Joachim Löws DFB-Zyklus seit Warschau 2012

Bring es zu Ende

Freitag, 01.07.2016 | 11:02 Uhr
Joachim Löw scheiterte mit der deutschen Mannschaft 2012 im EM-Halbfinale an Italien
© getty
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Vier Jahre liegt Joachim Löws größte Niederlage als DFB-Trainer nun zurück. Sie zeichnete ihn. Mit dem WM-Titel 2014 machte er sie ein Stück weit vergessen, aber niemals ganz. Am Samstag (21 Uhr im LIVETICKER) bekommt der Bundestrainer die Möglichkeit zur endgültigen Rehabilitation.

Eigentlich konnte an diesem 28. Juni 2012 nichts schiefgehen in Warschau. Das DFB-Team war nach vier Siegen bestens gelaunt, die Stimmung im Land am Gipfel der Euphorie. Die Gedanken waren fast schon beim Finale gegen Titelverteidiger Spanien.

Löw hatte mit Reus, Klose und Schürrle beim vorherigen Sieg gegen Griechenland frische Belebung von der Bank in den Sturm gebracht. Das bewog ihn dazu, diesen Schachzug im Halbfinale gegen Italien zu wiederholen. Oder rückgängig zu machen, wie man es nimmt. Denn die drei Neuen nahm Löw wieder raus und setzte auf Gomez, Podolski und Kroos. Konstante Rotation sollte der Schlüssel zum Erfolg sein.

Sein Plan ging nicht auf. Der Bundestrainer verzockte sich. Gomez war nie ins Angriffsspiel eingebunden, Podolski kam nicht an seinen Gegenspielern vorbei. Die bemerkenswerteste Personalie aber war Kroos, der erstmals in der Startelf stand. "Mit ihm wollten wir die Zentrale stärken", begründete Löw seine Entscheidung. Das hatte zur Folge, dass Özil von seiner Position in der Mitte weichen musste. Damit entblößte Löw die rechte Seite.

Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen

Mario Balotelli schlug in der Folge eiskalt zu. Die Demütigung gab es durch die Zurschaustellung seiner Muskeln obendrein. Viel heftiger hätte die Ohrfeige für Deutschland an diesem Tag nicht ausfallen können.

Es war eine außergewöhnliche Niederlage für Löw, der mit einer gewagten Aufstellung eine Offensive auseinanderriss, die gerade zu sich gefunden zu haben schien. Das wollte er sich aber nicht anmerken lassen: "Die Spieler waren ehrgeizig, hochkonzentriert, haben immer gut mitgezogen", sagte er nach dem Spiel. Er versuchte das Spiel so darzustellen, als sei es ein ganz normales gewesen.

Wer aber genau hinsah, bemerkte an seinen Augen, dass er betroffener war als seine Worte es nahelegten. Es war der Tiefpunkt für Löw als deutscher Nationaltrainer. Ganz aufgearbeitet ist er immer noch nicht.

WM-Titel als Erlösung

Die Forderungen nach einem Rücktritt Löws waren 2012 sehr laut. Er hatte es schwer, mit der Anerkennung zu kämpfen. Doch Löw ließ sich nie von Anderen beirren. Er glaubte an das, was er tat und er ging seinen Weg weiter.

Es kam die WM in Brasilien. Wieder traf Löw Entscheidungen, die nicht jeder verstand, selbst Shkodran Mustafi war so eine. Insgesamt wagte er nicht mehr so viel wie zuvor in Polen und der Ukraine - was einmal funktionierte, wurde erst einmal so beibehalten. Er kam ins Finale, fulminant mit einem 7:1 gegen Gastgeber Brasilien.

Als er gegen Argentinien mit der Einwechslung Mario Götzes ein glückliches Händchen behielt, löste sich eine enorme Anspannung. Löw war Weltmeister-Trainer. Er holte den bedeutendsten Pokal im Fußball. Ein Triumph, der für immer mit seinem Namen in Verbindung stehen wird. Ein Triumph, der auch das bittere Jahr 2012 vergessen ließ.

Vergangenheit holt Löw ein

Doch jetzt holt die Vergangenheit das deutsche Team wieder ein. Wenn es am Samstag um den Halbfinal-Einzug geht, heißt der Gegner einmal mehr Italien. Man kommt nicht drum herum, an Balotelli und die Tränen von Warschau zu denken - auch, wenn die Spieler immer wieder betonen, dass die Partie von damals keine Rolle spielt.

Auf Löw trifft das so zumindest nicht zu. "2012 ist mein Plan nicht aufgegangen und dafür musste ich die Verantwortung übernehmen", erinnerte er sich in dieser Woche zurück. Er versuchte die Partie von damals zwar als "kalten Kaffee" abzustempeln. Vielmehr bevorzuge er einen guten, heißen Espresso, der ihm hoffentlich auch am Samstag schmecke. Der Witz konnte die besondere Bedeutung der anstehenden Partie aber nicht kaschieren.

Wie groß das Thema wieder werden könnte, zeigt der Gedanke an ein mögliches Scheitern gegen die Squadra Azzurra. Die Vergleiche zu 2012 würden den Rahmen sprengen, Löw müsste wohl nicht nur dieses eine Spiel erklären, sondern sein gesamtes Handeln der letzten Jahre rechtfertigen. Es ist ein verflixtes Spiel, denn einmal mehr hätte es was von "Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt."

Bring es zu Ende

Das Spiel gegen Italien ist für Löw die Möglichkeit, endgültig mit dem Negativ-Erlebnis von 2012 abzuschließen. Siegt Deutschland am Samstag und holt im Anschluss auch noch den Titel in Frankreich, ist es für Löw die vollständige Rehabilitation für das einschneidende Ereignis von Warschau.

Für Löw schließt sich also ein Kreis. Jetzt geht es nur noch darum, diesen Zyklus mit einem Weiterkommen gegen Italien positiv zu Ende zu bringen.

Alles zum DFB-Team

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