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Hansi lässt grüßen

Toni Kroos ist der Haupt-Standardschütze im DFB-Team
© getty

Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft haben auch bei der EM in Frankreich wieder einen Schwerpunkt auf Standardsituationen gelegt. Das hat sich bisher schon ausgezahlt, gegen Frankreich (Do., 21 Uhr im LIVETICKER) könnte es besonders wichtig werden. Eine Wette von 2014 trägt weiter ihre Früchte.

Die erste deutsche Pressekonferenz in Evian-les-Bains am Genfer See liegt nun schon vier Wochen zurück. Die damals gesprochenen Worte hat kaum mehr jemand im Kopf - warum auch? Das ist kalter Kaffee, würde Jogi Löw sagen.

Dabei war einiges von dem, was Löw nach der Ankunft im EM-Basecamp sagte, in den letzten Wochen und Spielen ständiger Begleiter der deutschen Nationalmannschaft.

Wer sich zurückerinnert, hat eine durchaus kritische Löw-Stimme im Ohr. "Bei defensiven Standards haben wir zuletzt einige Treffer hinnehmen müssen. Da haben wir ein paar Probleme. Das wird nochmal ein wichtiger Schwerpunkt in dieser Woche", kündigte er am 8. Juni an.

Hansi Flick: Ursprung des Umdenkens

Insgesamt hat sich beim DFB in der Herangehensweise an ruhende Bälle in den vergangenen Jahren einiges geändert. "Wir haben uns mehr Zeit genommen für Standardsituationen, weil wir taktisch und technisch weiter sind als früher", erklärte Löw in Evian. Doch das ist nicht der alleinige Grund.

Den Knackpunkt im Umdenken gab es 2014. Bei den vorherigen Turnieren war die deutsche Qualität nach Standards verschütt gegangen. Löw konnte dem ruhenden Ball nur wenig abgewinnen. Jahrelang nahm er eine abwehrende Haltung ein, wenn er auf Standardsituationen als Trainingsinhalt angesprochen wurde. Das Muster Ecke-Kopfball-Tor war für ihn etwas zu schlicht.

Auf Drängen der Spieler und vom damaligen Co-Trainer Hansi Flick wurde das Einstudieren von Ecken und Freistößen 2014 im Trainingslager in Südtirol aber forciert. Löw sprach davon, "Trainingszeit dafür geopfert" zu haben. Es klang lästig, nicht hundertprozentig überzeugt. Er ging sogar eine Wette mit Flick ein, dass Deutschland kein Tor nach einem Standard erzielen werde.

Doch die Ergebnisse ließen keine Zweifel: In Brasilien erzielte das DFB-Team fast die Hälfte der Tore nach Standards. Löw wurde überzeugt - und letztlich sogar ein Fan davon. Flick wird innerlich gelächelt haben: Er hatte Deutschland indirekt zu einer Stärke verholfen, die mit dazu beitrug, den WM-Titel zu holen. Außerdem gewann er die Wette gegen den Chef-Coach und damit ein nettes Abendessen.

Kroos und Variabilität sind wichtig

Löw urteilt seit der WM anders über ruhende Bälle: "Standards sind eine gute Waffe für eine Mannschaft. Damit werden Spiele entschieden", sagt er seither. In der Tat hat die Arbeit gefruchtet. Mittlerweile erzielt das DFB-Team im Schnitt jedes dritte Tor nach einem Standard, bei der EM in Frankreich waren es bislang sogar drei von sieben.

Primär ist dabei Toni Kroos zu nennen. Ohne seine genauen Zuspiele hätte das viele Einstudieren keinesfalls den bislang erzielten Effekt. Er ist dahingehend unverzichtbar: Kroos bringt seine Bälle mit erstaunlicher Konstanz gut in den Strafraum.

Im zweiten Schritt ist die Bewegung im Strafraum von großer Bedeutung - gepaart mit Variabilität. Deutschland hat eine Grundformation bei eigenen ruhenden Bällen: Die vorderste Linie mit vier Spielern orientiert sich an der letzten des Gegners. Dahinter bilden vier deutsche Spieler ein Trapez. Gelegentlich formiert sich dieses auch zu einem Rechteck. Manuel Neuer rückt oft bis zur Mittellinie vor, um in letzter Instanz ebenfalls einen Konter unterbinden zu können.

Je nach Gegner und dessen Ausrichtung sichern aber durchaus auch mal mehr Spieler den Rückraum ab. Das hat in der Umschaltbewegung einen Vorteil und kann für Abschlussmöglichkeiten bei den zweiten Bällen sorgen - wie beim 1:0 von Jerome Boateng gegen die Slowakei.

Auch defensiv gut gestaffelt

Auch bei gegnerischen Standardsituationen verbesserte sich das DFB-Team. Bei der WM 2014 entsprang keines der vier gegnerischen Tore einem ruhenden Ball, bei der EM kassierte die deutsche Mannschaft das einzige Gegentor bislang nach einem unglücklich verschuldeten Elfmeter. Ein Standard also, ja. Aber eben keiner, der durch Abläufe hätte verteidigt werden können.

Dabei kam die Erinnerung an die Wichtigkeit von Standards vor der EM gerade noch zum richtigen Zeitpunkt. Wenige Tage vor dem Abflug nach Frankreich hatte die deutsche Mannschaft gegen die Slowakei noch zwei Tore nach Ecken kassiert.

Löw schrieb sich das Thema auf die Agenda - und schon im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine waren Ergebnisse sichtbar: Deutschland verteidigt Ecken im Strafraum mit einer 5-3-2-Staffelung. Spielt der Gegner die Ecke kurz, ist es meistens der vordere Spieler am Strafraum, der sich nach außen bewegt. Spielt der Gegner einen Freistoß aus dem Halbfeld, stellt sich das DFB-Team mit bis zu acht Spielern auf die Strafraumlinie, die restlichen sichern kurz davor ab. Das klappt bisher hervorragend.

Dass diese Staffelung ohne den gelbgesperrten Mats Hummels auch am Donnerstag funktioniert, ist besonders wichtig. Denn: Frankreich hat bei dieser EM so viele Standard-Tore (5) erzielt wie kein anderes Team.

Hansi lässt grüßen

Bei der Nationalmannschaft gibt es im Training eine Art Wettbewerb zwischen verschiedenen Teams, wer sich die besten Varianten ausdenkt. Bei der WM ist Müller zum Beispiel mal bei einem Freistoß absichtlich über seine eigenen Füße gestolpert.

Es steht sinnbildlich dafür, wie sehr man sich mit ruhenden Bällen mittlerweile beschäftigt. "Es herrscht eine gewisse Spannung und Konzentration, die vielleicht nicht immer so vorhanden war, weil Standard-Training ja etwas Trockenes ist", beschrieb Löw zuletzt, dass man durchaus Kreativität und Spaß in die ständigen Wiederholungen bringen möchte.

"Wir machen das bei Turnieren 15-mal intensiver als bei Länderspielen, bei denen wir nur wenige Tage zusammen sind", sagte Hummels schmunzelnd. Mit seiner Übertreibung verdeutlichte er, dass Löw Standards längst einen viel größeren Stellenwert zuordnet. Hansi Flick lässt grüßen.

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