"Ballack ist nicht zu ersetzen"

SID
Dienstag, 18.05.2010 | 10:03 Uhr
Karlheinz Förster bestritt 81 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft
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Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982 und 1986, einmal deutscher Meister und 81 Länderspiele: Karlheinz Förster hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert - er galt sogar als einer der besten Vorstopper der Welt. Sein Spitzname: Der Treter mit dem Engelsgesicht. Bei der WM in Südafrika ist der 51-Jährige der SPOX-WM-Experte. In seiner ersten Kolumne äußert sich Förster zum WM-Aus von Michael Ballack und stellt seine Wunschelf auf.

Hallo Fußball-Fans,

als ich von der schweren Verletzung Michael Ballacks gehört habe, ging es mir wie wohl den meisten deutschen Fußball-Fans: Ich war geschockt. In erster Linie tut es mir natürlich für Michael persönlich leid.

Ich weiß doch aus eigener Erfahrung, wie du als Spieler einer WM entgegen fieberst. Das ist für jeden Fußballer ein Karriere-Höhepunkt, den es nur alle vier Jahre gibt. Michael wird bald 34 Jahre alt, Südafrika war wahrscheinlich seine letzte Chance.

Das ist bitter für ihn, aber auch für die Nationalmannschaft. Denn Michael ist einer der Spieler, die nicht zu ersetzen sind. Er hat bei Chelsea zwar eine durchwachsene Saison gespielt und nur selten wirklich geglänzt. Aber er ist und bleibt einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler, die ich kenne. Seine Treffer werden der Mannschaft fehlen.

Vakuum entstanden

Noch mehr aber schmerzt sein Ausfall in anderer Hinsicht: Michael Ballack war der uneingeschränkte Leader dieses Teams. Durch sein Fehlen entsteht ein Vakuum. Führungsfiguren wie er wachsen nicht auf Bäumen - auch in Deutschland nicht.

Ich sehe im ersten Moment jedenfalls kaum einen Spieler, der diese Position einnehmen könnte. Philipp Lahm vielleicht, auch Bastian Schweinsteiger hat diesbezüglich in der abgelaufenen Saison einen großen Sprung nach vorne gemacht.

Aber sonst? Per Mertesacker ist zwar routiniert, gehört aber eher zu den stilleren Vertretern seiner Zunft. Und Miroslav Klose muss jetzt erst einmal nach sich schauen.

Frings wäre der perfekte Ersatz

Einer, der noch große Leaderqualitäten besitzt, wird die WM ja leider vor dem Fernseher erleben: Torsten Frings. Ihm hat Joachim Löw schon frühzeitig und deutlich signalisiert, dass er nicht mit ihm plant.

Vielleicht bereut er das jetzt. Denn Frings wäre nicht nur positionsbedingt ein guter Ersatz für Michael Ballack, sondern auch als Führungsspieler.

Torsten ist einer, der Verantwortung übernimmt, vorangeht - und zur Not den Platz 90 Minuten lang umpflügt, bis die Socken qualmen. So ein Spielertyp würde der Mannschaft nicht schaden.

Aber ich bin mir relativ sicher, dass Joachim Löw ihn jetzt nicht anrufen wird. Die Tür hat er schon ziemlich fest zugeschlagen.

Ich könnte mir vorstellen, dass er stattdessen auf Sami Khedira setzt, von dem ich viel halte. Er hat fußballerisch das Zeug, sich auch international durchzusetzen.

Kuranyi-Verzicht schleierhaft

Ein anderer, den ich außer Torsten Frings noch gerne bei der WM gesehen hätte, ist Stürmer Kevin Kuranyi.

Natürlich bin ich als sein Berater da etwas befangen - aber ich finde, dass 18 Tore und acht Vorlagen auch so eine recht deutliche Sprache sprechen. Und das Argument, er passe taktisch nicht ins Konzept, kann ich auch nicht so richtig nachvollziehen.

Erstens hat Kevin schon in jedem System und mit jedem Stürmertyp erfolgreich gespielt. Und zweitens ist da ja der eine oder andere ähnliche Spielertyp dabei, der keine ganz so glückliche Saison hinter sich hat.

