutschland erfasst hat?

Milan Sasic: Die Wahlen zeigen, dass die Menschen das Vertrauen verloren haben. Ich bleibe skeptisch. Ich bin gegen Schnellschüsse. Die Grünen waren doch auch schon an der Bundesregierung beteiligt und haben die Atomkraft zumindest geduldet. Aber es ist wie so oft: Um einen Schuldigen zu finden, werden komplexe Themen auf eine Sache reduziert. Dabei gibt es nichts Wichtigeres als Stabilität. In Deutschland habe ich aber den Eindruck, dass die Bevölkerung, oder zumindest ein Teil der Bevölkerung, nicht zu schätzen weiß, wie gut es einem geht. Vor allem junge Menschen sind unzufrieden, dabei verstehen sie nicht, dass ein zu schneller Wandel auch negativ sein kann.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Sasic: Wenn ich mit einem 25-jährigen Spieler aus Deutschland über andere Dinge als den Fußball spreche, merke ich, dass er nicht viel weiß von dem, was in der Welt so abläuft. Ich habe meine Erfahrungen gesammelt: Ich bin in Jugoslawien unter dem großartigen Tito aufgewachsen...

SPOX: Jener Tito, der unter Historikern umstritten ist?

Sasic: In Westeuropa glauben es einige nicht, aber es war damals ein fast perfekter Staat, unabhängig, blockfrei, anerkannt in der ganzen Welt, und das gepaart mit einer hohen sozialen Qualität. Aber dann verlor das Land die Einheit und alles hat sich in die falsche Richtung entwickelt. Es wurde Hass gesät, plötzlich bekriegten wir uns und auf einen Schlag war alles weg: geliebte Mitmenschen, das gewohnte Umfeld, das Haus, in dem man sich seine eigene Welt geschaffen hat. Deswegen weiß ich ganz genau, wenn ich sage: In Deutschland mangelt es an Respekt und an der Weitsicht.

SPOX: Mit Verlaub: Ist das nicht etwas übertrieben?

Sasic: Aber so ist das doch. Ich arbeite seit Jahrzehnten tagtäglich mit jungen Menschen zusammen. Heutzutage haben manche Eltern nur noch wenig Zeit für die Kinder und drücken ihnen 10 Euro in die Hand für das Mittagessen und stellen einen Laptop hin, damit sie beschäftigt sind. Aber darunter leidet die Vermittlung grundlegender Werte wie Respekt. Woher sollen die Kinder denn lernen, was es heißt, tolerant zu sein? Oder Rücksicht auf Menschen mit anderer Gesinnung zu nehmen? Plötzlich soll dann der Fußball-Verein der Ort sein, der Kindern Halt und Ordnung gibt.

SPOX: Was bedeutet das für Sie als Trainer einer Profi-Mannschaft?

Sasic: Ich versuche den Spielern begreiflich zu machen, dass es ein Leben neben dem Platz gibt. Dass man die restliche Welt nicht ignorieren darf, sondern darauf eingehen muss. Sonst werden Profis zu Außerirdischen, die mit dem wahren Leben nichts anfangen können. Ich erzähle einigen meine Erlebnisse in Jugoslawien und versuche zu verdeutlichen, dass es für einen Fußballer wichtig ist, sich in andere Perspektiven zu versetzen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

SPOX: Zum Beispiel?

Sasic: Die Naturkatastrophe in Japan sollte auch jeden Fußballer nachdenklich stimmen. Schon vor 100 Jahren hat mein kroatischer Landsmann Nikola Tesla, einer der wichtigsten Erfinder und Wissenschaftler der Geschichte, gesagt, dass der Mensch alles machen darf, nur eines nicht: ein Atom spalten. Er hatte sich damals schon für die Solarenergie eingesetzt, aber die Menschen haben es bevorzugt, des Profits Willen die Naturgesetze mit Füßen zu treten. Jetzt kommt uns diese Denke teuer zu stehen. Daraus können auch wir im Fußball die Lehren ziehen: Soll es immer um Gewinn gehen? Oder wäre es nicht besser, hier und da mehr nachzudenken und sich in Demut zu üben?

