Fussball

Zurück auf den Bolzplatz: Wie der DFB seine Sanchos herausbringen will

Oliver Bierhoff will mehr "Bolzplatzmentalität".

Bereits Anfang 2018 kündigte Oliver Bierhoff tiefgreifende Reformen im deutschen Fußball an. Knapp acht Monate nach dem WM-Debakel von Russland präsentieren der Direktor und sein Team neue Ideen, die den DFB zurück an die Weltspitze bringen sollen. Hauptsächlich betroffen: die festgefahrene Ausbildung talentierter Kinder.

Aus Frankfurt am Main berichtet SPOX-Reporter Kerry Hau

In Parolen flüchten wie nach dem großen Knall im vergangenen Sommer wollte sich Oliver Bierhoff nicht. Nein, nicht grundlos lud der DFB am Mittwoch SPOX und knapp 40 weitere Medien am Mittwoch zu einem großen Workshop in die Frankfurter Commerzbank Arena ein.

Bierhoff, seit 2018 "Direktor Nationalmannschaften und Akademie", referierte im Beisein seiner Assistenten zwischen zwei Bildschirmen, auf denen in Großbuchstaben der sehnliche Wunsch des DFB formuliert war: "Zurück an die Weltspitze."

Man könne "nicht weitermachen wie bisher", sagte Bierhoff während der fast zweistündigen Veranstaltung, es bedürfe einer "Richtungsänderung" im deutschen Fußball. Zwar "nicht wie im Jahr 2000", denn so weit wie damals sei man trotz der Schmach von Russland nicht von der Weltspitze entfernt, aber man müsse insbesondere bei der Suche, Entwicklung und Förderung von Nachwuchsspielern ansetzen, betonte der Europameister von 1996.

"Talente haben wir viele in Deutschland. Aber aus diesen Talenten Ausnahmespieler zu machen, die in der Weltspitze bestehen können, das ist die große Herausforderung."

Joti Chatzialexiou: "Wir bilden nicht altersgerecht aus"

Der deutsche Fußball kranke an "Individualität", "Kreativität", "Unterschiedlichkeit" und "Bolzplatzmentalität", sagte Bierhoff. Sein Assistent Joti Chatzialexiou, der die sportliche Leitung der Nationalmannschaften verantwortet, definierte vier Problemfelder, auf die sich der DFB in den kommenden Jahren fokussieren müsse: auf den Kinderfußball, auf die Förderstrukturen, auf die Wettbewerbe im Rahmen des Rahmenterminkalenders sowie auf die Trainerausbildung.

Man müsse wieder Spieler herausbringen, die für Unvorhergesehenes stehen. Allen voran Offensivspieler, "sowohl für die Außen als auch für das Zentrum", erklärte Chatzialexiou auf Nachfrage von SPOX. Dazu benötige man aber auch Trainer, die Unvorhergesehenes zulassen anstatt die Kinder schon früh in ein taktisches Korsett zwängen. Dass die Belgier Spieler wie Kevin de Bruyne oder die Engländer Spieler wie Jadon Sancho herausbringen, liege schlichtweg daran, dass diesen der Hang zu Einzelaktionen nicht negativ ausgelegt wird. Im Gegenteil: Er wird von klein auf gefördert.

"Wir bilden nicht altersgerecht aus", gestand Chatzialexiou. Dass hierzulande bereits in der F-Jugend Sieben-gegen-Sieben gespielt wird, sei nicht förderlich. "Unsere Kleinen haben zu wenig Ballaktionen und müssen zu selten Entscheidungen treffen. Unsere Analysen haben ergeben, dass mindestens ein Drittel unserer Talente nicht optimal gefördert wird", sagte Chatzialexiou.

Oliver Bierhoff: DFB ein Dienstleister statt Ansager

Eine mögliche Lösung: Das Sieben-gegen-Sieben könnte in ein Zwei-gegen-Zwei umgewandelt werden. Die Anzahl der Spieler würde dann von Jugendkategorie zu Jugendkategorie schrittweise erhöht werden. "Es muss uns einfach gelingen, dass die Kinder wieder Spaß am Fußball bekommen", sagte Chatzialexiou. Auch durch freieres Training solle der Straßenfußball in die Vereine gebracht werden.

Der DFB, der wahrscheinlich Anfang 2021 seine neue Akademie in der Mainmetropole beziehen wird, sehe sich dabei allerdings nicht als Ansager von oben, sondern vielmehr als "Dienstleister", betonte Bierhoff. Letztlich müssten immer noch die Vereine entscheiden, wie sie ihre Spieler ausbilden. Von einigen Klubs habe er allerdings schon positives Feedback erhalten, berichtete der 50-Jährige. Der DFB arbeite auch eng mit Trainern und Sportdirektoren zusammen, zum Beispiel Dieter Hecking und Max Eberl von Borussia Mönchengladbach.

eSport als Chance für den Fußball?

Wie schwierig es wird, in Zeiten von Smartphones und eSport mehr Bolzplatzmentalität zu entwickeln, ist Bierhoff jedoch bewusst. Anders als in von Armut geprägten Ländern wie Brasilien, in denen der Fußball oft die einzige Chance darstellt, einem Leben in sozialen Nöten zu entfliehen, gilt er für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland längst nicht mehr als Lieblingsfreizeitbeschäftigung.

"Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Vor elf Jahren hatten zwei Prozent der Weltbevölkerung ein Smartphone, heute 66 Prozent", sagte Tobias Haupt, der Leiter der DFB-Akademie. Daher müsse man auf die nicht aufzuhaltende Digitalisierung "intelligente Antworten finden", meinte Bierhoff. "Die, die FIFA zocken, spielen in der Regel doch selber gerne Fußball. Warum sollen sie nicht im Vereinsheim zusammen an der Konsole spielen und anschließend auf dem Platz trainieren?"

Die Richtungsänderung sei nicht nur deshalb eine "Mammutaufgabe", die "nicht von heute auf morgen" vollzogen werden könne. Insgesamt gebe sich der Verband "fünf, sechs Jahre" Zeit, sagte Bierhoff, um alle gewünschten Reformen zu vollziehen. Die Heim-EM 2024 Deutschland sei "schon ein Leuchtturm, den wir im Blick haben. Aber was unsere Mannschaften angeht, wollen wir morgen gewinnen."

DFB-Team: Die nächsten fünf Länderspiele

GegnerWettbewerbOrtDatum
SerbienFreundschaftsspielWolfsburg20. März
NiederlandeEM-QualifikationAmsterdam24. März
WeißrusslandEM-QualifikationNoch unbekannt8. Juni
EstlandEM-QualifikationNoch unbekannt11. Juni
NiederlandeEM-QualifikationNoch unbekannt6. September
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