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DFB-Team: Das sind die Erkenntnisse aus Frankreich gegen Deutschland

Joachim Löw unter den Lichtern des Stade de France in Paris.
© getty

Durch das 1:2 bei Weltmeister Frankreich hat Deutschland innerhalb von drei Tagen das zweite Pflichtspiel verloren. Die DFB-Elf zeigte in Paris ein neues Gesicht und verbreitete Optimismus. Es zeigten sich allerdings auch bekannte Schwächen, die man einfach nicht abstellt.

SPOX fasst die Erkenntnisse aus dem Spiel zusammen.

Frankreich - Deutschland: Diese Dinge haben gut funktioniert

Positiv: Löw zeigt Mut zur Veränderung

Es war vielerorts kritisiert worden, dass sich der Bundestrainer nach der verkorksten WM nicht von seiner "Achse" um die Weltmeister 2014 trennen wollte. So blieb in den folgenden Spielen das Spielsystem das Gleiche, auch Veränderungen in der Startelf gab es in den Nations-League-Spielen nur punktuell.

In dieser Hinsicht kann das Spiel am Dienstag durchaus als bisher größter "Umbruch" gewertet werden. Löw brachte nicht nur fünf neue Spieler in die Startelf, er krempelte auch System und Taktik um. Ob seine mutige Aufstellung nun ein Beweis dafür war, dass er sich um seinen Job als Bundestrainer keinen Kopf macht, oder ob nach dem 0:3 in Amsterdam auch eine Prise Verzweiflung dabei war, nach dem Motto "alles, nur nicht wieder abgeschossen werden", ist nicht zu 100 Prozent aufzulösen.

Nach dem Spiel gab es auf jeden Fall nur Zuspruch für Löw. Die Beteiligten - und Verantwortlichen - waren sich einig, dass es sich um eine neue Zeitrechnung handeln könnte. "Ich finde, dass wir ein Stück Umbruch gesehen haben", sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel, und Oliver Bierhoff bestätigte das: "Esprit und Energie" bekomme man nur mit "neuen, unverbrauchten Spielern" ins Team, das sei klar gewesen.

Positiv: Die neue Dreierkette

Ohne den angeschlagen abgereisten Jerome Boateng rückte wie erwartet Niklas Süle ins Team. Löw setzte neben die beiden Bayern aber auch noch Matthias Ginter ins Zentrum. So spielte man mit Ballbesitz ein 3-4-3, gegen den Ball rückten Nico Schulz und Thilo Kehrer in die Kette. Weg mit der Viererkette? Löw wolle immer modernen Fußball spielen, betonte Manuel Neuer anschließend: "Jogi entwickelt sich mit uns weiter."

Der Bundestrainer hatte dabei aber auch im Auge, wie das neue System konkret gegen Frankreich funktionieren würde. So spielte der wuchtige Süle (80 Prozent Zweikampfquote) zentral in der Kette und war so erster Gegenspieler von Sturmtank Giroud (21,4 Prozent Zweikämpfe), den er im Spielverlauf immer besser in den Griff bekam.

Im Spielaufbau wirkten sich die drei Innenverteidiger ebenfalls positiv aus, zumal Frankreich zumeist nur mit Giroud und Griezmann störte. So war ein Innenverteidiger frei, der mit ruhigem Passspiel gefunden wurde, bevor der Ball weiter auf die Außen oder die zentralen Mittelfeldspieler verteilt wurde. Resultat: mehr Sicherheit im Spiel von hinten heraus. Gerade über links fanden Mats Hummels und Toni Kroos Nico Schulz oft mit viel Platz, zumal Kylian Mbappe auf Arbeit nach hinten größtenteils verzichtete.

Positiv: Die neuen Außen

Beide Außen hatten von Löw den Auftrag bekommen, konsequent an den Seitenlinien zu bleiben und das Spiel so breit zu machen. Gegen den Ball wurde der gegnerische Außenverteidiger sofort attackiert, um gerade auf der eigenen linken Seite die Bälle auf Mbappe zu verhindern. Das funktionierte in der geordneten Defensive insgesamt sehr gut. Schulz und Kehrer führten zusammen 20 Zweikämpfe und gewannen davon 55 Prozent.