Warum man dann auf den Angreifer verzichtet, der eine bessere Form hat, ist mir schleierhaft. Ich kann nur hoffen, dass die nominierten Spieler Joachim Löw dieses Vertrauen mit Toren zurückzahlen.

Gründe für Optimismus

Etwas problematisch könnte auch werden, dass Joachim Löw nicht viel Zeit hat, um mit der kompletten Mannschaft zu arbeiten.

Die Bayern stoßen erst nach dem Champions-League-Finale dazu. Dann bleiben noch etwas mehr als zweieinhalb Wochen, um Mario Gomez und Miroslav Klose so aufzubauen und zu stärken, dass sie bei der WM in Topform sind.

Aber bevor es jetzt heißt: Der Förster macht einen auf Spielverderber - es gibt auch einige Gründe, optimistisch zu sein. Die Bayern-Spieler beispielsweise werden zwar erst spät, aber dafür mit ganz breiter Brust zum DFB-Team stoßen.

Sie haben völlig unabhängig vom Ausgang des Endspiels am Samstag gegen Inter Mailand in dieser Saison Großartiges geleistet.

Ihr Selbstvertrauen wird so groß sein, dass sie die anderen damit anstecken und durch das Turnier tragen können.

Und: In dieser Mannschaft stehen eine Menge talentierter Spieler wie Toni Kroos, Sami Khedira, Holger Badstuber, Thomas Müller oder Mesut Özil. Sie alle haben das Potenzial, um auch international durchstarten zu können. Vielleicht gelingt ihnen das ja schon in Südafrika.

Tasci neben Mertesacker

Ganz wichtig wird allerdings sein, dass die Defensive gut steht. Als ehemaliger Verteidiger beobachte ich natürlich die Abwehr ganz genau.

Auf rechts würde ich Philipp Lahm aufstellen. Er hat sich bei den Bayern dort mittlerweile festgespielt und nach anfänglichen Problemen zuletzt ganz starke Leistungen gezeigt. In der Innenverteidigung ist Per Mertesacker schon alleine auf Grund seiner Routine gesetzt.

Er hat bereits bewiesen, dass er die Qualitäten besitzt, die es für so ein Turnier braucht. Daneben würde ich Serdar Tasci spielen lassen. Er ist ein sehr moderner Verteidiger, der vor allem in der Spieleröffnung stark ist und ein gutes taktisches Gespür hat.

Meine Wunschelf: Mit Cacau und Kießling

Allerdings muss er sich im direkten Zweikampf noch steigern - sonst könnte er sein blaues Wunder erleben. Auf links würde ich Holger Badstuber das Vertrauen aussprechen. Er gehört zu den Aufsteigern der Saison, hat sehr konstante Leistungen gezeigt und mittlerweile auch das nötige Selbstvertrauen, das du bei einer WM benötigst.

Meine Wunschelf würde wie folgt aussehen: Neuer - Lahm, Tasci, Mertesacker, Badstuber - Müller, Khedira, Schweinsteiger, Özil - Cacau, Kießling

Aber egal, wer letztlich spielt, sie alle müssen ihre beste Leistung zeigen, wenn die Mannschaft etwas erreichen will. Die Topfavoriten sind mit Sicherheit andere: Brasilien, Argentinien, Spanien und auch die Engländer.

Die deutsche Elf muss jetzt erst einmal die ganzen Ausfälle, vor allem das Fehlen von Michael Ballack, verarbeiten. Unter diesen Vorzeichen wäre das Erreichen des Halbfinals schon eine sensationelle Leistung. Ich drücke jedenfalls die Daumen.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Karlheinz Förster

 

 

 

 

 

Karlheinz Förster, geboren am 25. Juli 1958 in Mosbach, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler aller Zeiten. Der heute 51-Jährige startete seine Profi-Karriere 1977 beim VfB Stuttgart, mit dem er 1984 deutscher Meister wurde. 1986 führte ihn sein Weg nach Frankreich zu Olympique Marseille. Nach seiner aktiven Laufbahn war er u.a. für den VfB Stuttgart als Manager tätig, aktuell arbeitet er als Spielerberater.

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