Fussball

Mario Götze vom BVB vor der Nominierung für die WM: Eine historische Überlegung

Montag, 14.05.2018 | 08:19 Uhr
Wird Bundestrainer Joachim Löw Mario Götze für die WM 2018 in Russland nominieren?
© getty

Die gute Nachricht für Mario Götze: In einer schwachen Saison gehörte er beim BVB zu den wenigen Spielern, denen man ab und an ein gutes Zeugnis ausstellte. Die schlechte: Es könnte sein, dass dies für den 25-jährigen WM-Finaltorschützen von 2014 nicht ausreicht, um von Bundestrainer Joachim Löw für die Endrunde in Russland nominiert zu werden.

Die Leistung erstaunte weniger als die Aufstellung. In seinem letzten Pflichtspiel als BVB-Trainer musste Peter Stöger sein Team aufgrund von Sperre und Verletzungen umbauen. Dass er im "Endspiel" gegen Hoffenheim aber nicht nur den Abwehrverbund veränderte, sondern in Maximilian Philipp auch den Spieler draußen ließ, der zusammen mit Marco Reus die letzten sechs Dortmunder Tore schoss, überraschte.

Das galt auch für die Personalie Mario Götze. Der saß nach zuvor drei Startelfeinsätzen in Folge ebenfalls nur auf der Bank - wie Philipp 90 Minuten lang. Im letzten Spiel der Saison, in dem er sich noch einmal für Bundestrainer Joachim Löw hätte empfehlen können.

Es sind auch einzelne Geschichten wie diese, die belegen, wie wenig harmonisch es bei Borussia Dortmund in der nun abgelaufenen Spielzeit zuging. Das Verhältnis zwischen Stöger und Götze, es war letztlich nie störungsfrei.

Stöger bezeichnet Götze als "talentierten Spieler"

Der Tiefpunkt schien gekommen, als Stöger Götze vier Minuten vor Schluss in einem erbärmlichen und längst verlorenen Derby auf Schalke einwechselte und ihn anschließend als "talentierten Spieler" bezeichnete. Das erinnerte an Michael Skibbes verbale Degradierung des 31-jährigen Thomas Häßler in der Saison 1998/99. Schon in der Woche zuvor beim Heimsieg gegen Stuttgart kam Götze nicht zum Einsatz.

Das passierte ihm in den vergangenen zwei Monaten insgesamt drei Mal. Hinzu kamen Götzes magere Auftritte in den Europa-League-Duellen gegen Salzburg, in denen er nur 107 von 180 Minuten mitmachen durfte. Als er im Hinspiel nach einer guten Stunde ausgewechselt wurde, erzielte der BVB nur Sekunden später den Anschlusstreffer. Nach dem Aus im Rückspiel sagte Stöger: "Mit Mario waren wir überhaupt nicht einverstanden."

Und so läuft Götze statistisch gesehen in der WM-Spielzeit 2017/18 mit folgender Bilanz ein: 32 Pflichtspiele, zwei Tore, sieben Assists. Das liest sich nicht berauschend und könnte schlicht zu wenig sein, um auf den Zug nach Russland aufzuspringen.

Götze fehlen Rhythmus und Form

"Ich weiß, dass die kommenden fünf Spiele sehr wichtig für mich sind, aber sie sind nicht alleine ausschlaggebend dafür, ob ich mit nach Russland fahre oder nicht", sagte Götze kurz vor dem Endspurt in der Bundesliga.

Nur in dreien dieser fünf Partien kam er dann zum Einsatz, seine Leistungen gegen Leverkusen (4:0) und in Bremen (1:1) waren wie die der gesamten Mannschaft gut. Götze stach insofern sogar heraus, da er gegen Werder bester Dortmunder Zweikämpfer war (64 Prozent), die beste Passquote aufwies und die meisten Pässe in der gegnerischen Hälfte spielte. Auch beim schwachen Auftritt gegen Mainz (1:2) gewann kein Dortmunder mehr direkte Duelle als er (68 Prozent).

All dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Götze Rhythmus und die letzten Prozente an Form fehlen, um voll im Saft zu stehen und die vielfältigen Anstrengungen einer Weltmeisterschaft zu meistern. "Der Bundestrainer kennt mich seit vielen Jahren und weiß, welche Qualitäten ich habe", sagte Götze. Damit hat er Recht, Löw protegiert diesen hoch veranlagten Spieler seit Jahren und tauscht sich regelmäßig mit ihm aus.

Mario Götze: Die Leistungsdaten beim BVB in der Saison 2017/2018

WettbewerbEinsätzeToreVorlagen
Bundesliga2324
Champions League501
Europa League402

Die Tonlage hatte sich zuletzt allerdings doch merklich verändert. Für die Testspiele gegen Italien und Brasilien im März gab es für Götze keine Einladung von Löw - dafür eine Aufforderung, seine Leistungen zu steigern.

"Er hat ein unglaubliches Potenzial und ist ein Spieler, dem ich eigentlich auch vertraue", richtete der Bundestrainer damals aus. Und schränkte ein: "Aber im Moment ist er noch nicht in der Form, in der wir ihn uns wünschen. In der Nationalmannschaft ist noch ein anderer Druck."

Aktuell sind es daher wohl weniger Götzes letzte Darbietungen auf dem Feld, die Löw überzeugen sollten. Vielmehr dürfte der 25-Jährige den Weg in den vorläufigen Kader finden, der am Dienstag im Fußballmuseum in Dortmund benannt wird, weil Löw mit Serge Gnabry und Lars Stindl zwei verletzungsbedingte Ausfälle verkraften muss.

Dass Götze in Russland eine tragende Rolle im Nationalteam spielt, davon wird wohl auch er selbst nicht ausgehen. Die Konkurrenz ist groß und stark, der Kern der Mannschaft steht. Das musste Götze bereits vor vier Jahren in Brasilien einsehen, als er in den letzten fünf Begegnungen nicht mehr für die Startelf nominiert wurde.

Ruhe und Normalität für Götze mit oder ohne WM-Nominierung?

Löws mögliche Überlegung, Götze am Ende doch ganz zu Hause zu lassen, wäre gewissermaßen eine historische. Blickt man auf die drei Siegtorschützen in den WM-Finals vor Götze, so wurden sowohl Helmut Rahn (1958) als auch Andreas Brehme (1994) für das folgende Turnier nominiert. Lediglich Gerd Müller verzichtete 1978 aus eigenen Stücken, da er nach seinem Siegtor vier Jahre zuvor gegen die Niederlande aus dem DFB-Team austrat.

"Er kann richtig gut Fußball spielen, wenn er in Ruhe gelassen wird", sagte Stöger kürzlich. Der ehemalige BVB-Trainer Jürgen Klopp schlug in dieselbe Kerbe: "Mario braucht jetzt Normalität. Allerdings hat Dortmund gerade Probleme. Das hilft natürlich nicht. Mario Götze ist ein genauso guter Fußballspieler wie früher."

Doch würden für Götze Ruhe und Normalität einkehren, sollte Löw beim Projekt Titelverteidigung tatsächlich auf den Spieler verzichten, der das entscheidende Tor im Maracana erzielte und nicht erst seitdem unter einem größeren Brennglas betrachtet wird als die meisten seiner Kollegen? Darf wiederum ein Bundestrainer, der seit längerer Zeit verschärfte Ansagen an die Leistungsbereitschaft seines potentiellen Personals richtete, sich von verjährten Verdiensten leiten lassen?

Die vorläufige Entscheidung fällt am Dienstagmittag. An jenem Ort, der stolz Memorabilia der DFB-Geschichte ausstellt. Zum Beispiel Mario Götzes Kickstiefel vom WM-Finale 2014.

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