Sonntag, 12.10.2014
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Deutschlands historische Pleite in Polen

Kinderkrankheiten - oder mehr?

Die deutsche Nationalmannschaft hat nach dem holprigen 2:1-Auftaktsieg in der EM-Qualifikation gegen Schottland erstmals in ihrer Geschichte gegen Polen verloren. Die neu formierte Mannschaft des Weltmeisters scheiterte in Warschau in erster Linie an ihrer Chancenverwertung - oder doch an mehr?

Joachim Löw befindet sich mit Deutschland in einer Phase der Umstrukturierung
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Joachim Löw befindet sich mit Deutschland in einer Phase der Umstrukturierung

Orientierungslos war die deutsche Mannschaft am Samstagabend im Warschauer Nationalstadion nur in einer Szene. Kurz vor dem Einlaufen beider Teams latschte Ersatztorhüter Roman Weidenfeller zielsicher zur polnischen Bank, wurde dann aber höflich darauf hingewiesen, dass seine Kollegen bereits auf der anderen Seite Platz genommen haben.

Als Weidenfeller, der Rest des Teams und auch die Polen nach Spielschluss durch die Mixed Zone marschierten, hätte man beim bloßen Anblick nur schwerlich erraten können, wer den Platz als Sieger verlassen hat.

Den Weißen Adlern, die erstmals in ihrer Geschichte ein Pflichtspiel gegen ihr Nachbarland gewannen und damit das polnische Sportjahr vergoldeten, war kein Überschwang zu attestieren und auch die Deutschen sprachen nicht niedergeschlagen in die Mikrofone.

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Schlechte Chancenverwertung

Die Kernaussagen beim Weltmeister waren dieselben, ganz egal, ob von Toni Kroos, Manuel Neuer, Thomas Müller oder Mats Hummels vorgetragen. Hätte man die zahlreichen Torchancen besser genutzt - die Statistik wies am Ende 29 zu 5 Torschüsse pro Deutschland aus -, würde man sich nun über die Gründe für eine dominant geführte Partie unterhalten.

So blieben klare Statements und ob des einseitigen Spielverlaufs verdutzte Spieler zurück. "Wenn man nicht trifft, ist es schwierig, ein Fußballspiel zu gewinnen. Auf einmal hast du 0:2 in Polen verloren und fühlst dich sehr komisch. Eine Niederlage, wie sie im Sport vorkommt - mehr kann ich nicht sagen", ließ Müller beispielsweise wissen.

Hummels meinte, "dass so etwas mal vorkommt". Von einem Spielverlauf, bei dem der Gegner mit viel Glück und einer beeindruckenden Effizienz zum Erfolg kommt, "kann sich keine Mannschaft der Welt freisprechen", so der Dortmunder.

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Das mag kurz nach Spielschluss an einem solchen Abend für den Moment durchaus richtig sein, doch stehen seit dem Gewinn des WM-Titels nun schon drei maue Partien für die Deutschen zu Buche.

Umstrukturierung des Teams

Die klare Pleite im Testkick gegen Argentinien war hauptsächlich zwar als Partyveranstaltung geplant, doch zeigen auch der holprige Auftaktsieg in die EM-Qualifikation gegen Schottland und nun die kuriose Entstehung der historischen Pleite in Warschau: Die Post-WM-Nationalmannschaft hat nur noch wenig mit jenem Team gemein, das in Brasilien den vierten Stern aufs Trikot spielte.

"Wir haben veränderte Vorzeichen. Unsere jungen Spieler haben noch nicht diese Reife und diesen Standard erreicht wie einige andere. Das sind Spieler mit wenig internationaler Erfahrung. Da müssen sie noch dazulernen und es gilt, diese Spieler nun heranzuführen", machte Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld der Partie klar.

