Fussball

Ein gehässiges Tribunal

Von Stefan Moser
Schalke-Keeper Manuel Neuer vor einer Wand der Ablehnung
© Imago

Obwohl Manuel Neuer "nur" einen routinemäßige Arbeitstag erlebte, ist er der Hauptdarsteller beim DFB-Pokalhalbfinale in der Allianz-Arena. Der Grund: Die Hasstiraden einiger Bayern-Fans, die anschließend den Gegenwind von Karl-Heinz Rummenigge zu spüren bekommen.

Der schönste Ritterschlag kam um 22.18 Uhr. Raul Gonzalez Blanco, 33 Jahre, hochdekorierter Weltstar und an diesem Mittwoch auch der Siegtorschütze für Schalke 04 im Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern, gab sich höchstpersönlich die Ehre. Mit stolz strahlenden Kinderaugen lief er nach Spielende auf  Manuel Neuer zu und sprang dem fast zehn Jahre jüngeren Kollegen lachend in die Arme.

"Neuer ist der Beste! Er ist ein großartiger Keeper und eine großartige Person. Und er hat auch heute eine super Leistung gezeigt", schwärmte Raul auch später noch im Gespräch mit SPOX.

Hauptdarsteller wider Willen

Dass Manuel Neuer der - wenn auch unfreiwillige - Hauptdarsteller des Abends war, hatte offenbar auch der Rest der Schalker Mannschaft so empfunden: Geschlossen stürmten die Spieler nach Schlusspfiff auf ihren Torwart zu und klopften ihm kollektiv auf die Schulter.

Dabei hatte der 24-Jährige, rein sportlich betrachtet, einen eher routinemäßigen Arbeitstag erlebt. Kein Elfmeter-Drama, keine Weltklasse-Paraden, keine besonders waghalsigen Manöver.

Doch eine Gruppe von Bayern-Fans hatte das Drehbuch dieser Pokalnacht eigenmächtig umgeschrieben und aus einem Fußballspiel ein fast absurd gehässiges Tribunal gegen Schalkes Torhüter gemacht.

Lautstarke Minderheit

Abzüglich des Gästeblocks lautete das Ergebnis der Münchner Volksabstimmung: Gut 60.000 Enthaltungen - und einige hundert aggressive Gegenstimmen. "Koan Neuer", ließ die Südkurve den vom Verein angeblich umworbenen Nationalspieler gleich hundertfach Schwarz auf Weiß wissen. Und pfiff Neuer bei jeder Ballberührung aus.

Weil die Gruppe im Verhältnis zwar klein, in der Allianz Arena aber tonangebend und akustisch dominant ist, konnte selbst Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nicht umhin, sich für die zusätzlichen 90-minütigen Schmähgesänge zu schämen.

"Ich finde das nicht okay. Wie die Fans sich heute verhalten haben, dafür möchte ich mich im Namen des FC Bayern bei Manuel Neuer entschuldigen", so der 55-Jährige: "Der Junge hat überhaupt nichts gemacht. Er hat nie auch nur ein einziges negatives oder böses Wort über Bayern München gesagt."

Präsident Uli Hoeneß suchte Neuer gar persönlich in den Katakomben der Arena auf, um sich zu entschuldigen. "Natürlich nimmt man das an", sagte Neuer und versicherte: "Das ist alles kein Problem."

Kahn-Parodie als einziger Ausrutscher

Neuer hat sich seit seiner leicht naiven Oliver-Kahn-Parodie an der Münchner Eckfahne vor knapp zwei Jahren nichts zu Schulden kommen lassen. Auch die Wechselgerüchte hat er nie kommentiert.

Angeheizt wurden die Spekulationen in den vergangenen zwei Wochen eher von Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer und Trainer Louis van Gaal, die sich - direkt oder indirekt - für eine Verpflichtung des Schalker Torhüters ausgesprochen hatten.

Neuer selbst bewertete auch diese Aussagen aus München als "kleine Psychotricks" und versprach, sich ausschließlich auf seine eigene Leistung zu konzentrieren. Er hielt Wort: Den einzigen Fehler leistete er sich beim Warmschießen, als ihm ein Ball von Torwarttrainer Bernd Dreher durch die Fanghände rutschte - natürlich begleitet vom höhnischen Applaus der Bayern-Kurve.

Neuer trotzt Geschmacklosigkeiten

Abgesehen davon aber bestand er die Reifeprüfung in der aufgeheizten Atmosphäre souverän. Er hielt, was zu halten war, beherrschte sicher seinen Strafraum und überzeugte mit jener unaufgeregten und selbstbewussten Präsenz, die sich der einst etwas hibbelige Schlussmann spätestens seit der WM 2010 zugelegt hat.

Selbst Geschmacklosigkeiten von den Rängen brachten ihn nicht weiter aus der Ruhe, etwa als er nach einem Zusammenprall mit Arjen Robben kurz benommen liegen blieb und der Bayern-Block  in seinem Rücken lautstark "Zugabe" forderte.

Neuer: "Solides und seriöses Spiel"

"Ich denke, ich habe ein solides und seriöses Spiel gemacht und hier eine gute Leistung abgeliefert, und nur das war heute wichtig", blieb Neuer auch nach der Partie seiner gelassenen Linie treu. Die gegen ihn gerichteten Sprechchöre habe er ebenso wenig bewusst wahrgenommen wie die entsprechenden Spruchbänder in der Südkurve.

In einer kleinen, etwas holprigen, Aphorismensammlung setzte die Anti-Neuer Gruppierung im Stadion ihre Beleidigungen auch schriftlich fort. "Thomas Kraft bleib hier, den Rest machen wir", lautete das Motto - danach prangte alle zehn Minuten einer neuer roter Schriftzug über der Kurve.

"Wenn ich auf dem Spielfeld stehe, gucke ich auf den Ball und nicht auf Plakate", sagte Neuer trocken,  "deswegen sind wir auch weiter gekommen. Und darüber freuen wir uns natürlich tierisch."

Europa-League = Schalke-Verbleib?

Nachvollziehbar. Zumal der 1:0-Erfolg gegen die Bayern mehr war als nur ein emotionaler Triumph in einem prestigeträchtigen Duell. Denn für Manuel Neuer ist die Teilnahme am internationalen Wettbewerb ein wichtiges Kriterium für die persönliche Entscheidung über seine sportliche Zukunft. Und mit dem Einzug ins Pokalfinale gegen Duisburg am 21. Mai scheint die Europa League für Schalke plötzlich wieder ein realistisches Ziel.

Und schon könnte Manuel Neuer auch die Frage unter ganz anderen Voraussetzungen beantworten, die auf einem der Spruchbänder in der Südkurve stand: "Willst Du wirklich für die spielen, die Dich verhöhnen und verachten?"

Das DFB-Pokalhalbfinale im Überblick

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