Joachim Löw beim DFB

Alternativlos durch die Nacht

Freitag, 11.11.2016 | 09:44 Uhr
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Vor wenigen Tagen einigten sich der DFB und Joachim Löw auf eine Verlängerung des laufenden Vertrages bis 2020. Eine große Wirkung hat das neue Arbeitspapier jedoch nicht. Für beide Seiten war die Entscheidung eigentlich alternativlos.

Wenn Bundestrainer Joachim Löw über die WM in Brasilien spricht, gerät er immer wieder ins Schwärmen. Diese eine magische Nacht im Estadio do Maracana hat sich in sein Gedächtnis gefräst. Das Gespräch mit Mario Götze. Der Moment des Schlusspfiffs. Die erste Berührung des WM-Pokals - alles Bilder, die Löw auf seiner internen Festplatte gespeichert hat. Eine Erinnerung stach aus diesem Euphorie-Gewitter dennoch heraus.

Am Strand saß die versammelte Mannschaft nach dem Titel zusammen und blickte aufs Meer. "Da war ein Fels mit drei eingeblendeten Sternen - dann kam der vierte dazu. Das war nachhaltig für mich", erklärte der 56-Jährige. Ein Augenblick, an dem sich der Bundestrainer in schlechten Zeiten emotional hochzieht.

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Auch im Nachlauf der EM in Frankreich wird die scheinbar banale Szene oft vor seinem geistigen Auge abgelaufen sein. Denn die Pleite gegen Frankreich hinterließ Spuren bei Löw. Wie nach jedem großen Turnier zog er sich gewohnt lange komplett aus der Öffentlichkeit zurück und kratzte nach den zehrenden Wochen seine Kräfte wieder zusammen.

Erst unmittelbar vor dem ersten Spiel nach dem Halbfinal-Aus, rund zwei Monate nach der EM, betrat Löw wieder die große Bühne. Einige EM-Spiele habe er bereits aufgearbeitet, die eingehende und umfangreiche Turnieranalyse folge jedoch erst noch. Alles wirkte gänzlich unausgegoren, die Pleite noch nicht verarbeitet. Ganz so, als hätte man einen mit Motivationsproblemen kämpfenden Bundestrainer zu früh aus dem Urlaub geholt.

"Mir macht's im Moment Spaß"

Exakt vier Spiele sind seitdem ins Land gegangen. In der WM-Quali legte der DFB einen perfekten Start hin und übersprang mit Norwegen und Tschechien die ersten wichtigen Hürden locker. Da der Bundestrainer sportlich eine sorgenfreie Zeit erlebte, trat er in Diskussion mit seinem tiefen Inneren. Den vierten Stern stets im Hinterkopf.

Das Ergebnis dieses Austauschs präsentierte der DFB vergangene Woche: Löw verlängerte seinen bis 2018 laufenden Vertrag mit dem Verband um zwei Jahre. "Wenn Kopf und Herz gemeinsam ja sagen, gibt es nicht viel zu überlegen", erklärte der 56-Jährige. Von zögerlichem Handeln und fehlender Motivation ist rein gar nichts mehr zu spüren. "Mir macht's im Moment Spaß. Ich fühle die gleiche Motivation wie zu Beginn meiner Amtszeit beim DFB", sagte der Bundestrainer und grinste.

Vertrag soll für Ruhe sorgen

Wirklich überraschend kam der Zeitpunkt der Verlängerung nicht. Da die WM-Quali nach dem starken Start zum Selbstläufer mutieren könnte, waren beide Seiten daran interessiert, schnell die Weichen für die Zukunft zu stellen und alles einer Titelverteidigung unterzuordnen.

Das Thema Vertrag musste vom Tisch. Sonst hätten alle Parteien im Vorfeld der WM 2018 immer und immer wieder erklären müssen, ob und wie es im Anschluss weitergehen würde. "Wenn man ohne Vertrag in ein Turnier geht, wird manchmal Unruhe von außen hereingetragen. Es waren eher langfristige Visionen, langfristige Ziele und die Begeisterung, da weiterzumachen", so Löw.

