"Ein Typ wie Jones fehlt beim DFB"

SID
Donnerstag, 28.05.2009 | 13:57 Uhr
Guido Buchwald bestritt 76 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft
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Weltmeister 1990, zweimal Deutscher Meister, 76 Länderspiele und über 500 Spiele in der Bundesliga und Liga zwei: Guido Buchwald hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert. Für SPOX berichtet der 48-Jährige regelmäßig von den Entwicklungen rund ums DFB-Team. Diesmal äußert er sich zu Jürgen Klopps Kritik an Jogi Löws Nominierung und sagt, wen er anstatt Tobias Weis mit nach Asien genommen hätte.

Hallo Fußball-Fans,

für die Nationalmannschaft steht die Asienreise an. Eine Reise, für deren Ansetzung der DFB viel Kritik einstecken musste. Zu negativ würde ich den Trip nach Fernost allerdings nicht sehen. Der sportliche Wert besteht darin, dass Jogi Löw die neuen Spieler kennenlernt.

Er kann sich persönlich ein Bild von den Profis machen, die momentan noch im zweiten Glied stehen, die aber für die WM im nächsten Jahr eventuell noch sehr wichtig werden können.

Ich denke da speziell an Christian Gentner, der eine tolle Entwicklung hinter sich hat und dessen Berufung nur eine Frage der Zeit war. Oder an Cacau. Er ist ein einzigartiger Spielertyp. Ein kombinationsstarker Angreifer, der neben oder hinter einem Stoßstürmer wie Klose oder Gomez glänzen kann. Zusammen mit Gomez hat er in Stuttgart gezeigt, dass die beiden ein gefährliches Angriffsduo bilden.

Wer tolle Fußballspiele erwartet, wird enttäuscht

Allerdings ist der Zeitpunkt für eine solch kräftezehrende Reise durchaus kritisch zu betrachten. Die Spieler kommen aus einer harten Saison und haben sich nun eigentlich ihren Urlaub verdient. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass wir tolle Fußballspiele sehen werden. Wer erwartet, dass Deutschland die Chinesen und die Vereinigten Arabischen Emirate jeweils mit 5:0 abfertigt, der wird, denke ich, enttäuscht werden.

Von daher ist die Fragestellung nach Sinn und Unsinn der Reise aus sportlicher Sicht berechtigt. Allerdings war es zu meiner Zeit nicht anders. Und geschadet haben unsere häufigen Südamerika-Reisen Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre auch nicht.

Das Beispiel Frank Mill

Im Gegenteil: Man war für längere Zeit mit Spielern zusammen, die man aus der Liga nur als Gegner kannte. Wir haben uns auf den langen Flügen in lockerer Atmosphäre ausgetauscht und es entstanden Freundschaften mit Spielern, denen man vorher lieber aus dem Weg gegangen ist.

Frank Mill war so ein Beispiel: Auf dem Platz war er ein enorm unangenehmer Gegner, der oftmals provozierte. Im Kreise der Nationalmannschaft lernte ich ihn menschlich besser kennen, was für die Länderspiele enorm wichtig war. Denn im DFB-Team war er mein Mitspieler und nicht mein Gegner. Solche Reisen über einen längeren Zeitraum haben also auch in Sachen Teambuilding eine große Bedeutung.

Richtig, alle Spieler einzusetzen

Ebenfalls wichtig: Der Torwart muss sich auf die Abwehr einstellen und sich mit ihr einspielen. Deshalb würde ich Robert Enke auch beide Spiele machen lassen, sofern er fit ist. Allerdings hat Löw Neuer ja bereits eine Einsatzgarantie gegeben.

Ich finde es auch grundsätzlich richtig, alle Teilnehmer einzusetzen. Denn für einen Spieler wäre es frustrierend, solch eine Reise mit allen Strapazen wie die langen Flüge und die Zeitumstellungen auf sich zu nehmen und dann nicht belohnt zu werden.

