Deutschland vor dem Spiel gegen Italien

Zu jung für den Fluch

Montag, 14.11.2016 | 19:46 Uhr
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Deutschland trifft am Dienstag zum Abschluss des Länderspieljahres auf Italien (20.45 Uhr im LIVETICKER). Das Ergebnis scheint zweitrangig, Bundestrainer Löw hat andere Ziele im Blick. Von einem Fluch spricht dabei längst niemand mehr. Den kennt das junge Team sowieso nur vom Hörensagen.

Es hatte ein bisschen was von einer Abi-Abschlussfahrt. Mit dem gesamten Betreuerstab schlenderte die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag durch die Innenstadt von Rom. Mit zwei Kleinbussen ging es zunächst ins Kolosseum, im Anschluss zur Spanischen Treppe und am Abend in ein schickes Restaurant. Sämtliche Touri-Attraktionen wurden der Reihe nach abgeklappert. Natürlich durfte bei einem solchen Klassenausflug der Rapport nach der ersten Übernachtung nicht fehlen. Auch das DFB-Team kam da nicht herum. Direkt um 9 Uhr wurde die Truppe am Montagmorgen einbestellt.

Und zwar nicht von Joachim Löw aufgrund nächtlicher Eskapaden oder einer individuellen Auslegung der Nachtruhe. Vielmehr hob der Papst höchstpersönlich den Zeigefinger und zitierte die Mannschaft zu sich. "Ich hoffe, er reißt mir den Kopf nicht ab", zeigte sich Mario Götze eingeschüchtert. Auch Benedikt Höwedes gab sich kleinlaut: "Ich bin mal gespannt, ob er noch sauer ist."

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Dabei lag das eigentliche Vergehen bereits zweieinhalb Jahre zurück. Der Papst hatte das Erlebnis jedoch noch abgespeichert. Schließlich hatte die DFB-Elf ihn selbst und auch sein Heimatland Argentinien im Sommer 2014 vorsätzlich in tiefe Trauer versetzt. Nach 1986 sollte eigentlich die Albiceleste wieder Weltmeister werden. Doch dann kam Deutschland und machte alles kaputt.

Papst: "Das macht sie erfolgreich"

Gut 45 Minuten weilte die deutsche Nationalmannschaft am Montag im Vatikan. Das Ergebnis war erfreulich. Götze behielt seinen Kopf, der Papst zeigte sich als guter Verlierer und lobte den Weltmeister. Zum WM-Finale gab's kein Wort. "Siege im Fußball sind immer Mannschaftssiege. Ihre Mannschaft definiert sich über diese Qualität. Es geht auch um Verantwortung und Respekt füreinander. Das macht Sie erfolgreich", erklärte der Pontifex.

Diese Worte passten perfekt ins Bild des Länderspieltrips. Nachdem der DFB bei San Marino an der Abendkasse die bereits reservierten drei Punkte abgeholt hatte, legte das Team vor dem Klassiker gegen Italien in Rom bewusst einen Stopp in der Hauptstadt ein. Sportlich sollte hier wenig passieren.

Ziel des Aufenthaltes war es stattdessen, den Zusammenhalt der Mannschaft zu stärken. "Es ist in dieser Phase gut, dass wir nicht direkt nach Mailand ins Hotel gehen, sondern den Abstecher nach Rom machen. Das ist gut für den Teamgeist", erklärte der Bundestrainer.

Sieg nicht das einzige Ziel

Teammanager Oliver Bierhoff schlug in die gleiche Kerbe: "Gemeinsame Aktivitäten in lockerer Atmosphäre bringen nicht nur Spaß und Freude, sie schweißen ungezwungen zusammen und fördern ein gutes, respektvolles Miteinander." Von einem unbedingten Siegeswillen im so prestigeträchtigen Duell gegen Italien ist wenig zu spüren. Lediglich "wünschenswert" sei der Sieg, so Löw.

Klar, den Triumph würde man sicherlich mitnehmen, der Fokus liegt darauf allerdings nicht. Bewusst verzichtete der Bundestrainer im Vorfeld der Partie deshalb auf wichtige Stammkräfte. Mesut Özil blieb ganz zu Hause, Sami Khedira reiste nach dem Pflichtsieg gegen San Marino ab. Jerome Boateng, Manuel Neuer und Toni Kroos sind aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls nicht an Bord.

Dem Bundestrainer fehlt vor dem Italien-Spiel somit eine komplette Achse. Wirklich schlimm ist das jedoch nicht. Es ist vielmehr eine gute Möglichkeit, unter seriösen Bedingungen den zweiten Anzug zu testen. Schließlich wurde dem Bundestrainer stets vorgeworfen, diesem kaum eine Chance zu geben.

Chance für den Nachwuchs

"In jedem Fall wird die Mannschaft verändert werden. In allererster Linie geht es mir darum, noch einmal den einen oder anderen Spieler zu sehen, in einem Spiel, in dem man richtig gefordert wird. Diese Erkenntnisse sind mir wichtig", erklärte der Bundestrainer vor dem Spiel.

Es ist das alte Spielchen: Auf sämtlichen Positionen können sich nun die Spieler zeigen, die zuletzt immer wieder im Schatten standen. "Wir haben junge Spieler und eine gute Mannschaft, also wird es im spielerischen Bereich keinen Bruch geben. Jetzt haben andere die Chance, sich in den Vordergrund zu spielen", so Löw weiter.

Ilkay Gündogan ist ein solches Beispiel. Bereits gegen San Marino deutete er seine wichtige Rolle im Spiel der Nationalmannschaft an. Immer wieder suchte ihn das Team, mit 174 Ballaktionen übertraf der Mittelfeldspieler beinahe den alten DFB-Rekord von Toni Kroos (180 Ballaktionen). In Abwesenheit von Khedira und Kroos ist er nun erstmals die zentrale Figur im DFB-Maschinenraum.

Welcher Fluch?

Doch Gündogan gehört mit seinen 26 Jahren eigentlich bereits zur älteren Generation. Die Liste der Nachwuchsspieler, die sich aufdrängen wollen, ist mit Namen wie beispielsweise Leon Goretzka, Yannick Gerhardt und Julian Weigl endlos lang. Vor allem das Alter der zweiten Garde ist beeindruckend. Alleine acht Spieler im derzeitigen DFB-Kader könnten noch für die U21 spielen.

Während alteingesessene Fußballexperten schon bei den Worten Squadra Azzurra kalte Hände bekommen, wächst somit eine Generation heran, die mit dem Italien-Fluch nichts mehr am Hut hat. Sogar die arrivierten Spieler um Mats Hummels und Thomas Müller machten bislang nur fünf Spiele gegen Italien. Nur 2016 ging Deutschland im direkten Duell zwei Mal als Sieger hervor.

Das Blatt scheint sich zu wenden. Neidisch blickt man aus Italien auf das Land des Weltmeisters mit seinen aufstrebenden Talenten. "Ein schwächerer Gegner als die wohl bestorganisierte Mannschaft dieses Planeten wäre besser gewesen, um einige neue Sachen auszuprobieren", moserte gar Neu-Nationaltrainer Giampiero Ventura. Nach einem Fluch hört sich das alles nicht mehr an. Dieser wird aus deutscher Sicht zwar von außen an die Mannschaft herangetragen, intern spielt er aber keine große Rolle mehr. Dazu ist die Mannschaft derzeit schlichtweg zu jung.

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