WM-Kolumne von Karlheinz Förster

"Da hast du gedacht, der Papst läuft ein"

SID
Donnerstag, 01.07.2010 | 19:21 Uhr
Diego Maradona gewann mit Argentinien das WM-Finale 1986 gegen Deutschland
© Getty
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Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982 und 1986, einmal deutscher Meister und 81 Länderspiele: Karlheinz Förster hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert - er galt sogar als einer der besten Vorstopper der Welt. Sein Spitzname: Der Treter mit dem Engelsgesicht. Bei der WM in Südafrika ist der 51-Jährige der SPOX-WM-Experte. In seiner vierten Kolumne schreibt Förster über sein direktes Duell mit Diego Maradona im WM-Finale 1986.

Hallo Fußball-Fans,

Deutschland gegen Argentinien. Da würde ich doch sagen: aus Erfahrung gut. Das waren in der jüngeren WM-Geschichte immer spannende und vor allem wichtige Partien.

1986 und 1990 das Finale, 2006 war es ein Viertelfinale - und auch am Samstag geht es wieder um den Einzug in die Runde der letzten vier. Vor 24 Jahren in Mexiko war ich selbst dabei. Wir standen wie schon 1982 im Endspiel und wollten diesen Titel unbedingt.

Aber wir sind auf eine argentinische Mannschaft getroffen, die so ziemlich das Beste war, was der damalige Fußball zu bieten hatte.

"Diego konnte einfach alles"

Sie hatten eine gute Defensive und in der Offensive Weltklassespieler wie Jorge Burruchaga, Jorge Valdano und natürlich IHN, Diego Armando Maradona, einen der besten Fußballer aller Zeiten.

Das war ja Wahnsinn, was der damals gespielt hat. Der war so überragend in Form - wenn die Argentinier mal nicht mehr weiter wussten, haben sie sich einfach vor dem eigenen Tor verschanzt und versucht, den Ball irgendwie zu Maradona zu bekommen.

Danach haben sie ihm alle ganz fest die Daumen gedrückt und oft genug kurz darauf über ein Tor gejubelt. Diego konnte einfach alles.

Lothar als Vorstopper

Woher ich das so genau weiß? Im Finale war ich in der zweiten Hälfte sein direkter Gegenspieler. Vor der Pause hatten wir es mit einer anderen Zuteilung versucht, da hat Lothar Matthäus gegen ihn gespielt. Das war, nun ja, etwas ungeschickt. Denn Maradona dachte gar nicht daran, nach hinten zu arbeiten und tummelte sich quasi ständig als eine Art Mittelstürmer in unserer Hälfte.

Da musste Lothar Vorstopper spielen, ich rückte nach links und deshalb musste Hans-Peter Briegel den Linksaußen geben. Und ohne Hans-Peter, den ich wirklich sehr schätze, zu nahe treten zu wollen: ein wieselflinker Dribbelkünstler war er in seiner Karriere nie.

Im Laufe der Partie bekamen wir das aber immer besser in den Griff und glichen nach einem 0:2-Rückstand sogar aus. Bis heute weiß ich nicht, was uns danach geritten hat, mit Mann und Maus wortwörtlich ins Verderben zu stürmen. Wir hätten durchschnaufen und in die Verlängerung gehen sollen.

Maradona 1990 lange nicht mehr so stark

Aber wir waren euphorisch und im siebten Spiel bei diesen klimatischen Bedingungen auch nicht mehr mit ganz klarem Kopf bei der Sache. Wir machten Druck - Argentinien das entscheidende Tor. So habe ich also auch mein zweites Endspiel verloren. Das ist schon etwas, was dich dein Leben lang verfolgt. Zweimal waren wir kurz davor, den Titel zu holen. Zweimal sind wir gescheitert.

1986 auch an einem überragenden Maradona. Vier Jahre später, als Deutschland im Finale gegen Argentinien endlich Weltmeister wurde, war er lange nicht mehr so stark. Natürlich war er noch sehr gut, aber seine brillanten Momente wurden weniger.

Ich hatte ihn zwei Jahre zuvor das letzte Mal gesehen, 1988 beim Abschiedsspiel von Michel Platini. Da hast du gedacht, der Papst läuft ein. Da hatte er sich schon ein wenig abgegrenzt, das war schon alleine an den drei Bodyguards zu sehen.

