Der Fall der Zwei

Freitag, 25.03.2016 | 14:56 Uhr
Wohin führt die Reise von Bastian Schweinsteiger und Mario Götze?
© getty
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Bastian Schweinsteiger und Mario Götze waren die Gesichter des deutschen WM-Triumphs 2014 in Rio de Janeiro. Rund zwei Jahre später haben beide mit vielen Problemen zu kämpfen, vor den Tests gegen England (Sa., 20.45 Uhr im LIVETICKER) und Italien wird ihre Zukunft öffentlich heiß diskutiert. Der Bundestrainer spricht beiden sein Vertrauen aus - und kann sich seine generöse Haltung auch locker leisten.

Auch diese Woche haben Bastian Schweinsteiger und Mario Götze einmal mehr die Schlagzeilen bestimmt. Um außergewöhnliche sportliche Leistungen ging es dabei nicht. Schweinsteiger verließ das Quartier der Nationalmannschaft in Berlin, um sich seine Knieverletzung in München genauer anschauen zu lassen und Mario Götze wurde mit einem Wechsel zurück zu Borussia Dortmund in Verbindung gebracht.

Fünferkette: "Götze ist wie ein Schalker"

Es war ein beispielhafter Tag für den aktuellen Stand der Karrieren zweier Spieler, deren Namen seit rund zwei Jahren in aller Munde mit dem schicken Zusatz "WM-Held" geläufig sind. Götze hat im Finale gegen Argentinien das Siegtor geschossen und Schweinsteiger jeden Zweikampf auf den Platz selbst geführt, so zumindest der Eindruck. Und er hatte diesen Cut unterm Auge, er verkörperte den Willen und die Zähigkeit dieser Mannschaft.

Es scheint eine Ewigkeit vergangen, seit diesem Abend im Maracana, als Kramer ausgeknockt wurde, als Higuain und Messi vor Neuer verzagten, als Deutschland zum vierten Mal Weltmeister wurde.

Doch jetzt? Zweifel überall. Muss Löw Lahm zurückholen? Was soll eine Abwehr ohne Boateng? Wo ist der Sturm? Und wo soll das mit Schweinsteiger und Götze noch hinführen? Deutschland war noch nie das Land bedingungsloser Optimisten und so passt das Schicksal beider WM-Helden gerade sehr gut ins Bild.

Schweinsteigers Probleme in England

Schweinsteiger hat im Sommer seinen Verein, den FC Bayern, verlassen. Manche sagen müssen, andere sagen wollen. Es war auf jeden Fall zu erkennen, dass die emotionale Komponente diesen Transfer verkomplizierte, denn sportlich war klar: Trainer Pep Guardiola hat auf Schweinsteigers Position andere Vorstellungen und dafür besser geeignetes Personal.

In München hat man dann also einen Wechsel zu Manchester United und Louis van Gaal moderiert. Einen Schweinsteiger als Teilzeitkraft zwischen Bank und Spielfeld pendelnd hätte man nur schwer vermitteln können, Probleme wären programmiert gewesen. Eine Auslandserfahrung bei seinem Mentor van Gaal schien Schweinsteiger da gerade recht.

In England haben sie aber mehr vom WM-Helden Schweinsteiger erwartet und dabei übersehen, dass Schweinsteiger noch nie der spektakuläre Superstar war, der Stadien mit schnellen Dribblings oder Kabinettstücken mitgerissen hat. Schweinsteiger ist ein kluger Regisseur, ein gut guter Passspieler, mit dem Gespür für Rhythmus und Balance.

Beim sich noch immer im Umbruch befindenden Manchester United sind diese Qualitäten erst mal untergegangen, zu viel fliegt das Spiel noch an Schweinsteiger vorbei durchs Mittelfeld. Und dann kam auch noch diese Verletzung, Innenbandanriss im rechten Knie. Erst kürzlich gab er sein Comeback und musste sich Spötteleien über seinen Fitnesszustand gefallen lassen.

Das Länderspiel gegen England wäre eine gute Möglichkeit gewesen, um den Kritikern von der Insel und denen in Deutschland, die bereits über ein Turnier ohne ihn philosophieren, zu zeigen, wie Schweinsteiger in einer homogenen Mannschaft noch immer funktionieren kann. Aber ein erneuter Innenbandanriss hat diesen Plan durchkreuzt.

Wahrheit liegt nicht in den Extremen

Götze wird dagegen seine Einsatzzeit bekommen, gegen England als Einwechselspieler und gegen Italien von Anfang an. "Ich muss ihm diese Spielpraxis geben, nur so kann er seine Defizite im körperlichen Bereich aufholen", sagte Bundestrainer Joachim Löw am Freitag in Berlin. Spielpraxis, die ihm von Guardiola verwehrt wird, so sehen das zumindest dessen Kritiker. Aber auch hier liegt die Wahrheit nicht in den Extremen, sondern wie so oft irgendwo dazwischen.