Eine immense Bedeutung hat der Kontrakt in der heutigen Fußballwelt allerdings nicht. Löw wird sich unabhängig von der Laufzeit seines Vertrages am Abschneiden bei der kommenden Weltmeisterschaft messen lassen müssen. Hinzu kommt, dass sowohl der DFB als auch der Bundestrainer nach Informationen der Sport Bild 2018 eine Ausstiegsklausel ziehen können. "Wir sind professionell genug, dass wir miteinander reden können, wenn es mal nicht so läuft", erklärte der 56-Jährige offen.

Entwickler oder Nutznießer?

Die Zahl 2020 steht vielmehr für einen symbolischen Vertrauensbeweis. Denn sowohl für den DFB als auch für Löw ist eine Zusammenarbeit derzeit eigentlich alternativlos. Der Verband auf der einen Seite bindet einen der erfolgreichsten Bundestrainer aller Zeiten, der gegen San Marino mit dem 95. DFB-Sieg an Legende Sepp Herberger vorbeiziehen wird. Auch im internationalen Vergleich stellt er Bestmarken auf. Er ist beispielsweise länger im Amt ist als jeder andere Trainer der UEFA-Nationen. Alleine England hatte in seiner Amtszeit sieben Nationaltrainer.

Ob Löw den deutschen Fußball bei der Entwicklung vom Rumpelfußball zum Weltmeister entscheidend geprägt hat oder ob er lediglich ein Nutznießer und solider Begleiter einer goldenen Generation war, ist die Frage nach der Henne und dem Ei. Doch dieses Rätsel muss der DFB letztlich auch nicht lösen. Denn derzeit stehen ein goldener WM-Titel und fünf Halbfinals in Folge auf der Habenseite. Von einem Mangel an Alternativen auf der Trainerbank ganz abgesehen.

Auch für den Bundestrainer gibt es derzeit kaum Gründe, den DFB zu verlassen. Der 56-Jährige ist ein Saisonarbeiter, der in der entscheidenden Phase Nächte durcharbeiten kann. Im Anschluss, wie bislang nach jedem großen Turnier, braucht er jedoch die Zeit, um seine Akkus wieder aufzuladen. Er agiert in seiner selbst kreierten Komfortzone, spürt die komplette Rückendeckung des Verbandes und kann seine Fähigkeiten optimal einsetzen.

10 Jahre, 8 Vereine

Obwohl sich zahlreiche internationale Topklubs nach ihm die Finger schlecken, scheint ein Wechsel zu einem Verein deshalb wenig sinnvoll. Löw ist der Zugführer eines perfekt geölten Systems, das sich mehr oder weniger von alleine trägt. Sollte er dieses verlassen, würde er den rauen Wind des üblichen Trainerirrsinns abbekommen. Entlassungen inklusive.

Diese Erfahrung hat auch Löw bereits machen müssen. Es wird gerne vergessen, dass der Bundestrainer vor seiner Zeit beim DFB bereits zehn Jahre als Vereinstrainer tätig war - genauso lange wie nun beim DFB. Die jetzige Kontinuität war damals noch ein Fremdwort. Von 1994 bis 2004 trainierte er acht unterschiedliche Vereine, mit überschaubarem Erfolg.

Löws große Aufgabe für die Zeit bis zur WM wird es sein, gegen die Erwartungshaltung in Deutschland anzukämpfen. Denn bis zum WM-Finale hätte jede einzelne Pleite einen gesellschaftlichen Seufzer zur Folge. Schnell würden die Stimmen der Kritiker wieder laut werden: Löws Sturheit bei einigen Entscheidungen und seine Angst vor Experimenten hemmten die Entwicklung.

Den Bundestrainer selbst juckt das weniger. Spätestens wenn er im Sommer 2018 mit versammelter Mannschaft auf dem Roten Platz in Moskau sitzt und der fünfte Stern erscheint, weiß er sowieso, dass er alles richtig gemacht hat.

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