"Ein bisschen Gas gegeben"

Von Stefan Rommel
Samstag, 03.09.2011 | 11:50 Uhr
Thomas Müller (l.) entschuldigte sich bei Christian Fuchs für seine überragende Leistung
© Getty
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Deutschland darf, bestaunt von völlig unorganisierten Gästen, ein Feuerwerk abbrennen und qualifiziert sich mit einem lockeren 6:2 für die EM. Die Sache hat nur zwei Haken: Ab jetzt gibt es nur noch Testspiele - und Teammanager Oliver Bierhoff bastelt bereits wieder an einem Wohlfühl-Slogan für die EM.

Eigentlich hatte es Joachim Löw dem Gegner sehr leicht gemacht. Am Tag vor dem Spiel verriet der Bundestrainer sowohl seine angedachte Taktik für den Vergleich gegen Österreich als auch markante Eckpfeiler seines Personals.

Mit Toni Kroos zwischen den Linien, aber ohne Mario Götze, Bastian Schweinsteiger als einziger Sechser. Die neu gefundene Ausrichtung im 4-1-4-1 war auf dem Papier augenscheinlich. Dietmar Constanini aber hatte darauf nicht reagiert.

Österreichs Teamchef wusste die wichtigsten Details, sein deutsches Pendant hatte ihm in der Gewissheit der Überlegenheit seiner Mannschaft ein paar durchaus brauchbare Hinweise gegeben. Im verordneten 4-4-2 mit zwei Sechsern waren die Gäste der deutschen Dominanz im Mittelfeld aber phasenweise hoffnungslos unterlegen.

So ergab es sich, dass zahlreiche österreichische Fans unter den 53.000 auf Schalke die eigens einstudierten Laufwege in Richtung Bierstand schon nach einer knappen halben Stunde abspulten.

Vernünftige Partie gegen Gegner ohne Plan

Da führte Deutschland bereits mit 3:0, am Ende stand ein auch in der Höhe verdientes 6:2 (3:1) gegen einen überforderten Gegner und die vorzeitige Qualifikation für die Europameisterschaft im kommenden Jahr.

Die Episode der nicht uneingeschränkt perfekt vorbereiteten Gäste soll die starke Leistung der deutschen Nationalmannschaft nicht schmälern. Aber sie hilft auch, sie ein wenig besser einzuordnen.

Die DFB-Elf spielte gegen einen Gegner ohne großen Plan eine vernünftige Partie und kam so im letzten echten Pflichtspiel für sehr lange Zeit ganz nebenbei zu aufschlussreichen Testergebnissen.

Deutschland attackierte höher und aggressiver als gewohnt, die erste halbe Stunde gab es deshalb zahlreiche frühe Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte. Das Pressing war vielversprechend, aber auch riskant. Verirrte sich doch mal ein Pass der Österreicher durch das Dickicht, war die Chance auf ein Zuspiel in die Tiefe der deutschen Viererkette relativ hoch.

"Gegen Österreich geht das"

"Man kann nicht gegen jeden Gegner so spielen. Aber gegen eine eher defensiv ausgerichtete Mannschaft wie Österreich geht das", erklärte Bastian Schweinsteiger im Gespräch mit SPOX. "Es gab aber auch Phasen, in denen ich Toni (Kroos, Anm. d. Red.) an meine Seite gezogen habe, damit wir das Spiel wieder mehr kontrollieren konnten."

Der Bundestrainer lasse der Mannschaft dabei oft auch freie Hand, auf bestimmte Situationen selbst zu reagieren und sich von ihrem Gefühl leiten zu lassen, so Schweinsteiger weiter.

Mit einer sehr stringenten Vorbereitung und einigem Laissez-faire auf dem Rasen hat die deutsche Mannschaft acht Siege in acht Partien eingespielt, dabei 28:5 Tore erzielt.

Offenbar hat sie aber bei all dem Tore schießen und Siegen völlig übersehen, dass sie sich damit von nun an bis zu den Titelkämpfen im kommenden Juni quasi nur noch Freundschaftsspiele eingehandelt hat. Jene vermaledeite Spezies von Ländervergleichen, die zumindest früher eher lästiger Ballast war denn pures Vergnügen.

Podolski mit Aufwärtstrend

Nur lässt der wild tobende Konkurrenzkampf im Team keine verbummelten Betriebsausflüge mehr zu. "Wir haben viele kreative Spieler im Team - und das auch in der Breite. Es ist wirklich beeindruckend, wie viele junge Spieler nachrücken und Druck machen", sagte Kapitän Philipp Lahm.

"Wenn man in der Weltspitze sein will, dann braucht man eine Mannschaft wie diese, wo einer den anderen ersetzen kann", formulierte es Löw.

Also müssen die Arrivierten rennen und siegen und treffen. Wie Lukas Podolski. "Ich war jetzt gegen Brasilien auch nicht so katastrophal, wie es danach dargestellt wurde. Aber heute ist mir wieder wesentlich mehr gelungen." Podolski hatte am Abend vor dem Spiel eine Unterredung mit dem Bundestrainer, der sich vom Kölner dessen Leistungsschwankungen erklären lassen wollte.

Ganz ohne Auf und Ab gestalten sich die letzten Spiele von Thomas Müller, der auch gegen den bemitleidenswerten Christian Fuchs in dessen eigenem Stadion mächtig wirbelte. "Ich habe ein bisschen Gas gegeben", sagte Müller danach fast schon entschuldigend.

"Unser Maßstab ist nicht Österreich"

Ab sofort beginnen die Planungen für das Unternehmen Titelgewinn im kommenden Jahr. Sehr wahrscheinlich bekommt die Mission auch wieder einen blumigen Codenamen.

"Ab jetzt geht es los mit den Kleinigkeiten und Feinheiten. Auch, um eine gewisse Stimmung zu erzeugen und wieder einen Slogan oder ein Motto zu entwickeln", stellte Teammanager Oliver Bierhoff ein Sequel der Bergtour von 2008 in Aussicht. "Wir haben da schon ein paar Ideen. Dabei wollen wir auch auf die Gastgeberländer Ukraine und Polen zugehen und intern eine gewisse Identifikation vorantreiben."

Bei der Bergtour, die vor drei Jahren kurz vor dem Gipfel abrupt endete, spielte der Co-Gastgeber in der Vorrunde noch Schicksal. Rot-Weiß-Rot wäre damals beinahe zum Stolperstein geworden. Jetzt haben sich die Messgrößen der beiden Mannschaften in entgegengesetzte Richtungen entwickelt.

Deutschland will beim Endturnier Spanien angreifen, Österreich muss sich in der Qualifikationsgruppe den Angriffen von Aserbaidschan und Kasachstan erwehren. Oder, wie es Bastian Schweinsteiger völlig frei von Häme formulierte: "Unser Maßstab ist nicht Österreich."

Deutschland - Österreich: Daten und Fakten zum Spiel

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