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WM-Quali: Deutschland - Schweden 4:4

Historischer Einbruch der DFB-Elf

Von Thomas Gaber / Jochen Rabe
Dienstag, 16.10.2012 | 22:55 Uhr
Rasmus Elm erzielte in der Nachspielzeit das 4:4 für Schweden
© Getty
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Was für ein denkwürdiges Spiel in Berlin! Deutschland führte in der WM-Qualifikation gegen Schweden bis zur 62. Minute mit 4:0 und muss sich am Ende mit einem 4:4 (3:0) zufrieden geben. Noch nie zuvor verspielte eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung. Miroslav Klose schnürte zuvor einen Doppelpack (8., 15.) und ist nur noch einen Treffer von Deutschlands Rekordtorschütze Gerd Müller (68 Tore) entfernt.

Neben Klose trafen Per Mertesacker (39.) und Mesut Özil (56.) für Deutschland. Zlatan Ibrahimovic (62.), Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.+3) holten für Schweden mit ihren Treffern doch noch einen Punkt.

Deutschland führt trotzdem die Gruppe C mit zehn Punkten aus vier Spielen an.

Die Reaktionen:

Joachim Löw (Bundestrainer): "Ich bin ein wenig in der Schockstarre. Das muss man erstmal verarbeiten. Wir haben in der letzten halben Stunde unglaublich viele Fehler gemacht, die ich mir vor allem in der Häufigkeit überhaupt nicht erklären kann. Wir haben eine Stunde lang ein hervorragendes Spiel gemacht. Was danach passiert ist, habe ich noch nicht erlebt. Wir haben noch einen Punkt geholt und stehen in der Qualifikation nach wie vor gut da. Aber dieses Spiel muss ich erstmal verdauen."

Bastian Schweinsteiger: "Das ist völlig unerklärlich, das darf uns nie im Leben passieren. Das kann nicht sein. Ich habe so ein Spiel noch nicht erlebt. Wir haben uns nach dem 4:0 wohl zu sicher gefühlt und haben dann einen Schritt weniger gemacht. Und dann kann man auch gegen Schweden noch vier Tore kassieren. "

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Schmelzer muss kurzfristig wegen einer Fußverletzung passen. Der zuletzt gesperrte Lahm rückt auf links, Boateng verteidigt rechts. Khedira kann wegen seiner Oberschenkelverhärtung nicht spielen, Kroos dafür in der Startelf.

Schweden wie erwartet mit Ibrahimovic auf der Zehnerposition und Elmander im Sturm. Källström sitzt überraschend nur auf der Bank, für ihn spielt Holmen. Trainer Hamren nimmt insgesamt vier Änderungen im Vergleich zum 2:1 gegen die Faröer vor.

8., 1:0, Klose: Özil steckt an der Sechzehnerlinie für Reus durch. Der geht links im Strafraum zur Grundlinie und legt in den Rückraum. Dort steht Klose völlig frei und drischt das Ding aus elf Metern unter die Latte.

15., 2:0, Klose: Reus spielt den doppelten Doppelpass mit Kroos und Özil und geht analog zum ersten Tor zur Grundlinie. Diesmal bedient er Klose am Fünfer. Der Angreifer scheitert zunächst an Isaksson, den Nachschuss schiebt er dann aber in die Maschen.

39., 3:0, Mertesacker: Eine Flanke aus dem linken Halbfeld wird von Klose an den langen Pfosten verlängert. Dort steht Müller und legt per Kopf nach innen, wo Mertesacker volley abzieht und Isaksson keine Chance lässt.

56., 4:0, Özil: Müller sieht auf rechts Özil in der Mitte völlig frei. Chip in die Mitte, Özil nimmt den Ball an und schießt flach aus neun netzt dann aus etwa acht Metern direkt neben den rechten Pfosten ein. Das fünfte Tor im vierten Quali-Spiel für den Madrilenen!

62., 4:1, Ibrahimovic: Flanke Källström aus dem Zentrum über Badstuber hinweg aud den Kopf von Ibrahimovic, der Neuer aus acht Metern keine Chance lässt. Oben links schlägt's ein.

64., 4:2, Lustig: Wieder steht Badstuber bei einer hohen Flanke von Källström in den Sechzehner völlig falsch. Lustig nimmt den Ball rechts im Sechzehner stark runter und zieht aus spitzem Winkel ab. Neuer sieht schlecht aus und lenkt das Ding ins Tor.

76., 4:3, Elmander: Kacaniklic dribbelt mit Tempo links zur Grundlinie und legt nach innen. Elmander ist gedankenschneller als Badstuber und spitzelt den Ball in die lange Ecke.

90.+3, 4:4, Elm: Elm kommt nach Ibrahimovic-Kopfballablage aus elf Metern zum Abschluss und haut das Ding trocken unten links ins Eck! Unfassbar!

