Weltmeister-Kolumne von Guido Buchwald

Die Berufung von Weis kommt zu früh

SID
Sonntag, 16.11.2008 | 10:00 Uhr
Guido Buchwald bestritt 76 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft
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Weltmeister 1990, zweimal Deutscher Meister, 76 Länderspiele und über 500 Spiele in der Bundesliga und Liga zwei: Guido Buchwald hat in seinem Fußballer-Leben große Erfolge gefeiert. Für SPOX berichtet der 47-Jährige ab sofort regelmäßig von den Entwicklungen rund ums DFB-Team. Diesmal beschäftigt er sich mit dem Länderspiel gegen England und der Nominierung der Debütanten Weis, Compper und Schäfer.

Liebe Fußball-Fans,

ich freue mich, ab sofort hier bei SPOX regelmäßig über alles zu schreiben, was sich rund um das DFB-Team abspielt. Ob Kadernominierungen, Qualifikationsspiele oder Freundschaftsspiele wie jetzt gegen England: Zu all diesen Themen werde ich meine Meinung sagen und so das Team von Bundestrainer Joachim Löw zusammen mit SPOX auf seinem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika begleiten.

Am kommenden Mittwoch ist es wieder soweit: Die deutsche Nationalmannschaft trifft im Länderspiel-Klassiker auf England. Allein dadurch, dass der Gegner England heißt, wird jeder Spieler zu 100 Prozent motiviert sein. Spiele gegen England sind immer etwas ganz Besonderes. Da weiß man, was auf einen zukommt. Nämlich Kampf, Leidenschaft und packende Zweikämpfe bis zur letzten Minute. Die Engländer geben keinen Meter verloren. Mir hat es immer großen Spaß gemacht, gegen sie zu spielen, weil es jedes Mal ein offenes und ehrliches Spiel war. Keiner hat zurückgesteckt, es war ein ehrlicher Kampf.

Mein persönliches Highlight war natürlich das WM-Halbfinale 1990 in Italien, als ich im defensiven Mittelfeld gegen Paul Gascoigne gespielt habe. Das Spiel war noch mal einen Tick verbissener als die anderen Partien gegen die Three Lions. Wenn du im Halbfinale einer WM stehst, dann hast du nur noch im Kopf, das Finale zu erreichen und tust alles dafür. Das kann man mit einem Quali- oder Freundschaftsspiel nicht vergleichen.

Lehmann hat sein Abschiedsspiel verdient, aber...

Dennoch wird es am Mittwoch ein ganz spezieller Abend werden. Ausverkauftes Berliner Olympiastadion, Millionen sehen am Fernsehbildschirm zu. Hinzu kommt, dass es das letzte Saisonspiel für die Nationalmannschaft ist und da möchte man immer einen anständigen Abschluss, ein erfolgreiches Jahresende haben und mit einem guten Gefühl in die Weihnachtspause gehen.

Aber egal ob erstes oder letztes Spiel im Jahr: Wenn die Hymne erklang, war es für mich im Nationaltrikot jedes Mal ein besonderes Kribbeln, vom ersten bis zum letzten Spiel. Man repräsentiert Deutschland, man ist auserwählt für sein Heimatland und gehört zu den besten Fußballern Deutschlands. Ich habe mich immer gefreut, wenn es zur Nationalmannschaft ging, weil sich dann eine gewisse Feststimmung breit machte, gerade bei Freundschaftsspielen.

Obwohl es ein Freundschaftsspiel ist, wird das Duell gegen England auch eine Vorbereitung auf die kommenden Qualifikationsspiele sein und von Joachim Löw entsprechend ernst genommen. Das zeigt auch seine Entscheidung, Jens Lehmann ein Abschiedsspiel zu verwehren.

Die Partie gegen England ist eine für die Zukunft, in der man sich finden, neue Spieler integrieren und zusammenwachsen kann. Würde Lehmann im Tor stehen, hätte es den Charme eines Spiels für die Vergangenheit und die Wichtigkeit des Spiels abgewertet.

Natürlich hat er es verdient, sein Abschiedsspiel zu bekommen. Aber nicht in solch einem Rahmen wie dem wichtigen Spiel gegen England.

Weis kann man immer noch dazunehmen

Für das Prestige-Duell in Berlin hat Löw mit Marvin Compper, Tobias Weis und Marcel Schäfer wieder drei Neulinge ins DFB-Team aufgenommen. Es ist wichtig, dass der Trainerstab die jungen Spieler kennenlernt und sieht, wie sie sich in der "Gruppe Nationalmannschaft" verhalten.

Ich finde es richtig, dass Löw seiner Linie treu bleibt, indem er viel ausprobiert und neuen Spielern eine Chance gibt. Denn wenn sie wirklich mal gebraucht werden und Not am Mann ist, dann ist es immer gut, wenn solche Spieler schon einmal im Kreis der Nationalmannschaft dabei waren und die Atmosphäre, Abläufe und auch die anderen Spieler kennen. Und da gibt es nichts Besseres als ein Freundschafts-Länderspiel gegen England.