Träsch vor Owomoyela

Nach der Nominierung blies Löw der heftigste Gegenwind aus Dortmund entgegen. Jürgen Klopp hätte sicherlich lieber Patrick Owomoyela anstatt Christian Träsch in Asien gesehen. Aber nach der Rückrunde sehe ich Träsch vor Owomoyela und finde es nicht korrekt von Klopp, durch derart medienwirksame Aussagen die Nominierung von Löw infrage zu stellen.

Der Junge hat eine sensationelle Entwicklung genommen und enormes Potenzial. Ich habe viele Spiele des VfB gesehen und Träsch auch schon in seiner Zeit bei den Amateuren verfolgt. Er kann sowohl auf der rechten als auch auf der linken Außenbahn spielen und legte für sein Alter eine sehr abgeklärte Saison mit teilweise herausragenden Vorstellungen hin.

"Hätte Jones statt Weis mitgenommen"

Es ist Löws Pflicht, immer wieder nach Alternativen für die etablierten Kräfte zu suchen. Am Beispiel Klose hat man gesehen, wie schnell sich ein Spieler verletzen kann und für mehrere Monate außer Gefecht gesetzt ist. Gerade jetzt, da sich Andreas Beck mit der U 21 auf die EM vorbereitet, ist die Berufung Träschs die richtige Entscheidung.

Über die Berufung von Tobias Weis hingegen kann man sicherlich streiten. Ich hätte Jermaine Jones bevorzugt. Er war in der Rückrunde unumstrittener Führungsspieler der Schalker. Ein Typ wie Jones fehlt im DFB-Team. Es hat mich schon überrascht, dass Weis dabei ist, Jones aber nicht.

Auffallend: die Stuttgart-Connection

Mit Weis, Träsch, Gentner, Cacau, Gomez, Hitzlsperger, Lahm und Hinkel sind bei der Asienreise alleine acht Spieler dabei, die beim VfB unter Vertrag stehen oder zumindest eine Stuttgarter Vergangenheit haben. Hinzu kommen Hilbert, Khedira und Tasci, die entweder im erweiterten Kader stehen oder verletzt sind.

Das ist natürlich auffallend und dem ein oder anderen Bundesligatrainer sicherlich ein Dorn im Auge. Doch auf der anderen Seite muss man auch mal fragen: "Wer von diesen Spielern hat es denn nicht verdient, in die Nationalmannschaft berufen zu werden?"

Grund für die VfB-Dominanz im DFB-Team: die Jugendarbeit

Ich glaube nicht, dass Löw Stuttgarter bewusst bevorzugt. Kein Trainer der Welt nominiert Spieler aufgrund ihrer Herkunft. Dass er vielleicht öfter auf Tribünen im Süden der Republik sitzt, ist durchaus legitim. Denn nicht nur er sichtet die Spieler, sondern die Scoutriege des DFB ist in ganz Deutschland unterwegs und beobachtet alle Spiele der Bundesliga.

Ich denke vielmehr, dass die hervorragende Jugendarbeit in Stuttgart, vielleicht sogar die beste in ganz Deutschland, ein Grund für die zahlreichen Nationalspieler ist.

Der Vorteil des VfB liegt im Umfeld. Im Westen gibt es fünf bis sechs große Klubs auf engem Raum. Für Stuttgart ist es dagegen leichter, die Spieler aus der Region an den Klub zu binden.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Guido Buchwald

Guido Buchwald, geboren am 24. Januar 1961 in West-Berlin, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler. Der heute 48-Jährige startete seine Profi-Karriere 1979 bei den Stuttgarter Kickers in der Zweiten Liga, bevor es ihn zum VfB Stuttgart zog, für den er elf Jahre lang in der Bundesliga kickte. Weitere Stationen waren der Karlsruher SC und Urawa Red Diamonds in Japan, wo Buchwald später auch drei Jahre als Trainer arbeitete. Seine erste und bisher einzige Trainerstation in Deutschland war Alemannia Aachen, wo er von Juni bis November 2007 im Amt stand.

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