Offensiv fühlte sich gerade Schulz im System, das er aus Hoffenheim kennt, sichtlich wohl und nutzte die Freiheiten, die sich ihm boten, für einige Vorstöße bis an die Grundlinie - obwohl man nicht umhin konnte, sich zu fragen, ob ein Philipp Max aus diesen Flanken nicht noch mehr hätte herausholen können. Kehrer war für die rechte Seite eine überraschende Besetzung, ließ aber im Spielverlauf ebenfalls zunehmend seine Schnelligkeit aufblitzen.

Fazit: Setzt Löw auch in Zukunft auf das 3-4-3, dürfte er auch andere Spieler auf diesen Außenpositionen testen, gerade auf rechts. Mit Kehrer und Schulz ist aber auf jeden Fall ein guter Anfang gemacht.

Positiv: Gefahr durch schnelle Stürmer

Als die Aufstellung eine Stunde vor Spielbeginn veröffentlicht wurde, sahen nicht wenige Timo Werner erneut zentral in der Spitze, flankiert von Leroy Sane und Serge Gnabry. Faktisch spielte jedoch vor allem Gnabry zentral, womöglich bedingt durch seinen etwas bulligeren Körperbau.

So konsequent hatte Löw in seiner Spielerauswahl vielleicht noch nie auf Konter gesetzt: Kein Platz mehr für Raumdeuter und Zwischenspieler Müller, stattdessen ein pfeilschnelles Trio, das in die Räume geschickt werden sollte. So entstand das 1:0, und so ergaben sich auch weitere hochkarätige Chancen.

Ob das Experiment funktioniert hätte, wenn die Franzosen umgekehrt früh in Führung gegangen wäre, ist offen. Auch, ob gegen kleinere Gegner, etwa in der kommenden EM-Qualifikation, nicht wieder ein Vollstrecker im Strafraum gefragt ist. Ist jedoch ein defensiverer Stil mitsamt Kontern gefragt, hat Löw mehr als nur eine Alternative an der Hand.

Positiv: Kroos und Kimmich in der Zentrale

Kimmich hatte sich ja eigentlich schon nach seinem ersten Spiel in der Zentrale festgespielt. Gegen Frankreich zeigte er, dass er es nicht nur als Ausputzer hinter zwei Achtern kann, sondern auch neben Kroos. In einer Rolle, in der er neben seinen Defensiv-Aufgaben auch das Spiel ankurbeln soll. Kimmich war spritzig, giftig im Zweikampf und bewies, dass auch er hervorragende Steilpässe spielen kann.

Für Kroos war es ebenfalls ein gelungener Abend. Zwar präsentierte er sich in der Mixed Zone betont grummelig, schließlich hatte man erneut verloren - und das sei schwierig für Spieler, "die das Gewinnen gewohnt sind - so wie ich." Aber auch er musste zugeben, dass es mit den vielen Optionen nach vorn selbst mit der Niederlage auf dem Rasen Spaß gemacht hatte. Dass es seinem Spiel zuträglich war, war offensichtlich: mehr Bälle in die Spitze und kluge Spielverlagerungen, weniger "Querpass-Toni".

Positiv: Manuel Neuer

Über die Qualitäten der Nummer eins muss man eigentlich nicht diskutieren, wobei nach seinem unterlaufenen Eckball gegen Holland die öffentliche Debatte, ob nicht endlich Marc-Andre ter Stegen spielen müsste, erneut aufgebrandet war.

Löw stärkte seinem Schlussmann jedoch den Rücken, und der zeigte gegen den Weltmeister eine tadellose Leistung. Einmal hielt er stark gegen Mbappe, auch in der Strafraumbeherrschung und den Ausflügen außerhalb des Strafraums ging alles glatt. Bei den Gegentoren hätte auch ter Stegen nichts ausrichten können. Torhüterdebatte zumindest bis auf weiteres vertagt.

Seite 1: Das hat funktioniert - Mut zum Umbruch, Dreierkette und schnelle Stürmer

Seite 2: Das hat nicht funktioniert - Chancenverwertung, Hummels und Spielglück

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