Fussball

Die zweite Halbzeit

Donnerstag, 09.11.2017 | 09:00 Uhr
Nach über einem Jahr Pause ist Mario Götze zurück im Kreise der Nationalmannschaft

Mario Götze steht nach über einem Jahr Pause vor dem Comeback in der deutschen Nationalmannschaft. Er ist nach seiner Stoffwechselerkrankung nun auf einem guten Stand angekommen, um im DFB-Team und beim BVB in die zweite Halbzeit seiner Karriere zu gehen.

"Götze sitzt ausgerechnet gegen Bayern nur auf der Bank, obwohl Bosz seit Wochen erklärt, er wäre zu 100 Prozent fit und auf einem tollen Weg. Wieso spielt er dann nicht?", echauffierte sich Deutschlands Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in seiner Kolumne bei skysport.de.

Die Frage, die Matthäus aufwirft, ist nicht unberechtigt. Mario Götze kam bei der 1:3-Heimniederlage des BVB gegen den FC Bayern am vergangenen Samstag in der 68. Minute ins Spiel. Unmittelbar zuvor war das 3:0 für den Rekordmeister gefallen, die Partie war gegessen.

Es überraschte ein wenig, dass Dortmunds Trainer Peter Bosz auf Götze in der Startelf verzichtete. Der Coach begründete das vor allem mit den Offensivleistungen von Shinji Kagawa. In den drei Bundesligaspielen zuvor stand Götze jeweils 90 Minuten auf dem Feld.

Halbzeit in Götzes Karriere

Götze spielt gerade seine neunte Bundesligasaison, am 21. November vor acht Jahren feierte er sein Debüt. Jetzt ist er 25. Ein paar Runden kann er also noch drehen, bevor das Karriereende ein Thema wird. Gefühlt ist Halbzeit.

Nach Götzes Erfahrungen seit 2009 steht fest: Er geht als ein anderer Mensch und Spieler in die zweite Hälfte seiner Laufbahn. Seit Ende Februar ist noch eine weitere Episode hinzugekommen. Eine, auf die er gerne verzichtet hätte, die ihn jetzt aber durchgängig begleiten wird.

Götze leidet an einer "Abweichung von normalen Stoffwechselvorgängen", wie es die Mediziner bescheinigten. Er musste sich einer Therapie unterziehen und wird wohl den Rest seiner Karriere weitere therapeutische Maßnahmen auf sich nehmen müssen, damit ihn die Sache nicht am Leistungssport hindert.

Startschuss in mehrfacher Hinsicht

Fünf Monate lang fehlte er. Eine solche Ausfallzeit kommt bei Profifußballern schon mal vor, doch Götzes Erkrankung ist keine handelsübliche Verletzung. Sie ist ein Handicap. Andere bringen jetzt schlichtweg bessere körperliche Voraussetzungen mit als er. Wenn man Götze seit der WM 2014 mit dem Siegtor im Finale gegen Argentinien assoziiert, sollte künftig auch die Stoffwechselproblematik in den Sinn kommen.

Die aktuelle Phase bedeutet für Götze somit auch eine Art Startschuss für Halbzeit zwei seiner fußballerischen Schaffenszeit. Dies gilt gleich in mehrfacher Hinsicht.

Beim BVB beginnt der wirkliche Neuanfang erst jetzt für ihn, die vergangene Spielzeit unter Thomas Tuchel war nicht nur aufgrund der Diagnose zum Vergessen. Götze kam fast als Geächteter zurück nach Dortmund, die Vorbehalte der nach dem Wechsel 2013 zum FC Bayern maßlos verärgerten Fans waren groß. Noch dazu galt Tuchel nicht als großer Befürworter der Rückholaktion.

Götze: "Habe meinen Rhythmus wieder aufgenommen"

Doch wie nun Bosz baute auch Tuchel seinen Schützling behutsam auf. Nach der Rückkehr in diesem Sommer dosierte Bosz die Belastung für Götze mit Augenmaß, seine physischen Fortschritte waren offensichtlich.

"Seit ein, zwei Monaten habe ich meinen Rhythmus wieder normal aufgenommen", sagt Götze im Gespräch mit SPOX. Auch die Beziehung zu Joachim Löw ist seit jeher intensiv, den Bundestrainer begeistern Götzes Talent und Potenzial schon immer. "Wir sind über meinen Zustand und wie ich mich generell fühle im Austausch gewesen", erklärt Götze.

