Fussball

Stefan Böger im Interview: "Goretzka haben vom ersten Tag an alle zugeschaut und zugehört"

Stefan Böger arbeitete von 2008 bis 2013 als Nachwuchstrainer des DFB.
© getty

Stefan Böger fungiert seit Ende 2017 als Jugend-Cheftrainer beim chinesischen Erstligisten Guangzhou Evergrande - zuvor arbeitete er jahrelang im Nachwuchsbereich des DFB, wo er unter anderem den heutigen Spielern des FC Bayern München Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry zu ihren Nationalmannschaftsdebüts verhalf.
 

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Böger über seine Arbeit in China - über Erfahrungen, Probleme und Pläne. Außerdem erinnert er sich an seine Zeit mit dem heutigen FCB-Quartett.

Herr Böger, Sie sind seit eineinhalb Jahren Jugend-Cheftrainer des chinesischen Erstligisten Guangzhou Evergrande. Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

Stefan Böger: In der Vergangenheit hatte ich bereits einige Male Kontakt zum chinesischen Fußball, unter anderem auch zum chinesischen Verband CFA. Letztendlich kam Evergrande über einen Vermittler auf mich zu. Nach intensiven Gesprächen habe ich dort zugesagt.

Was sind Ihre alltäglichen Aufgaben?

Böger: Die unterscheiden sich inhaltlich nicht großartig von denen eines Jugend-Cheftrainers in Deutschland. Nachdem wir im letzten Jahr mit unserer U19 den chinesischen Meistertitel errangen, bin ich aktuell weiterhin gesamtverantwortlich für die Mannschaft - nun als U20. Ich erstelle Trainingspläne, koordiniere die Einheiten und bilde die chinesischen Trainer im Verein fort. Hinzu kommt ein reger Austausch mit unseren vielen spanischen Nachwuchstrainern und von Zeit zu Zeit auch mit dem Cheftrainer unserer Profimannschaft Fabio Cannavaro.

Evergrande unterhält lediglich Nachwuchsteams ab der U17. Wie sieht der Unterbau aus?

Böger: Wir kooperieren als Klub mit der Evergrande-Akademie. Sie ist in Sachen Infrastruktur mit 50 Fußballplätzen und knapp 2000 aktiven Spielern weltweit die größte ihrer Art. Ausgebildet werden die Jungs dort von spanischen und chinesischen Lehrern und Trainern. Unsere Vereinstrainer und Scouts beobachten die Fortschritte und verpflichten die größten Talente für unsere U17.

Wie steht es um das Niveau der chinesischen Trainer?

Böger: Die CFA unternimmt derzeit große Anstrengungen, die Trainerausbildung zu optimieren. Dafür gibt es verschiedene Austauschprogramme zwischen der CFA und europäischen Verbänden wie dem DFB. Generell verpflichten chinesische Vereine ausländische Trainer nicht nur, um ihre Spieler zu entwickeln, sondern auch ihre Trainer besser zu machen. Dieser Prozess ist in vollem Gange, aber irgendwann sollten die einheimischen Trainer ihre Geschicke selbst leiten können.

Fühlen sich die aktuellen chinesischen Trainer von den ausländischen Trainern zurückgedrängt?

Böger: Das denke ich nicht. Ich jedenfalls fühle mich willkommen und beobachte, dass die hiesigen Trainer wissbegierig und lernwillig sind.

Zurück zur Evergrande-Akademie. Welche Rolle spielt dort die schulische Ausbildung der Kinder und Jugendlichen?

Böger: Eine sehr große. Die Tage sind für die Schüler gut verplant, ihr Pensum ist ziemlich hoch. Schule und Training im Wechsel verlangen ihnen einiges ab. Schließlich sollen die jungen Menschen auf das Leben vorbereitet werden. Möglichst soll ihr Weg zur Universität führen. Im Idealfall wollen sie aber natürlich auch Karriere im Fußball machen. Das ist alles andere als einfach und da muss ich als Trainer Kompromisse eingehen, bei schulischen Terminen oder Uni-Prüfungen fällt für die Betroffenen etwa auch mal eine Trainingseinheit aus. Ein Abschluss an der Evergrande-Akademie öffnet später aber so manche Tür im Berufsleben.

In der ersten chinesischen Liga spielen europäische und südamerikanische Stars. Hilft das dem chinesischen Fußball?

Böger: Im Moment braucht der chinesische Fußball noch Unterstützung von außen. Diese bekommen die Vereine von ausländischen Spielern und Trainern. Wir geben ihnen eine Orientierung, helfen beim Aufbau von Strukturen im Training, Wettkampf oder in der Organisation. Das ist ein guter Ansatz, sollte aber kein Dauerzustand bleiben.

Welchen Stellenwert hat der Fußball in China?

Böger: Die Sportart boomt, die Liga ist in der Öffentlichkeit und in den Medien sehr präsent. Im nächsten Schritt geht es um Nachhaltigkeit und internationale Erfolge. Das Aushängeschild eines jeden Landes, die Nationalmannschaft, will sich für eine Weltmeisterschaft qualifizieren und dort auch bestehen. Aktuell sind aber zum Beispiel Japan und Südkorea noch voraus. Diese Rückstände sollen sukzessive aufgeholt werden.

Staatspräsident Xi Jiping wirbt für eine Ausrichtung der WM 2030. Am besten soll dann auch gleich der Titel her.

Böger: Elf Jahre hören sich einerseits viel an, sind in der Fußball-Entwicklung allerdings eine sehr kurze Zeit. Ehe Strategien greifen und nachhaltige Erfolge Bestätigung bringen, braucht es schlichtweg Geduld. Auch in Deutschland hat es seinerzeit bekanntlich Jahre gebraucht, ehe wir nach einer Durststrecke wieder in die Weltspitze vordringen konnten.

Nach eineinhalb Jahren in China. Was hat Sie am dortigen Fußball am meisten überrascht?

Böger: Zunächst war es richtig, unvoreingenommen an diese Herausforderung heranzugehen. So konnte ich nicht überrascht werden, wie immens viel Arbeit gerade in puncto Technik und Taktik an der Basis noch zu leisten ist. Eine viel größere Bedeutung als in Europa kommt den klimatischen Bedingungen und ihren Folgen zu. Ob Regenzeit mit Starkregen und Gewittern oder den Hitzeperioden mit enormer Luftfeuchtigkeit - all diese Erscheinungen haben unmittelbaren Einfluss auf das tägliche Training und die Spiele. Kurz und intensiv sind dann die Einheiten zu organisieren, ein Plan B sollte immer in der Tasche sein.

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