Später gab es Zeiten, in denen ich mir - wie viele Fans - wirklich Sorgen um Diego gemacht habe. Umso schöner finde ich es jetzt, in bei der WM in Südafrika wieder so zu erleben.

"Ich gehöre zur Pro-Maradona-Fraktion"

Jeder spürt, wie er in dieser Aufgabe als Argentiniens Nationaltrainer aufgeht. Bei den Spielen der Südamerikaner kann es gar nie langweilig werden. Denn selbst wenn auf dem Spielfeld mal gar nichts mehr los sein sollte, können die Kameras immer noch 90 Minuten Diego Maradona an der Seitenlinie zeigen.

Gerade wird ja auch heftig diskutiert: Steht Argentinien wegen oder trotz Maradona im Viertelfinale. Ich gehöre eindeutig der Pro-Maradona-Fraktion an.

Nicht, weil ich glaube, dass er die Gegner nächtelang haarklein auf Video analysiert oder ein Taktik-Guru ist. Das muss er aber auch nicht sein, dafür hat er ein sehr gutes Team im Hintergrund, dem unter anderem Carlos Bilardo angehört. Er führte Argentinien 1986 als Chefcoach auf den WM-Thron.

Aber Maradona hat es geschafft, aus einer Ansammlung von vielen Stars eine verschworene Einheit zu formen. Er sagt, dass er seine Spieler liebt. Er sagt, dass er für seine Spieler sterben würde. Und wisst Ihr was? Der meint das ernst. Das zeigt er auch offen.

Spieler gehen für Maradona durchs Feuer

Nach jedem Sieg küsst er jeden Beteiligten, der nicht bei drei in der Kabine ist. Ich bin schon gespannt, wann er aus Versehen mal den Schiedsrichter erwischt. Aber gerade die Südamerikaner benötigen diese Zuneigung. Und deshalb gehen sie für Maradona durchs Feuer.

Ob das am Samstag für einen Sieg über Deutschland reicht, muss man mal abwarten. Allerdings haben die Argentinier neben der Leidenschaft noch drei weitere, sehr gute Argumente: Lionel Messi, Gonzalo Higuain und Carlos Tevez.

Die drei können eine gegnerische Defensive schon mal in tiefste Verzweiflung stürzen. Das wird für die deutsche Abwehr der ultimative Elchtest. Ich bin vor allem gespannt, wie sich Jerome Boateng schlägt, wenn er  auf seiner Seite öfter gegen Messi verteidigen muss.

Umgekehrt macht die argentinische Abwehr bisher auch nicht den Eindruck, als halte sie allen Stürmen stand. Auf den Außenpositionen spielen mit Gabriel Heinze und Nicolas Otamendi zwei Profis, die dort nicht gerade die Erfüllung aller Trainer-Träume sind. Beide sind auf diesem Niveau Notlösungen.

"Messis WM-Bilanz bereitet mir Sorgen"

Und innen sorgt Martin Demichelis immer wieder für Überraschungsmomente. Das ist deshalb etwas seltsam, weil ich den Bayern-Spieler prinzipiell für einen ganz hervorragenden Mann halte.

Er bringt alles mit, um einer der weltbesten Innenverteidiger zu sein. Alles, bis auf die Konstanz. Er hat immer wieder Aussetzer drin, die bei engen Spielen das Aus bedeuten können.

Ich bin sehr gespannt, wie sich die deutschen Offensivspieler dort in Szene setzen werden. Genauso neugierig bin ich natürlich auf Messi. Sorgen bereitet mir besonders seine bisherige WM-Bilanz.

Vier Spiele, ganz starke Leistungen - aber kein Tor. Das ist für einen Mann seiner Klasse absolut ungewöhnlich. Und in nicht wenigen Fällen endet das irgendwann mit einer wahren Tor-Explosion.

Aber so sehr ich seine Spielkunst auch bewundere: Es muss ja nicht mehr bei dieser WM sein.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Karlheinz Förster

 

 

 

 

 

Karlheinz Förster, geboren am 25. Juli 1958 in Mosbach, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler aller Zeiten. Der heute 51-Jährige startete seine Profi-Karriere 1977 beim VfB Stuttgart, mit dem er 1984 deutscher Meister wurde. 1986 führte ihn sein Weg nach Frankreich zu Olympique Marseille. Nach seiner aktiven Laufbahn war er u.a. für den VfB Stuttgart als Manager tätig, aktuell arbeitet er als Spielerberater.

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