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Deutschland unterliegt England

Vive la Turniermannschaft!

Sonntag, 27.03.2016 | 12:42 Uhr
Das DFB-Team unterlag in Berlin England mit 2:3
© getty
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60 Minuten gut gespielt oder von Beginn an fehlende Einstellung? Nach der 2:3-Niederlage gegen England gehen die Sichtweisen der Spieler und des Trainers auseinander. Im Hinblick auf die EM konnte der Bundestrainer jedenfalls die gewünschten Eindrücke sammeln - positive wie negative.

Was wäre der Abend ohne Gary Lineker gewesen. Ein Spiel Deutschland gegen England kommt ja nicht um den Zusatz Klassiker herum. Und ganz selten nur ohne die bekannteste Fußballweisheit des ehemaligen Stürmers, wonach Fußball ein recht einfaches Spiel mit 22 Spielern ist und am Ende immer die Deutschen gewinnen. Wembley, München, Bloemfontein, in diesen Orten wurde Fußballgeschichte geschrieben. Die Bedeutung dieses Spiels speist sich aus seiner Geschichte.

Auch Berlin hat seine eigene Rolle im Duell dieser Fußballnationen. Noch nie konnte Deutschland ein Länderspiel gegen England in der Hauptstadt gewinnen. Auch im neunten Anlauf klappte es nicht, obwohl bei einer 2:0-Führung nach einer knappen Stunde alles auf einen Sieg des amtierenden Weltmeister hindeutete.

Aber die Three Lions drehten die Partie und besiegelten die nächste Niederlage des DFB-Teams, das nur eines der sechs Testspiele seit dem WM-Titel im Juli 2014 gewinnen konnte (1:0 in Spanien). Dem gegenüber stehen vier Niederlagen und ein Unentschieden. Linekers Spruch bedurfte also spätestens am Samstagabend einer Anpassung.

Sechs Testspiele, vier Niederlagen

Isoliert betrachtet, kann so ein Spielverlauf wie gegen England schon mal vorkommen. Aber in der Summe deutet Deutschlands Bilanz in Testspielen darauf hin, dass es außerhalb der Turniere und Qualifikationsspiele gerade nicht allzu weit her ist mit der Motivation und Mentalität.

Und selbst in manch EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar, Georgien oder Irland schien die Lust auf Länderspiele nicht gerade enorm, was nichts an der souveränen Qualifikation für die EURO ändern sollte.

Thomas Müller hat danach in den Katakomben erfrischend ehrlich darüber gesprochen. Man sei das ganze Spiel über "nicht aus dem Testspielbetrieb rausgekommen". Nach vielen englischen Wochen mit den Vereinen und emotionalen Höhepunkten wie Müller sie gegen Juventus beispielsweise hatte, ist das nachvollziehbar.

Schlecht fürs Marketing

Ob der Verband diese Sätze aber auch so gern hört, darf bezweifelt werden. Der DFB hat in den letzten Jahren alles getan, um die Mannschaft bestmöglich als Marke zu positionieren und Länderspiele zu großen Events aufgeblasen.

Der DFB-Elf wurde von Marketingleuten mit "Die Mannschaft" ein Spitzname aufgedrückt, der sich auch gerade sehr gut als Hashtag eignet und im Hinblick auf die EM in Frankreich dominierte der Slogan "Vive la Mannschaft" die Szenerie in Berlin. Eine durchschnittlich motivierte Truppe passt da nicht wirklich ins Bild und kommt beim Fan auf Dauer auch nicht gut, der für sein Ticket tief in die Tasche greifen muss.

Die Berliner haben sich recht gleichgültig gezeigt an diesem Abend. Sie kamen in Scharen, klatschten an den richtigen Stellen, pfiffen an den falschen und machten ein bisschen Laola, für Stimmung sorgten nur die Engländer. Es war eine zum Teil bizarre Atmosphäre in dieser riesigen Schüssel, weil man auch unter dem Tribünendach die Kommandos auf dem Platz noch hören konnte.

Wer hat wen mit seiner Lethargie angesteckt?

Man konnte sich nicht ganz sicher sein, ob die Mannschaft mit ihrer Leidenschaftslosigkeit die Zuschauer oder die Zuschauer mit ihrer Lethargie die Mannschaft angesteckt hatten. Aber so frei heraus wie Müller wollte ohnehin kein anderer Spieler über die Probleme dieses Abends sprechen.

Ersatzkapitän Sami Khedira meinte, man habe 60 Minuten "ganz gut gespielt", Torschütze Mario Gomez sagte sogar "sehr, sehr gut" und Toni Kroos schloss mentale Gründe gänzlich aus. "Wenn es ein Kopfproblem gewesen wäre, hätten wir ja über 90 Minuten so gespielt. Wir haben die letzte halbe Stunde als Mannschaft zu wenig gemacht."

Der bescheidene Aufwand und vereinzelt gute Aktionen Richtung Tor zuvor reichten immerhin für eine Zwei-Tore-Führung, auch weil die Engländer anfangs fahrlässig mit ihren Möglichkeiten umgingen und das deutsche Laissez-faire in der ersten Halbzeit nicht mit Toren bestraften.

Bundestrainer Joachim Löw tendierte eher zur Sichtweise Müllers als zu der Khediras. "England hat verdient gewonnen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn man nach einem 2:0 noch verliert, aber das hat sich schon vorher angedeutet. Wir hatten große Probleme, aus dem Mittelfeld nach vorne zu spielen." Immer wieder produzierte Deutschland Ballverluste im Aufbauspiel, die England zu Konteraktionen einluden.

Viele Erkenntnisse für Löw

Der Bundestrainer hatte den beiden Testspielen gegen England und Italien im Vorfeld unabhängig vom Ergebnis eine hohe Bedeutung beigemessen, weil er sich Erkenntnisse für die Auswahl seines EM-Kaders am 17. Mai versprach - in Berlin überwogen die negativen.

Die Außenverteidigerpositionen bleiben eine große Baustelle, im Zentrum können Antonio Rüdiger oder Jonathan Tah Jerome Boateng noch nicht ersetzen und das Duo Khedira/Kroos sorgt nicht konstant für Stabilität sowie Kontrolle.

Positiv in Erinnerung bleibt dagegen der Auftritt von Mario Gomez. Der Stürmer erzielte zwei Treffer, wovon ihm einer zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen wurde, und wirkte auch sonst recht fleißig und zufrieden. Er war einer der wenigen, der sich auf das Spiel voll und ganz einlassen konnte und die Chance nutzen wollte.

Vertrauen auf die Vorbereitung

Gegen Italien werden andere ihre Chancen bekommen. Spieler, die vielleicht noch mehr um ihr EM-Ticket kämpfen müssen als Müller, Kroos und Khedira und deshalb leichter aus dem Testspielmodus herauskommen.

Im Moment verlässt sich das Team ganz auf seine Wettkampfhärte. Eine sicher nicht ganz ungefährliche Herangehensweise, muss beim Blick in die jüngere Vergangenheit aber kein Fehler sein. Auch vor der WM 2014 lief es alles andere als rund und als es in der EM-Quali gegen Polen in Frankfurt zählte, war der Fokus da.

"Der Grundstein", auch da hatte Müller die beste Antwort parat, "wird in der Vorbereitung gelegt. Da kann man als Mannschaft inhaltlich und konzeptionell arbeiten." Es gebe schon einen Grund, warum Deutschland den Ruf einer Turniermannschaft besitze. "Da sind wir mental anders da." Es kann also durchaus sein, dass Lineker im Sommer wieder seinen ursprünglichen Satz posten muss.

Deutschland - England: Daten zum Spiel

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