Götze ist in diesem Herbst endlich an einem hoffnungsvollen Punkt angekommen. Blickt man auf seine letzten Jahre, kommt man nicht umhin, eine Stagnation in seiner Karriere zu konstatieren.

Die Einladung zur Nationalelf bedeutet nun einen weiteren Schritt in die richtige Richtung. Trotz Löws Faible für ihn wird sich Götze jedoch auch im DFB-Team wieder neu beweisen müssen.

Götze muss spielen, besser werden und darf sich nicht verletzen

Bis zur WM in Russland bleiben dem 25-Jährigen noch rund sechs Monate Zeit. Vor allem Zeit für Konstanz, denn Götzes jüngere Vergangenheit lässt nicht ohne Zweifel darauf schließen, dass er in dieser Periode frei von Rückschlägen bleibt.

Löw forcierte in den letzten Monaten durch mehreren Ansagen an seine Spieler einen knallharten Konkurrenzkampf, um das ambitionierte Ziel einer Titelverteidigung erreichen zu können. Dem muss sich auch Götze stellen, die zahlreichen Mitbewerber haben aktuell allesamt ein Stückchen die Nase vorn.

Götze muss beständig spielen, er muss besser werden und er darf sich nicht verletzen. Der Weg zurück zu alter, neuer Leistungsstärke ist ungewiss und weit. "Für mich ist es am besten, von Anfang an zu spielen, da man dadurch mehr Einfluss auf den Spielverlauf nehmen und entscheidende Akzente setzen kann", sagt er.

Götze: "Sehe mich als Stammspieler und Herausforderer"

Dazu ist im Nationaldress nie wirklich klar, welche Rolle für ihn überhaupt die geeignetste ist. Götze spielte schon falsche Neun, als Zehner oder Achter, auch über die Flügel ließ ihn Löw schon ran. Im Offensivbereich drückt Löw personell aber auch nicht wirklich der Schuh. Bei den sieben Partien der WM in Brasilien stand Götze in den letzten fünf nicht mehr in der Anfangsformation.

"Ich sehe mich im DFB-Team sowohl als Stammspieler, als auch als Herausforderer. Ich bin schon lange dabei, war aber auch eine lange Zeit nicht dabei", sagt Götze über seinen Status.

Der Bundestrainer sieht ihn zudem etwas offensiver als Bosz beim BVB. Im Klub hat sich sein Aufgabengebiet leicht verändert, an den finalen Aktionen ist er derzeit seltener beteiligt. Unter Bosz kommen bei Götze im linken Halbfeld vor allem seine strategischen Fähigkeiten im Zentrumsspiel zum Vorschein.

Offensives Spektakel ist nicht mehr

In der bisherigen Auf-und-Ab-Saison der Borussia gehört Götze zu den konstantesten Spielern. Am Ball macht er so gut wie keine technischen Fehler und er löst Drucksituationen gut. Bisweilen lässt er sich tief fallen, um beim Spielaufbau mitzuhelfen.

Offensives Spektakel, wie es zur Anfangszeit unter Jürgen Klopp der Fall war, ist nicht mehr. "Ich glaube, dass Mario in Zukunft wieder torgefährlicher werden kann und häufiger im Strafraum auftauchen wird", sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc im kicker.

Aus dieser Gemengelage in Dortmund und beim DFB-Team wird sich der "neue" Mario Götze herausbilden müssen. Die permanente Bewertung, wie ihm das gelingen mag, wird in die Endabrechnung seiner Karriere mit einfließen.

Götze": Die Erwartungen sind immer größer geworden"

Bisher geht die Geschichte so: Teil eins geriet mit dem Rückenwind des euphorischen Klopp-BVB zur Sensation, Teil zwei entpuppte sich unter Wunschtrainer Pep Guardiola als Missverständnis. Doch Götze wurde im Maracana als Fußballer unsterblich. Das schlägt in jeglicher Hinsicht schwer ins Kontor.

"Die Erwartungen an mich sind immer größer geworden in meiner Karriere. Es hat sich grundsätzlich ein bisschen dahin entwickelt, dass man immer mehr von jemandem verlangt", meint er. "Ich nehme das als Ansporn, um mich selbst weiter zu entwickeln und neu zu erfinden."

Götze wird weiterhin mit einer erhöhten Erwartungshaltung leben müssen, genauso wie er nun die Stoffwechselthematik zu handhaben hat. "Die Leistung entscheidet. Ich sehe mich auf einem sehr guten Weg und möchte meine bisherigen Erfolge bestätigen."

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