Fussball

Der deutsche WM-Kader 2018 in Russland: Löws Feel-Good-Entscheidung

Joachim Löw während der Nominierung am Dienstag in Dortmund.
© getty

Joachim Löw hat mit seiner Kadernominierung für eine große Überraschung gesorgt. Nils Petersen ist dabei, Mario Götze und Sandro Wagner dagegen nicht. Der Bundestrainer geht damit ein Risiko ein, weil er auf sportliches Potenzial verzichtet. Dafür gibt es zwei öffentlichkeitswirksame Themen weniger. Eine Feel-Good-Entscheidung. Ein Kommentar von SPOX-Fußballchef Andreas Lehner.

Als Nils Petersen 2011 seine ersten Trainingseinheiten beim FC Bayern München absolvierte, war den etablierten Führungsspielern schnell klar, dass sich dieser Spieler hier nicht durchsetzen wird. Dass in diesem Torschützenkönig der 2. Liga schon Talent schlummere, aber ein Klub der Größe des FC Bayern zu viel für ihn sei.

Zu limitiert, zu brav, zu durchsetzungsschwach. Und so zog er nach nur einem Jahr an der Isar weiter zu Werder Bremen. In den vergangenen sieben Jahren hat sich Petersen zumindest als Spieler weiterentwickelt - seine geistigen Fortschritte hat er Ende des Vorjahres selbst in Zweifel gezogen.

Nils Petersen ist ein guter Bundesligastürmer. Einer, der pro Saison für 10 bis 15 Tore gut ist. Aber er ist nach wie vor kein Stürmer von internationaler Klasse oder gar Weltklasse. Er hat in seiner Karriere ganze 349 Minuten im Europapokal gespielt. Länderspiele? Null. Trotzdem ist nach den Aussagen des Bundestrainers davon auszugehen, dass Löw ihn nach Russland mitnimmt.

Löw konterkariert seine eigenen Vorgaben

Löw konterkariert mit Petersens Nominierung für den WM-Kader seine eigenen Vorgaben. Immer wieder hat er in den vergangenen Jahren Fragen nach anderen guten Bundesligaspielern auf dem Sprung in die Nationalmannschaft mit einer Gegenfrage weggewischt: Scho au gut, aber reicht das gegen die Besten der Welt, gegen die Messis, Ronaldos oder Neymars dieser Welt?

Auch bei Sandro Wagner lässt sich diese Frage nicht final mit ja beantworten. Aber er war in den letzten zwei Jahren ein fester Bestandteil der Mannschaft, er hat in der Qualifikation gemeinsam mit Thomas Müller die meisten Tore (5) geschossen und er hat im Winter in Absprache mit Löw den Schritt nach München gewagt, um sich auch noch in der Champions League zu beweisen.

Da kamen zwar nur 50 Minuten zusammen, aber Wagner hat sich beim FC Bayern schnell etabliert und ist auch selbstbewusst mit seinen Ambitionen umgegangen. Paradoxerweise könnte das am Ende sogar den Ausschlag gegen ihn gegeben haben. Denn Löw hat eine Feel-Good-Entscheidung getroffen.

Mit Wagner, Mario Gomez und Timo Werner im Kader hätte Löw deutlich mehr Fragen zur Besetzung des Sturmzentrums moderieren müssen als mit Petersen, der schon die Berufung als großes Geschenk empfindet. Wagner hätte womöglich in Russland sogar mal offensiv über einen Einsatz gesprochen. Er wäre auch eine ernsthafte Alternative gewesen.

War Götze schlechter als Goretzka oder Rudy?

Ähnlich liegt der Fall bei Mario Götze. Der 25-Jährige hat sicher keine herausragende Saison hinter sich, aber wo waren eigentlich Leon Goretzka und Sebastian Rudy in der Rückrunde? Dazu hat Götze in den letzten Wochen aufsteigende Form gezeigt und er bleibt ein Spieler für gewisse Momente. Löw hätte ihn problemlos für eine hintere Kaderposition berufen können.

Aber der Torschütze des WM-Finals von vor vier Jahren immer nur auf der Bank? Ein Nebenkriegsschauplatz, in den der Bundestrainer nicht zu viel Energie investieren wollte. So hat Löw am Dienstag zwar 27 Spieler nominiert, sich aber eher einen 16er-Kader gebaut. Die restlichen elf bzw. sieben, die noch ein Ticket für Russland bekommen, sind Kaderfüller, die für jede Minute im Turnier dankbar sind und ihre Rolle im Hintergrund ohne Murren akzeptieren.

Das ist Löws Art der Kadernominierung. Fokus auf die zentralen Stützen und dahinter Spieler für den Teamgeist. Ob das gegen die Besten der Welt, gegen die Messis, Ronaldos oder Ramos dieser Welt reicht?

Deutscher WM-Kader: Götze und Wagner fehlen

SpielerVereinPosition
Manuel NeuerBayern MünchenTorhüter
Bernd LenoBayer LeverkusenTorhüter
Marc-Andre ter SregenFC BarcelonaTorhüter
Kevin TrappParis St.-GermainTorhüter
Jerome BoatengBayern MünchenVerteidigung
Matthias GinterBorussia MönchengladbachVerteidigung
Jonas Hector1. FC KölnVerteidigung
Mats HummelsBayern MünchenVerteidigung
Joshua KimmichBayern MünchenVerteidigung
Marvin PlattenhardtHertha BSCVerteidigung
Antonio RüdigerFC ChelseaVerteidigung
Niklas SüleBayern MünchenVerteidigung
Jonathan TahBayern LeverkusenVerteidigung
Julian BrandtBayer LeverkusenMittelfeld
Julian DraxlerParis St.-GermainMittelfeld
Leon GoretzkaFC Schalke 04Mittelfeld
Ilkay GündoganManchester CityMittelfeld
Sami KhediraJuventus TurinMittelfeld
Toni KroosReal MadridMittelfeld
Thomas MüllerBayern MünchenMittelfeld
Mesut ÖzilFC ArsenalMittelfeld
Marco ReusBorussia DortmundMittelfeld
Sebastian RudyBayern MünchenMittelfeld
Leroy SaneManchester CityMittelfeld
Nils PetersenSC FreiburgAngriff
Timo WernerRB LeipzigAngriff
Mario GomezVfB StuttgartAngriff
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