Götze kam gut in die Saison, er spielte viel und auch beim wichtigsten Spiel bis zu diesem Zeitpunkt, dem 5:1 gegen Borussia Dortmund, über 90 Minuten. Wie bei Schweinsteiger erschwerte eine Verletzung den Fortschritt, eine Muskelverletzung im Adduktorenbereich bedeutete das Hinrundenaus.

Götze verpasste sogar die Vorbereitung auf die Rückrunde und saß dann erstmal sechs Spiele ohne Einsatz auf der Bank. Spiele gegen Darmstadt, Wolfsburg, Mainz, Dortmund und zweimal Juventus, die nicht dazu gemacht waren, einem Rekonvaleszenten Spielpraxis zu vermitteln. Dazwischen durfte er beim 5:0 über Werder fast eine Stunde ran.

Selbst für die Nicht-Nominierung in Köln gab es verständliche Gründe. Weder die ihm vorgezogenen Xabi Alonso, Thiago, Sebastian Rode und Kingsley Coman hatten die gesamten 120 Minuten gegen Juventus in den Knochen und sich ihre Einsätze ebenso verdient. Aber wenn ein WM-Held nicht spielt, ist der Aufruhr erstmal groß.

Löw verteidigt Guardiola

Löw hatte die Gemengelage rund um Götze schon am Mittwoch in seinem badischen Duktus doch auch irgendwie klar auf den Punkt gebracht: "Bayern München hat ja auch einen Trainer mit irgendwie einer klaren Vorstellungen, wie er Fußball spielen möchte." Außerdem habe der FC Bayern "auf den Positionen, wo der Mario spielt, einen extrem starken Konkurrenzkampf".

Der herrscht zwar auch in der Nationalmannschaft, aber in einem anderen Umfeld, mit einem weniger knallharten (Liga-)Wettbewerb und einem Spielstil, der nicht so sehr auf Spieler im Eins-gegen-eins ausgelegt ist wie beim FC Bayern, ganz einfach, weil es diese Spieler wie Robben, Ribery, Costa und Coman in Deutschland nicht gibt.

Löw hat schlicht mehr Möglichkeiten als Guardiola, um Götze einzusetzen, weil er in Testspielen und auch manchen Qualifikationsspielen nicht unter diesem Druck steht wie der Katalane mit seiner Vereinsmannschaft. "Nachvollziehbar" nannte Löw deshalb Guardiolas Personalentscheidungen.

Längeres Gespräch mit Götze

Ebenso verständlich ist das fürsorgliche Verhalten, das der Bundestrainer im Umgang mit Götze an den Tag legt. Denn neben der Situationsanalyse sparte Löw nicht mit Lob für den noch immer erst 23-Jährigen. Götzes Können und Einstellung seien enorm. "Mario hat technisch überragend gute Möglichkeiten, er kann sehr gut in kleinen Räumen spielen und ist ein raffinierter Spieler, der Spiele entscheiden kann", sagte Löw. "Es lohnt sich, Mario immer zu unterstützen, er kann Dinge, die können andere nicht."

Am Donnerstag führte der Bundestrainer ein längeres Gespräch mit Götze, bei dem es um seine Situation in München ging. Ein möglicher Wechsel sei dabei ein "zentrales Thema" gewesen. "Das Wichtigste ist das Gespräch mit Ancelotti und wir er in dessen Planungen eingebunden ist", sagte Löw.

Kein Fall der WM-Helden

Was bei all der Aufgeregtheit um Götzes Bankplatz und Schweinsteigers neuerliche Verletzung beinahe unter den Tisch fällt, ist die Realität während der WM in Brasilien. Schweinsteiger startete auch in dieses Turnier nach einer Verletzung und absolvierte kein Vorrundenspiel über die volle Distanz, biss sich danach durch und stellte seine Befindlichkeiten immer zum Wohle der Mannschaft zurück.

Auch Götze hat in Südamerika seine Situation klaglos akzeptiert und wurde mit dem Siegtor im Finale belohnt. Aber Stammkraft war er nicht. Götze spielte aber nur zum Vorrundenauftakt gegen Portugal über 90 Minuten. Im Viertelfinale gegen Frankreich wurde er in der 83. Minute eingewechselt, im Halbfinale gegen Brasilien kam er gar nicht zum Einsatz.

Löw hat klar festgestellt, dass die beiden Fälle Schweinsteiger und Götze keinen tiefen Fall der WM-Helden darstellen, sondern offensichtlichen Umständen geschuldet sind. Beunruhigen muss ihn das nicht, er weiß, dass er sich auf beide Spieler während eines Turniers verlassen kann, diese Erkenntnis hilft ihm ganz besonders im EM-Jahr 2016.

Der Kader der deutschen Nationalmannschaft

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