Derzeit werde eine Umstrukturierung des Teams vorgenommen, sagte Keeper Neuer in den Katakomben des architektonisch beeindruckenden Warschauer Nationalstadions. Umstrukturierung, dieser Begriff trifft es relativ gut. Neben den wenig erfahrenen Akteuren ist nämlich auch die Zusammenstellung der einzelnen Mannschaftsteile neuartig.

Mats Hummels und Jerome Boateng haben vor der WM kein einziges Mal zusammen die Innenverteidigung gebildet, im Angriff ohne "echten" Stürmer zu spielen war lange Zeit mehr Experiment als volle Überzeugung. Die aktuelle Mannschaft hat daran zu knabbern, sich auf neue Abläufe einzulassen und diese zu verinnerlichen.

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Ein fragiles Gebilde

Diese neue Komposition sowie der Fakt, dass sich jedem Gegner die mehr oder minder einmalige Chance bietet, den amtierenden Weltmeister zu ärgern, machen aus der deutschen Nationalmannschaft derzeit ein mitunter fragiles Gebilde.

"Den Weltmeister zu kitzeln und womöglich auch zu stürzen - das ist das, was uns in den nächsten Spielen erwartet. Wir sind die Gejagten und müssen wahnsinnig viel für den Sieg tun", weiß der Bundestrainer.

"Wir können nicht nur sagen, dass es unglücklich lief. Wir müssen aus einem solchen Spiel lernen, dann werden wir auch daran wachsen", sagte Jerome Boateng nach der ersten Pflichtspielpleite seit über zwei Jahren und scherte damit ein wenig aus dem Kreis derer aus, die hauptsächlich positive Aspekte der Partie in Polen anführten.

Die EM-Quali als Testfeld

Die EM-Quali wird für Löw ein Testfeld bleiben, trotz der drei Punkte Rückstand, die man nun auf zwei Konkurrenten hat. Seine Aufgabe wird darin bestehen, das deutsche Spiel von den vermeintlichen Kinderkrankheiten zu befreien, die bislang auftraten.

Löw muss allerdings dafür sorgen, dass dies Startschwierigkeiten bleiben und daraus keine langfristigen Problematiken entstehen. Die Unzulänglichkeiten, die Deutschland nach der WM zeigte, sind durchaus existent wie unterschiedlich.

Gegen die Schotten verlor man die Kontrolle über das Spiel, weil das Gegenpressing nach Ballverlusten und grundsätzlich das Umschalten auf die Defensive schwammig war. In Warschau ließ man gegen einen offensivschwachen Gegner zwei unnötige Konter zu und verlor prompt eine dominant geführte Partie.

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Nächste Aufgabe: Irland

Hinzu kommen die Fragen, die die Zusammenstellung der Mannschaft betreffen: Falsche Neun oder doch lieber mit einem Stoßstürmer spielen lassen? Sind Erik Durm, Antonio Rüdiger oder Sebastian Rudy die Außenverteidigerkandidaten, die es mit Blick auf die EM 2016 aufzubauen gilt?

Einzelkritik: Nur die Debütanten machen Hoffnung

Immerhin, am kommenden Dienstag bietet sich die schnelle Chance, Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen. Gegner Irland wird in Gelsenkirchen zunächst auch Beton anrühren wollen.

Interessant könnte es jedoch dann werden, wenn das Team von der Insel lange im Spiel bleibt. Dann würde sich zeigen, ob derzeit mehr als nur Kinderkrankheiten das deutsche Spiel befallen.

Polen -Deutschland: Daten zum Spiel

Für SPOX in Warschau: Jochen Tittmar

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Jochen Tittmar(Redakteur)

Jochen Tittmar, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2008 in der Fußball-Redaktion für SPOX.com. Aufgewachsen in der Nähe von Stuttgart, ging es für ihn nach dem Studium der französischen sowie englischen Literatur und Sprache an der Universität Konstanz mit einem Praktikum beim Kicker weiter. Bei SPOX verantwortet er u.a. die Berichterstattung über Dortmund und Schalke. Zudem koordiniert er redaktionelle Projekte.


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