Wiese hat Aussetzer

SID
Montag, 07.09.2009 | 19:05 Uhr
Guido Buchwald bestritt 76 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft
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Weltmeister 1990, zweimal Deutscher Meister, 76 Länderspiele und über 500 Spiele in der Bundesliga und Liga zwei: Guido Buchwald hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert. Für SPOX berichtet der 48-Jährige regelmäßig von den Entwicklungen rund ums DFB-Team. Diesmal äußert er sich zur Torhüterdiskussion, den taktischen Möglichkeiten mit Özil und einem Problem eines "alten Bekannten".

Hallo Fußball-Fans,

die Saison ist in vollem Gange und auch die Nationalmannschaft hat wieder Fahrt aufgenommen. Beim Länderspiel gegen Südafrika hatte ich das Glück, das Spiel live im Stadion anschauen zu können. Und mir hat gefallen, was ich gesehen habe.

Allen voran natürlich der Auftritt von Mesut Özil. Der Junge hat eine ganz hervorragende Leistung abgeliefert. Wenn er am Ball war, ging ein Raunen durchs Stadion. Jeder Zuschauer wusste: "Es passiert etwas, er will nach vorne ziehen, den entscheidenden Pass spielen."

Özil hat einen unglaublichen Zug zum Tor. Die Art und Weise, mit der er in seinem ersten A-Länderspiel von Beginn an aufgetreten ist, macht ihn zu einer ganz großen Hoffnung im deutschen Fußball. Ganz klar: Er wird zukünftig eine führende Rolle im DFB-Team einnehmen.

Özil kommt dem Typ Spielmacher nahe

Mit Özil haben wir wieder einen, der dem Typ Spielmacher sehr nahe kommt. Die Folge: Die Nationalelf wird durch ihn viel flexibler und weniger berechenbar. Durch ihn hat Löw sofort eine Vielzahl an taktischen Möglichkeiten, kann deutlich variabler agieren. Özil kann als zweite Spitze oder auch auf der "Zehn" spielen.

Werfen wir einen Blick voraus auf das Qualifikations-Spiel in Russland im Oktober. Gewinnen beide Teams bis dahin ihre Spiele, liegen wir einen Zähler vorne und die Russen müssen uns etwas anbieten, sie müssen auf Sieg spielen.

Özil ist ein Mosaikstein

Özil ist dann der perfekte Mann für eine variable Spielgestaltung. Löw kann auf das klassische 4-4-2 mit Özil hinter den Spitzen oder auf den Außen setzen, aber auch mit nur einer Spitze agieren und Russland mit Kontern den Zahn ziehen. In der Position hinter dem Stoßstürmer ist Özil bärenstark, das hat er gegen Südafrika eindrucksvoll bewiesen.

Wenn Schweinsteiger und Podolski wieder zu ihrer Form finden, kann ich mir auch ein 4-3-3 gut vorstellen. Die beiden, Özil, Marin oder Trochowski: Löw stünden gleich fünf spielstarke Männer für die Außenpositionen zur Verfügung.

Das Ziel muss sein, das Team in der Offensive auf jeden Gegner individuell einstellen zu können. Özil ist ein wichtiger Mosaikstein für diese taktische Möglichkeit.

Ballack ist kein Sprinter, aber...

Imponiert hat mir auch Michael Ballack. Er ist wieder der Kapitän, den die deutsche Nationalmannschaft braucht. Auf der Position als klassischer Sechser kann er neben Hitzlsperger, Rolfes oder Khedira das Spiel lenken. Er hat den Vorteil, dass er die Partie vor sich hat, viele Ballkontakte bekommt und das Spiel eröffnen kann.

Klar ist Ballack nicht gerade der große Sprinter. Deswegen sind die Wege bis zum gegnerischen Strafraum recht lang und er hat seltener die Möglichkeit, seine Kopfball- und Abschlussstärke auszuspielen.

Das sehe ich aber nicht unbedingt als Nachteil, denn durch den zweiten Sechser hat er dennoch die Freiheiten, mit nach vorne zu marschieren. Und wenn er vorne auftaucht, dann ist es für den Gegner umso überraschender.

Ich sehe Neuer vor Wiese

Ein tolles Spiel hat auch Rene Adler gemacht. Er wird zusammen mit Robert Enke und Manuel Neuer um den Platz zwischen den Pfosten kämpfen. Tim Wiese hat aus meiner Sicht die schlechtesten Karten auf die WM-Teilnahme. Deshalb sage ich: "Es wird keinen Vierkampf um die Nummer eins geben."

Klar, Wieses Spielstil ist spektakulär. Aber er hat immer mal wieder einen Aussetzer drin und Defizite in der Strafraumbeherrschung. Enke dagegen spielt seit langer Zeit konstant, hält dem Druck stand und verfügt über die größte Erfahrung.

Aserbaidschan wird kein Stolperstein

Bereits am Mittwoch wartet der nächste Gegner in der Qualifikation. Gegen Aserbaidschan erwarte ich einen klaren Sieg unserer Mannschaft. Wir spielen zuhause, und anders als vor einem knappen Monat hat nun Berti Vogts' Team mit Flugstrapazen, Zeitumstellung und Temperaturunterschieden zu kämpfen.

Vor diesem Hintergrund wird Aserbaidschan sicherlich kein Stolperstein für uns. Ein Sieg ist die Voraussetzung für eine gute Ausgangsposition im Spiel gegen Russland. In Moskau hätten wir es dann in den eigenen Händen, die WM-Teilnahme klar zu machen.

Argentinien verwundert mich

Doch nicht nur in Europa müssen sich die Nationen für Südafrika qualifizieren. In Südamerika erstaunen mich schon seit geraumer Zeit die Vorstellungen Argentiniens. Nach der Heim-Niederlage gegen Brasilien könnte es für das Team meines "alten Bekannten" Diego Maradona mit der Qualifikation eng werden.

Er schafft es nicht, Konstanz in die Leistungen der Albiceleste zu bringen. Argentinien hat solch ein großes Potenzial an jungen, starken Fußballern. Deshalb finde ich es falsch, "die alte Garde" zu reaktivieren und Topstars wie Sergio Agüero auf die Bank zu setzen.

Wer Maradona kennt, der weiß aber auch, dass er sich den argentinischen Medien nicht beugen wird, die bereits seinen Rücktritt gefordert haben. Ich wünsche ihm jedenfalls, dass er sich mit seinem Team für die WM 2010 qualifiziert. Denn eine WM ohne Argentinien wäre wie Netzer ohne Delling.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Guido Buchwald

Guido Buchwald, geboren am 24. Januar 1961 in West-Berlin, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler. Der heute 48-Jährige startete seine Profi-Karriere 1979 bei den Stuttgarter Kickers in der Zweiten Liga, bevor es ihn zum VfB Stuttgart zog, für den er elf Jahre lang in der Bundesliga kickte. Weitere Stationen waren der Karlsruher SC und Urawa Red Diamonds in Japan, wo Buchwald später auch drei Jahre als Trainer arbeitete. Seine erste und bisher einzige Trainerstation in Deutschland war Alemannia Aachen, wo er von Juni bis November 2007 im Amt stand.

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