"Meine Spieler schreiben 20 Klausuren"

Mittwoch, 04.05.2016 | 16:39 Uhr
Meikel Schönweitz traininert die U17 der deutschen Nationalmannschaft
© getty
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Die U17 des DFB startet am Donnerstag in Aserbaidschan die Mission EM-Titel. Vor dem ersten Vorrundensspiel gegen die Ukraine (Do., 15 Uhr im LIVETICKER) spricht Trainer Meikel Schönweitz im Interview mit SPOX über die Unterschiede zur A-Nationalmannschaft, den Mehrwert eines Live-Spiels und Klausuren während der Europameisterschaft.

SPOX: Herr Schönweitz, auf der DFB-Homepage ist zu lesen, dass im Trainingslager vor der Europameisterschaft der letzte Feinschliff geholt werden sollte. Was macht unser U17-Diamant?

Meikel Schönweitz: Das wird sich erst beim Turnier zeigen. (lacht) Wir sind sehr angetan vom Kader und haben sehr viel Spaß mit der Truppe. Die Europameisterschaft ist für die Jungs allerdings eine komplett neue Herausforderung. Die Spieler sind noch extrem jung und haben sich vorher auf dieser Ebene noch nie gemessen.

SPOX: Auch Sie selbst sind erst 36. Ist es wichtig, dass junge Spieler einen jungen Trainer haben?

Schönweitz: Horst Hrubesch ist 65 Jahre und versteht es bestens, mit jungen Spielern umzugehen. Entscheidend ist, ob ich die Sprache der Spieler spreche und sie erreiche. Das funktioniert im Moment sehr gut und ich werde alles daran setzen, dass das in 20 oder 30 Jahren auch noch der Fall ist. Aber dafür habe ich ja noch etwas Zeit.

SPOX: Bundestrainer Joachim Löw kann sich seine Schützlinge vom Sofa aus anschauen. Wie aufwändig ist das Scouting bei Ihnen?

Schönweitz: Es ist eine Kombination aus vielen verschiedenen Faktoren. Zum einen stehe ich im ständigen Kontakt mit den Vereinstrainern. Dieser Austausch funktioniert sehr, sehr gut und ist extrem wichtig für meine Arbeit. Dazu kommen natürlich auch Sichtungsarbeiten und zahlreiche Autofahrten quer durch Deutschland. Denn ich versuche schon, so viele Spiele wie möglichst live zu sehen.

SPOX: Hat es denn einen so großen Mehrwert, dass man die Spiele live im Stadion sieht? Am TV hat man doch ganz andere Möglichkeiten.

Schönweitz: Absolut, da lohnt sich jeder einzelne Kilometer. Man bekommt vor Ort einfach ein ganz anderes Gespür für das gesamte Auftreten, die Körpersprache und die Mentalität eines jeden Spielers. Taktisches Verhalten und einzelne Details kann man auf einem Video im Anschluss dann immer noch mal anschauen. Neben den Spielen zeichnen wir ja auch jedes Training auf. Jede Einheit wird im Nachhinein noch mal analysiert. Da sieht man dann wiederum Dinge, die eben live nicht zu sehen sind.

SPOX: Inwieweit weicht die Vorbereitung der U17 von der Vorbereitung der A-Mannschaft ab?

Schönweitz: Der große Unterschied ist mit Sicherheit der zeitliche Faktor. Jogi hat seine Mannschaft drei Wochen vor dem Turnier zusammen und kann sie intensiv vorbereiten. Wir hingegen haben die Jungs lediglich vier Tage im Trainingslager bei uns. Meine Spieler sind ganz einfach keine Vollprofis, sondern Schüler. Nur ein Beispiel: In den zwei Wochen der Europameisterschaft werden alle Spieler zusammen insgesamt 20 Klausuren schreiben. Wir haben zwei Lehrer dabei, die die Spieler zwischen den Partien unterrichten.

SPOX: Haben alle die gleichen Klausuren?

Schönweitz: Nein, jeder Spieler bekommt ein individuelles Programm. Wir haben einen Schulkoordinator, der in engem Kontakt mit den unterschiedlichen Schulen steht und mir frühzeitig sagt, wer wann eine Klausur schreiben muss. Es ist uns wichtig, dass die Spieler möglichst wenig von der Schule verpassen.

SPOX: Die Spieler sind teilweise in keinem einfachen Alter. Zu wie viel Prozent sind Sie Pädagoge, Psychologe und Fußballtrainer?

Schönweitz: Bei so einem Turnier überwiegt sicherlich der psychologische Faktor. Deshalb würde ich sagen: Fußball-Trainer und Pädagoge zu je 30 Prozent, Psychologe zu 40 Prozent. Im Vorfeld eines Turniers hingegen steht das Fußballerische im Mittelpunkt. Dort wird die Basis geschaffen und es geht darum, die Qualität zu steigern.

SPOX: Heißt Psychologie auch, dass man die Spieler hin und wieder erden muss?

Schönweitz: Die Jungs machen sich vor so einer EM schon viele Gedanken, das ist klar. Aber ich muss die Spieler nicht von einem Trip runterholen. Es ist viel wichtiger, alle in die richtigen Bahnen zu lenken. Das bedeutet, dass Anspannung eher in Lust, Vorfreude und Hoffnung auf Erfolg umgewandelt wird.

SPOX: Das hört sich nach einem tiefen Griff in die Psychokiste an. Wie funktioniert so etwas?

Schönweitz: Wir versuchen es vorzuleben, indem wir überzeugt und dennoch locker auftreten. Das gesamte Team hat sich gut vorbereitet und hat alles gemacht, was nötig war. Diesen Gedanken wollen wir der Mannschaft einimpfen und ihr somit Sicherheit geben.

Seite 1: Schönweitz über aufwändiges Scouting, die Jugendsprache und Klausuren

Seite 2: Schönweitz über die neue Variabilität des DFB, die EM-Gegner und Ziele

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