Fazit: Ein völlig verrücktes Spiel mit einer deutschen Mannschaft, die in der letzten halben Stunde unerklärlicherweise einen historischen Breakdown erlebt.

Der Star des Spiels: Miroslav Klose. Tor Nr. 66, Tor Nr. 67. Klose fehlt zum Rekord von Gerd Müller nur noch ein einziger Treffer. Beim 1:0 löst er sich perfekt vom Gegenspieler und vollstreckt mit Schmackes, beim 2:0 war etwas Glück dabei, aber Klose geht auch intuitiv wieder den kurzen Weg zum Ball.

Der Flop des Spiels: Holger Badstuber. 60 Minuten lang war der Innenverteidiger in der Defensive nicht gefordert, beim ersten gefährlichen Ball stand er dann aber gleich falsch. Das gleiche passierte Badstuber zwei Minuten später beim zweiten gefährlichen Ball der Schweden. Und beim dritten Gegentor kam er den Schritt gegen Elmander zu spät.

Der Schiedsrichter: Pedro Proenca. Der Portugiese ist einer der besten seines Fachs und stellte das auch wieder unter Beweis. Proenca lag bei den wenigen kniffligen Zweikampfentscheidungen richtig. Allerdings übertrieb es Proenca in der Endphase mit den Gelben Karten für Lahm und Schweinsteiger.

Die Trainer:

Joachim Löw stellte infolge mangelnder Alternativen nach dem Schmelzer-Ausfall Lahm wieder auf links. Kroos war der logische Ersatz für Khedira. Fassungslos ließ Löw den Einbruch seiner Mannschaft in der letzten halben Stunde über sich ergehen, ohne aktiv einzugreifen.

Erik Hamren lag mit seiner Aufstellung ziemlich daneben. Erst kurzfristig hatte sich Hamren für Holmen und Wernbloom statt für Källström und Kacaniklic entschieden. Beide wurden zur Pause nach einer katastrohalen Leistung ausgewechselt. Mit Källström hatte Schweden nach der Pause endlich einen vernünftigen Passgeber im Mittelfeld, der auch gleich zwei Tore vorbereitete. Der dritte Einwechselspieler Sana vergab die Großchance zum 4:4, den Treffer erzielte Elm in der Nachspielzeit.

Das fiel auf:

  • Deutschland schlug vom Anpfiff weg hohes Tempo an und interpretierte sein Offensivspiel sehr variabel. Özil war überall zu finden, Müller zog oft in die Mitte, wodurch Boateng Platz auf der linken Seite bekam und diesen auch sehr gut nutzte.
  • Schweinsteiger und Kroos teilten sich das Zentrum perfekt auf. Schweinsteiger brillierte in seiner Paraderolle als Ballverteiler ein paar Meter hinter Kroos, der nach dem Abspiel den Weg Richtung Schweden-16er suchte.
  • Obwohl die Schweden zwei Viererketten bei Ballbesitz der Deutschen aufstellten, kombinierte sich Deutschland immer wieder mit Kurz- und Doppelpässen bis in den Strafraum. Kroos, Özil und Reus verstanden sich dabei blind.
  • Schweden war in der Defensive lange Zeit völlig überfordert. Wernbloom und Elm gewannen im Zentrum in der ersten Halbzeit zusammen nur drei Zweikämpfe. Zudem erkannte die DFB-Elf schnell die Schwachstellen auf Schwedens Außenverteidigerpositionen und baute einige Angriffe über die Flügel auf.
  • Ibrahimovic hielt sich meistens auf einer Linie mit Elmander auf, bekam aber so gut wie null brauchbare Bälle - bis zum 1:4.
  • Nach einer nahezu perfekten ersten Stunde riss bei Deutschland durch das Tor von Ibrahimovic komplett der Faden. Zweimal wurde ein langer Ball aus dem Zentrum zwischen Badstuber und Lahm gespielt, zwei Mal stand Badstuber falsch. Zudem offenbarte die DFB-Elf in der Rückwärtsbewegung in dieser Phase enorme Mängel.
  • Unerklärlich, wie Deutschland das Spiel so aus der Hand gab und erschreckend, dass in der Endphase außer zwei Fernschüssen von Özil und Kroos keine Reaktion kam.
  • Auch Torhüter Neuer konnte einer flatternden deutschen Mannschaft in der letzten halben Stunde keine Sicherheit geben. Neuer sah beim 4:2 schlecht aus und ermöglichte Schweden durch einen fallengelassenen Ball die Großchance zum 4:4.
  • Schweden war 60 Minuten lang ein sehr schwacher Gegner, steckte aber nie auf und wurde für eine historische Aufholjagd mit dem 4:4 belohnt.

Deutschland - Schweden: Daten und Fakten zum Spiel

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