Kommentar zu Joachim Löws EM-Kader: Sprung über mehrere Schatten

Die anstehende Europameisterschaft wird Joachim Löws letztes Turnier als Bundestrainer sein.
© getty

Bundestrainer Joachim Löw ist bei seiner Kader-Auswahl für die anstehende Europameisterschaft über gleich mehrere eigene Schatten gesprungen. Das macht Hoffnung für das Turnier. Ein Kommentar.

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Joachim Löw ist gerne in der Sonne, das weiß man seit Jahren und das belegen auch etliche Bilder: Bilder vom joggenden Jogi am Strand des Campo Bahia in Brasilien, vom Cabrio-fahrenden Jogi in der Freiburger Altstadt oder Bilder vom flanierenden Jogi an Sotschis Uferpromenade in Russland.

Am Mittwochmittag kam bei seiner letzten Bekanntgabe eines Turnier-Kaders ein weiteres solches Bild dazu, zumindest im sprichwörtlichen Sinne: Jogi trug ein weißes Hemd und durchaus überraschenderweise keine Sonnenbrille, als er in einem Pressekonferenz-Raum am Frankfurter DFB-Sitz über mehrere eigene Schatten sprang.

Löw stellte bei seiner Kader-Auswahl für die Europameisterschaft vermeintliche persönliche Eitelkeiten hinten an, um die größten Chancen auf einen versöhnlichen Abschluss seiner dann 15 Jahre andauernden Zeit als Bundestrainer zu haben. Vor allem in der jüngeren Vergangenheit wirkten etliche seiner Entscheidungen schwer nachvollziehbar, doch dieser 26-Mann-Kader ist schlüssig und bis zu einem gewissen Grad ein Eingeständnis an seine Kritiker. Das ist ein Zeichen von Stärke und macht Hoffnung für das Turnier.

Hummels, Müller und Volland kehren in den Kader zurück

Löw beugte sich dem großen öffentlichen Druck und holte Mats Hummels (32) und Thomas Müller (31) zurück, die er Anfang 2019 mit dem Verweis auf einen Umbruch aussortiert hatte. Während die Nationalmannschaft seitdem regelmäßig enttäuschte, glänzte Hummels als Dortmunder Abwehrchef und DFB-Pokalsieger und Müller als Münchner Kommandogeber, Assist-König und Sextuple-Gewinner. Hummels und Müller haben sich ihre Rückkehr verdient und verstärken die Nationalmannschaft sowohl mit ihren puren fußballerischen Qualitäten als auch mit ihrer Erfahrung.

Ebenso verdient hat sich seine EM-Teilnahme Stürmer Kevin Volland (28), dessen Nominierung neben der von Christian Günter die größte Überraschung ist. Seit 2016 hatte ihn Löw konsequent ignoriert, obwohl Volland zuletzt in vier Ligasaisons in Folge zweistellig getroffen hatte. In dieser Spielzeit markierte er für die AS Monaco in bisher 38 Pflichtspielen bereits 26 Scorerpunkte. Vielleicht noch wichtiger als seine Tore: Mit seiner körperlichen Präsenz und seiner Wucht an vorderster Front könnte Volland dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft von der Bank aus eine neue Dimension geben.

Selten eine neue Dimension lieferten in den vergangenen Jahren dagegen die regelmäßig einberufenen, kaum überzeugenden aber von Löw hochgeschätzten Julian Draxler und Julian Brandt. Dass er sie nicht nominierte und dafür auf unverbrauchtere Alternativen wie Jamal Musiala, Jonas Hofmann oder Florian Neuhaus setzt, darf auch als Sprung über seinen eigenen Schatten gewertet werden.

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