Allerdings muss ich sagen: Wenn man sieht, wen Löw nominiert hat und wer dafür zu Hause bleibt, dann kann man schon von gewissen Härtefällen sprechen. Aus meiner Sicht kommt die Berufung von Tobias Weis zu früh. Ohne seine Leistung abzuwerten: Weis hätte ich in Hoffenheim erst mal ein wenig mehr Erfahrung sammeln und sich etablieren lassen. Wenn er sich ein gutes Jahr lang in der ersten Liga beweist, dann kann man ihn immer noch dazunehmen.

Ich vermisse Kießling im Kader

Mit der Nominierung von Marcel Schäfer hat Löw positionsbedingt reagiert. Lahm, Jansen und Pander waren lange Zeit verletzt und stehen gegen England nicht zur Verfügung. Da entsteht eine große Lücke auf der linken Außenverteidigerposition. Ich finde es absolut richtig, dass Löw ihn mitnimmt. Durch seine konstant starken Leistungen in Wolfsburg hat er es sich wahrlich verdient, in den A-Kader aufgenommen zu werden.

Auf der rechten Abwehrseite hätte es auch ein Andi Beck verdient, mitgenommen zu werden. Denn mit Clemens Fritz gibt es auch dort einen verletzten Spieler. Ich kenne Andi sehr gut. Er ist einer, der nur Fußball im Kopf und im Herzen hat und auch beim VfB Stuttgart schon hervorragende Spiele zeigte. Aber ich denke, dass Löw auf dieser Position momentan eher auf Andreas Hinkel baut.

Die größte Überraschung ist für mich aber die Nichtnominierung von Stefan Kießling, die für mich schwer nachzuvollziehen ist. Gerade im Sturm kann man immer mal wieder wechseln und einen neuen Mann bringen. Für einen Angreifer reicht oftmals auch schon eine Halbzeit.

Vor allem für Kießling, der gerade enorm im Kommen ist, wäre die Berufung eine tolle Sache gewesen, die sein Selbstbewusstsein extrem gesteigert hätte. So bleibt für ihn nur eins: Dem Bundestrainer in jedem Bundesliga-Spiel zu zeigen 'Hier bin ich, es gibt keinen Besseren als mich'.

Pause tut Frings gut

Richtig finde ich, dass Torsten Frings eine Pause bekommt. Zwischen ihm und Löw ist in den letzten Wochen ja einiges vorgefallen und sie scheinen sich ausgetauscht zu haben. Nach der Aussprache ist es für beide Seiten das Beste, dass er nicht ins Aufgebot genommen wurde. Frings weiß selbst, dass er nach seiner Verletzung noch nicht zu 100 Prozent fit und in Topform ist. Da würde ihm das Länderspiel nicht gut tun, das sagt er auch selbst. Eine sehr gesunde Einstellung von ihm, wie ich finde.

Auch Werder Bremen wird froh sein, dass er zu Hause bleibt und sich in dieser Zeit weiter in Ruhe in Topform bringen kann. Obwohl Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger auf den Platz im defensiven Mittelfeld drängen, ist ein Torsten Frings momentan aus der Nationalmannschaft noch nicht wegzudenken, vorausgesetzt er kommt wieder in Normalform.

Deutschland ist kein Favorit

Mit oder ohne Frings: Es wird am Mittwoch ein enorm schweres Spiel für uns, weil die Engländer wie immer sehr motiviert sein werden. Seit Fabio Capello auf der Insel übernommen hat, machen sie einen sehr stabilen Eindruck. Der Italiener ist ein Erfolgsgarant für fast jedes Team und auch die Engländer spielen unter ihm sehr erfolgsbetont.

Ich gehe davon aus, dass beide Teams nach vorne spielen werden und rechne mit einer offenen Partie mit vielen Toren, weil wir gerade auch in der Defensive zuletzt immer wieder Probleme hatten und die Engländer starke Offensivspieler in ihren Reihen haben.

Ich bin gespannt, wie wir uns gegen den Ball und eine solch erstklassige Mannschaft wie England verhalten werden. Auch wenn wir zu Hause spielen, sind wir nicht unbedingt Favorit. Mein Tipp: Ein 2:2, wobei ich mir natürlich einen Sieg für Deutschland wünsche.

Bis zum nächsten Mal.

Euer Guido Buchwald

Guido Buchwald, geboren am 24. Januar 1961 in West-Berlin, gilt als einer der besten deutschen Abwehrspieler. Der heute 47-Jährige startete seine Profi-Karriere 1979 bei den Stuttgarter Kickers in der zweiten Liga, bevor es ihn zum VfB Stuttgart zog, für den er elf Jahre lang in der Bundesliga kickte. Weitere Stationen waren der Karlsruher SC und Urawa Red Diamonds in Japan, wo Buchwald später auch drei Jahre als Trainer arbeitete. Seine erste und bisher einzige Trainerstation in Deutschland war Alemannia Aachen, wo er von Juni bis November 2007 im Amt stand.

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