Fussball

Kommentar zu Deutschlands Auftaktniederlage gegen Mexiko: ZSMMNbruch

Montag, 18.06.2018 | 08:54 Uhr
Sami Khedira wurde gegen Mexiko nach einer Stunde ausgewechselt.
© getty

Die deutsche Nationalmannschaft bestätigt bei der 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko, was sich in den Testspielen dieses Jahres schon angedeutet hat: Bundestrainer Joachim Löw ist die Statik seines Kaders verrutscht. Ein Kommentar von SPOX-Fußballchef Andreas Lehner.

Die deutsche Nationalmannschaft ist nicht nur eine fußballerisch hoch begabte Truppe, sondern längst auch ein bis ins kleinste Detail gestyltes Marketingobjekt. Vor vier Jahren reiste das Team unter dem Motto "Bereit wie nie" nach Brasilien, was sich im Nachhinein als goldrichtig herausstellen sollte.

Dieses Mal geht es mit dem Slogan "Best never rest" und dem wenig gelungen Hashtag ZSMMN um die Titelverteidigung. Doch spätestens mit der Auftaktniederlage gegen Mexiko haben sich die Vermutungen bewahrheitet, dass #ZSMMN nicht mehr als hohles Marketinggeschwafel ist.

Die Mannschaft erlitt im Luschniki-Stadion einen veritablen ZSMMNbruch. Es wurde auf der größtmöglichen Bühne deutlich, dass einige Spieler aus dem Bereit-wie-nie-Kader vor vier Jahren genau das waren. Nicht davor und nicht mehr danach.

Deutschland mit dem ältesten Team seit dem WM-Finale 2002

Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben, aber Akteure wie Sami Khedira, Mesut Özil und Thomas Müller, die dem DFB-Team in den letzten beiden WM-Turnieren große Dienste erwiesen haben, schienen teilweise fehl am Platz. Die älteste deutsche Mannschaft seit dem WM-Finale 2002 wirkte gegen die giftigen und spritzigen Mexikaner müde und uninspiriert - und das schon zum Auftakt in dieses Turnier.

Neun Weltmeister von 2014 hat Bundestrainer Joachim Löw in seinen Kader für Russland berufen, acht davon standen gegen Mexiko in der Startelf. Nur Matthias Ginter saß wie in Brasilien auf der Bank.

Löw vertraute in Moskau seinem altbewährten Personal, von dem er im Vorfeld immer wieder betonte, dass es zum Start schon bereit sein werde. Aber der alte Slogan wirkte nicht mehr. Die Mexikaner konterten die Deutschen aus, wie es die junge DFB-Elf 2010 mit etablierten Gegner oder 2014 mit Brasilien tat.

Löw ist die Durchmischung seiner Mannschaft nicht gelungen

Die offensichtlichen Schwächen gegen Mexiko rücken auch den Trainer in den Fokus. Löw ist die Statik in seinem Kader deutlich verrutscht. Er hat selbst immer wieder darauf verwiesen, dass es nach der WM 2014 und der EM 2016 einen Wandel im Team geben müsse und dafür auch den Confed-Cup 2017 benutzt. Die Nominierungen von Julian Draxler, Joshua Kimmich und Timo Werner für die Startelf waren aber nur ein geringes Zugeständnis an die neue Generation.

Draxler war immerhin auch ein Teil des 2014er Kaders und Kimmich und Werner sind auf ihren Positionen alternativlos. Eine gesunde Durchmischung ist ihm bisher nicht gelungen. Die Jungen stehen deutlich im Schatten der Etablierten.

Löw förderte diese Konstellation mit dem Verzicht auf Leroy Sane und der unwidersprochenen Kritik von Kroos nach der Testspielniederlage gegen Brasilien, als er manchem jungen Kollegen die Qualität für allerhöchstes Niveau absprach.

Auch bei der WM 2014 gab es Konflikte

Dass es in diesem Team aber nicht nur einen Generationenkonflikt gibt, sondern auch zwischen den Weltmeistern noch nicht passt, haben die Aussagen am Sonntag bewiesen. Mats Hummels und Jerome Boateng bemängelten die fehlende Balance und die immer gleichen Fehler - ziemlich erstaunlich bei einer so erfahrenen Mannschaft.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch in Brasilien nicht alles geräuschlos vonstattenging und Diskussionen über die Position von Philipp Lahm und die Rolle von Sami Khedira auch öffentlich ausgetragen wurden. Aber die Führungsspieler um Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker und Miroslav Klose moderierten diese geschickt zum Wohle der Mannschaft.

Das Turnier ist auch nach dieser bitteren Erfahrung in Moskau noch nicht vorbei, eine Titelverteidigung ist immer noch möglich und andere Favoriten haben im ersten Spiel auch nicht die Sterne vom Himmel gespielt.

Aber früher als erwartet ist das DFB-Team an diesem Punkt angekommen, wo es unangenehme Themen aus sich heraus regeln muss. Auch Löw wird nolens volens eingreifen und den von ihm selbst angekündigten Umbruch durchziehen müssen. Sotschi, wo Deutschland am Samstag auf Schweden trifft, scheint auch ein geeigneter Ort dafür zu sein. Immerhin logierte der DFB-Tross dort während des Confed-Cups 2017.

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