Fussball

Die deutsche Nationalmannschaft nach dem WM-Aus: Erst fassungslos, dann ratlos

Das DFB-Team war nach dem WM-Aus fassungslos.
© getty

Deutschland ist raus! Der Weltmeister verlor das abschließende Gruppenspiel der WM 2018 und darf nun die Heimreise antreten. Dabei scheiterte das DFB-Team nicht nur sportlich beim 0:2 gegen Südkorea. Auch nach dem Spiel präsentierte man sich auf der Suche nach Erklärungen für das Desaster ähnlich hilflos.

Als Referee Mark Geiger nach 99 gespielten Minuten und 18 Sekunden ein Einsehen hatte und der Schlusspfiff ertönte, brachen unisono gleich mehrere Südkoreaner auf dem Rasen in der Kasan Arena zusammen. Vor Erschöpfung, aber auch vor Freude: Wie die eigenen Fans auf der Tribüne feierten sie den Sieg so ausgelassen, als wären sie nun Weltmeister und nicht mehr Deutschland - als würde der Titel wie im Boxen nach einem Knockout in der zwölften Runde nun um ihre Hüften wandern. Dabei waren sie ebenfalls ausgeschieden, nur Dritter in der Vorrundengruppe F.

Als besagter Schlusspfiff in einer Welle aufbrandenden koreanischen Jubels verschwand und die Weltmeisterschaft 2018 für die deutsche Nationalmannschaft offiziell beendet war, bewegte sich bei den Spielern in den grünen Trikots, mit den vier glänzenden Sternen auf der Brust, so viel wie über weite Strecken der Partie: fast nichts.

Mario Gomez, der mit 32 Jahren seine sicherlich letzte WM gespielt hatte, hockte mit angezogenen Knien einfach nur da und starrte in die Ferne. Thomas Müller wischte sich Tränen aus dem verkniffenen Gesicht. Der Rest wankte mit entgleisten, teilnahmslosen Gesichtern durch die Gegend. Ein paar Glückwünsche hier, ein paar Aufmunterungen da, abklatschen mit den Ersatzspielern. Alles wie in Trance.

0:2 gegen Südkorea: Der schwärzeste Abend der DFB-Geschichte?

Über ihnen schwebte förmlich eine Wolke der Fassungslosigkeit. Keine widerspenstige, verzweifelte Fassungslosigkeit der Sorte "Das kann doch nicht sein - das DARF doch nicht sein!", sondern eine stumpfe, resignierte Fassungslosigkeit der Sorte "Das kann doch nicht wahr sein ..."

Toni Kroos wanderte noch lange nach seinen Mitspielern über den Platz, eine Art Gegenstück zu Franz Beckenbauer 1990, wenn man so will. Vorbei am Kreis der Südkoreaner, die sich, die Köpfe zusammengesteckt, zu ihrer heroischen Leistung beglückwünschten. Schließlich in Richtung Kabine. Aus den Lautsprechern wummerten Zeilen der Black Eyed Peas, die er in diesen Sekunden sicher nicht registrierte: "I gotta feeling that tonight's gonna be a good night ..."

Es war kein guter Abend. Es war der vielleicht schwärzeste Abend in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft.

Neuer, Kroos und Müller: Führungsspieler auf der Suche nach Antworten

Da war der ruhige Kapitän Manuel Neuer, der fehlendes Tempo und fehlenden Willen konstatierte. Warum? "Das ist schwer zu sagen ..." Was müsse jetzt als Erstes passieren? "Ja ... das ist natürlich schwer ..." begann er erneut, bevor er sich unterbrach. Man müsse jetzt sacken lassen, erklärte er schließlich, und dann knallhart analysieren.

Da war Kroos, aus dessen betont gutmütiger Stimmlage so selten etwas herauszulesen ist. Um dessen Lippen auch in dieser Situation noch die Andeutung eines feinen Lächelns spielte, als er Erklärungen abliefern sollte. Andere Spielertypen als noch 2014, nicht alle Stars in Topform. Keine Durchschlagskraft in der Offensive. Und, ein ums andere Mal, als er von Reporterpulk zu -pulk lief: Man habe die eigenen Qualitäten nicht auf den Platz bringen können. Warum? Tja. Warum.

Und da war der grimmig dreinschauende Thomas Müller, der mit mahlendem Kiefer die Situation im ZDF auf den Punkt brachte: "Man kann jetzt viele Gründe finden und wir können nie sagen: 'Nee, daran lag's nicht.'" Denn wer Ursachen ausschließt, so die implizierte Botschaft des 28-Jährigen, der muss andere Ursachen einschließen. Der muss selbst Erklärungen liefern. Und das konnte er nicht.

Also ließ er die Fragen des Reporters über sich ergehen. Fehlender Wille? Angst vor Fehlern? "Vielleicht auch. Kann sein", zuckte er entschuldigend mit den Achseln. "Wir werden nicht den einen Grund finden." Man hatte es schließlich über Monate nicht vermocht, den einen Grund für den stetigen Leistungsabfall der DFB-Elf zu identifizieren. Wenn es ihn denn gibt.

Hummels: Deutsches WM-Aus in Kasan "ein ganz bitterer Abend"

Die Autopsie der WM 2018 wird folgen. Von den Journalisten, die viel früher als gedacht die Heimreise antreten werden. Von den Spielern, die am Donnerstagmittag die Heimreise nach Frankfurt antreten und Tatorte wie Vatutinki, das Moskauer Luschniki-Stadion und die Kasan Arena hinter sich lassen werden. Vom Trainerteam um Joachim Löw, falls er weitermachen sollte, und von den Mannschafts-Machern eine Ebene darüber. "Im Erfolg ist nicht ein einzelner Punkt entscheidend", sagte Oliver Bierhoff nach Abpfiff, "im Misserfolg natürlich auch nicht."

Bis dahin müssen die Worte von Mats Hummels genügen, der sich nach Abpfiff mit zerzauster Mähne einem FIFA-Mikron stellte und seine Ausführungen mit einem Kopfschütteln und den Worten beendete: "Ein ganz, ganz bitterer Abend für uns, für alle deutschen Fußballfans." Und noch einmal, mit fester Stimme, schließlich handelte es sich um die einzige Analyse, auf die sich alle Beteiligten einigen konnten: "Ein ganz, ganz, ganz bitterer Abend."

Gruppe F: Deutschland ist Tabellenletzter

PlatzTeamGUVTorv.Punkte
1Schweden2015:26
2Mexiko2013:46
3Südkorea1023:33
4Deutschland1022:43
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