Der zweite Platz wäre ein Desaster

SID
Mittwoch, 07.10.2009 | 17:00 Uhr
Guido Buchwald bestritt 76 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft
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Weltmeister 1990, zweimal Deutscher Meister, 76 Länderspiele und über 500 Spiele in der Bundesliga und Liga zwei: Guido Buchwald hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert. Für SPOX berichtet der 48-Jährige regelmäßig von den Entwicklungen rund ums DFB-Team. Diesmal äußert er sich zum Spiel der DFB-Elf in Moskau und erklärt, für wen die Partie ein Türöffner ist und welcher Spieler zur Waffe werden kann.

Hallo Fußball-Fans,

am Samstag ist es soweit. Für die deutsche Nationalmannschaft steht das Spiel der Spiele an. In Moskau müssen Ballack und Co. gegen Russland antreten. Das Duell ist das wichtigste Länderspiel der jüngeren DFB-Geschichte. Klar, im EM-Finale 2008 hatten wir die Chance, Geschichte zu schreiben. In Moskau ist die Fallhöhe für das DFB-Team aber um ein Vielfaches höher. Verliert Deutschland, steht die Qualifikation für die WM 2010 auf der Kippe.

Für uns als Fußballnation wäre der zweite Platz in der Gruppe fast schon ein Desaster. Denn das würde bedeuten, dass eine andere Mannschaft schon in der Qualifikation besser war als wir.

Ein Sieg wäre wichtig, um zu dokumentieren, dass wir immer dann zur Stelle sind, wenn es drauf ankommt. Die anderen Nationen müssen wissen: Deutschland trägt das Erfolgsgen noch immer in sich.

Russland ist in der Defensive anfällig

Zum anderen ist das Spiel auch entscheidend für das eigene Selbstvertrauen. Die letzten Auftritte der DFB-Elf waren weniger berauschend. Deshalb ist es umso wichtiger, durch eine starke Vorstellung die eigene Psyche zu pushen und mit dieser Stärke in die kommenden Aufgaben zu gehen.

Doch wie soll Löw gegen die starken Russen agieren lassen? Ich denke, wir dürfen nicht den Fehler machen und auf Unentschieden spielen. Das wäre ein zu hohes Risiko, denn Russland ist jederzeit in der Lage, ein Tor zu erzielen.

Aus dem Hinspiel wissen wir, dass ihre schnellen Spieler enorm torgefährlich sind. Arschawin, Schirkow und Syrianow sind Ausnahmekicker. Wir wissen aber auch, dass die Russen im Defensivbereich anfällig sind. Im Eins-gegen-Eins haben sie ihre Probleme. Da müssen Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger ihre Chancen suchen.

Mein Tipp: ein Unentschieden

Zu einem Nachteil könnte der Kunstrasen im Luschniki-Stadion werden. Der Ball wird schneller, man muss gefühlvoller passen und die meisten russischen Spieler sind daran gewöhnt.

Dennoch gibt es für mich keinen eindeutigen Favoriten für die Partie. Ich tippe auf ein Unentschieden. Russland hat den Vorteil, dass sie zuhause spielen, dazu noch auf Kunstrasen. Doch wir haben die Qualität dagegenzuhalten. Durch unsere Disziplin können wir uns schnell auf die Situation einstellen und unsere Stärken ausspielen.

Zum Abschluss will ich mich noch den einzelnen Mannschaftsteilen im DFB-Team widmen.

Tor:

Hier haben wir sicherlich die wenigsten Probleme. Rene Adler hat in den beiden letzten Spielen eine souveräne Vorstellung abgeliefert. Er steht gegen Russland und Finnland zu Recht im Tor.

Bleibt er fehlerlos, könnten die beiden Partien für ihn zum Türöffner für die WM in Südafrika werden.

Abwehr:

Im Brennpunkt steht die Frage: Wer soll neben Mertesacker spielen? Nach Serdar Tascis Absage heißt für mich die einzige Alternative Heiko Westermann. Er ist ein kompletter Spieler und mit seiner Schnelligkeit gerade auf Kunstrasen die ideale Besetzung für die Abwehrzentrale.

Auf den Außen würde ich Philipp Lahm und Andy Beck spielen lassen. Meiner Meinung nach ist Lahm als Linksverteidiger wesentlich wertvoller. Und Marcel Schäfer kann derzeit nicht an die Form der Meistersaison anknüpfen.

Zum ersten Mal im Kader steht Jerome Boateng. Der Junge hat sich die Berufung redlich verdient, weil er bei der U-21-EM bereits gezeigt hat, dass er unter Druck funktioniert. Ein Einsatz gegen Russland käme aber noch zu früh.

Mittelfeld:

Für die Mannschaft ist es enorm wichtig, dass Michael Ballack wieder fit ist. Sein Fehlen hätte eine große Lücke gerissen. Ich kenne es aus meiner aktiven Zeit: Wir haben uns immer noch ein Stück stärker gefühlt, wenn beim Gegner die großen Namen fehlten.

Geht es nach dem Leistungsprinzip, muss neben ihm Simon Rolfes auflaufen. Er zeigt in Leverkusen seit Wochen Galavorstellungen und hat bereits Erfahrung im DFB-Team gesammelt. Thomas Hitzlsperger befindet sich dagegen momentan in einem Kreativloch. Es wäre fahrlässig, Rolfes in seiner derzeitigen Verfassung nicht zu bringen.

Schlechter stehen die Karten für Torsten Frings. Auch er ist in einer guten Verfassung, wurde aber erneut nicht berücksichtigt. Für mich lässt das nur einen Schluss zu: Frings hat unter Löw ausgedient.

Angriff:

Schaut man sich die Quote von Mario Gomez, Miroslav Klose, Lukas Podolski und Cacau in ihren Vereinen an, dann ist das nicht zwingend furchteinflößend. Aber sie alle haben sich auf internationaler Bühne schon einen Namen gemacht und werden von den russischen Abwehrspielern mit Respekt empfangen werden.

Eine regelrechte Waffe in Moskau könnte Podolski dennoch werden. Er hat einen nahezu perfekten Schuss, sehr präzise und knallhart. Wenn der Ball auf dem Kunstrasen schnell wird, dann können seine Distanzschüsse enorm gefährlich werden.

Die erneute Nichtberücksichtigung von Stefan Kießling ist für mich nicht nachvollziehbar. Er ist derzeit der Topstürmer in der Bundesliga und hat Leverkusen an die Tabellenspitze geschossen. Die Ineffektivität, die man ihm in der vergangenen Saison zur Last gelegt hat, hat er abgelegt.

Doch auch Cacau hat aufgrund seiner Eigenschaft als Vorbereiter-Typ seine Berechtigung, im Kader zu stehen. Ich würde deshalb auf einen Mittelfeldspieler verzichten und stattdessen fünf Angreifer nominieren. Die Frage muss also nicht heißen: Cacau oder Kießling. Sondern Cacau und Kießling.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Guido Buchwald

Guido Buchwald, geboren am 24. Januar 1961 in West-Berlin, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler. Der heute 48-Jährige startete seine Profi-Karriere 1979 bei den Stuttgarter Kickers in der Zweiten Liga, bevor es ihn zum VfB Stuttgart zog, für den er elf Jahre lang in der Bundesliga kickte. Weitere Stationen waren der Karlsruher SC und Urawa Red Diamonds in Japan, wo Buchwald später auch drei Jahre als Trainer arbeitete. Seine erste und bisher einzige Trainerstation in Deutschland war Alemannia Aachen, wo er von Juni bis November 2007 im Amt stand.

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