SPOX: Es ist selten, dass ein Fußball-Trainer über Nikola Tesla referiert.

Sasic: Das habe ich von meinem Vater, einem Naturphilosophen. Mein Vater konnte wegen des Zweiten Weltkriegs nur vier Jahre die Schule besuchen und hat es dennoch zu einem angesehenen Handwerker geschafft. Ein sehr strenger, aber hilfsbereiter Mann. Ich habe einen ähnlichen Weg eingeschlagen und zunächst eine Lehre im Energiesektor abgeschlossen. Stromanlagen, Dampfer, Heizungsanlagen - ich konnte das alles steuern. Später habe ich ein Ingenieur-Studium angefangen, mich aber dann doch auf die Ausbildung zum Fußballlehrer konzentriert.

SPOX: Sie waren bereits mit 29 Jahren als Trainer in der zweiten jugoslawischen Liga tätig, doch der Bürgerkrieg Anfang der 90er Jahre beendete Ihre Ambitionen. Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung?

Sasic: Als ich 33 war, sind wir nach Deutschland geflohen - und von einem Tag auf den nächsten war alles anders: Fußball spielte keine Rolle, wir mussten um die Existenz kämpfen, wir waren Ausländer in einem fremden Land. Das hat mir psychisch enorm zugesetzt. Gleichzeitig habe ich es wegen meiner Dickköpfigkeit und meinem Stolz aber nicht mit mir vereinbaren können, einen Antrag auf Asyl oder Sozialhilfe zu stellen.

SPOX: Wie ging es weiter?

Sasic: Mein Vater, der mit meiner Mutter und meiner Frau nach Deutschland geflohen ist, beobachtete mich eine Zeitlang und sah, wie schlecht es mir ging, auch wenn ich es nicht eingestehen wollte. Irgendwann sagte er zu mir: 'Junge, Du machst einen großen Fehler.' Ich: 'Warum? Ich habe meinen Stolz.' Mein Vater: 'Ich weiß, wie Du denkst. Aber Du musst verstehen, dass es nicht um Dich geht, sondern darum, dass deine Kinder genug zu Essen haben und in die Schule gehen können. Ich weiß, das Leben früher war besser, aber versuche nicht, das Schlechte zu sehen. Denke immer daran, wie gut es Dir immer noch geht.' Erst dann habe ich verstanden, wie eingeschränkt ich in meiner Sicht auf das Leben war und dass ich das Glück in der eigenen Hand halte. Ich habe mich zusammengerissen und bin auf eine Baustelle arbeiten gegangen.

SPOX: Und das erfolgreich: Innerhalb von zwei Jahren wurden Sie vom Straßenkehrer zum Bauarbeiter und später zum Kolonnenführer befördert. Erinnern sich Sie noch an die abfälligen Blicke, die die Passanten Ihnen sicherlich zugeworfen haben?

Sasic: Manchmal habe ich die Blicke gespürt - aber das war mir völlig egal, weil ich wusste, dass ich mich freiwillig zu diesem Schritt entschieden habe. Es war auch möglich, zum Amt zu gehen und irgendetwas von politischer Verfolgung zusammenzuphantasieren. Dann hätte ich mein Geld kassieren und in der Wohnung herumsitzen können. Aber ich wollte nicht lügen, sondern ehrlich meinen Lebensunterhalt verdienen, in dem ich Bagger fahre oder den Presslufthammer bediene. Diese Einstellung hat meinem Chef gefallen und er hat mich gefördert.

SPOX: War die Zeit sorgenfrei?

Sasic: Finanziell ging es. Ich habe pro Woche 60 Stunden gearbeitet, dafür wurde ich sehr gut bezahlt. Viel schlimmer war das Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung. Mal wurde sie um drei, mal um sechs Monate verlängert. Das hat unglaubliche Nerven gekostet. Materielle Armut ist schlimm, keinen Status zu besitzen noch viel schlimmer.

Hier geht's zu Teil II: Wie Sasic in der Kreisklasse anfängt und Bier verbietet

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