"Auf oberster Ebene entschieden"

Mittwoch, 20.05.2015 | 11:00 Uhr
Frank Wormuth ist seit 2010 Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft
© getty
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Am 1. Juni startet die deutsche U20-Nationalmannschaft in die U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland. Dabei muss das Team aber auf Torjäger Davie Selke verzichten. Trainer Frank Wormuth erklärt die Hintergründe der Absage. Außerdem spricht er über die Probleme der Vorbereitung und seine Erwartungen an das Turnier.

SPOX: Herr Wormuth, die U20-WM in Neuseeland steht vor der Tür, Ihre Mannschaft trifft zum Auftakt am 1. Juni auf die Fidschi-Inseln. Wie war das Arbeiten mit der U20 im Laufe der Saison?

Frank Wormuth: Das gesamte Spieljahr stand irgendwie unter keinem guten Stern. Wir haben nach vier Turniersiegen hintereinander diese Saison zum ersten Mal die internationale Spielrunde nicht gewonnen. Wir spielen immer mit Polen, der Schweiz und Italien in Vor- und Rückspielen den Turniersieger aus. Das wurmt natürlich, weil wir in jedem Spiel als Sieger vom Platz hätten gehen können. Selbst beim 4-Nationen-Turnier sind wir diesmal "nur" Zweiter geworden. England wurde erster, die Niederlande und die Türkei kamen hinter uns ins Ziel.

SPOX: Hat sich die Mannschaft trotz geringerer Erfolgsquote wenigstens einspielen können?

Wormuth: Als gesamte Mannschaft nicht, aber in Teilen auf jeden Fall. Um dies zu erläutern, lassen Sie mich kurz ausholen. Die U20 darf zwei Jahrgänge in den genannten Turnieren auflaufen lassen: Aktuell sind es die 94er und die 95er. Wir haben am Anfang der Saison noch ein paar Spieler aus dem 94er-Jahrgang mitgenommen, um den Spielern aus dem 95er-Jahrgang unsere Spielidee besser näher zu bringen. Im Laufe des Jahres haben wir immer mehr auf den jüngeren Jahrgang gesetzt, weil nur diese Spieler bei der WM eingesetzt werden dürfen. Aus unterschiedlichen Gründen hatten wir zwar den Neuseeland-Kader nie komplett dabei, aber in Teilen schon. Das bedeutet, dass für keinen Neuseeland-Spieler unser Spiel neu ist. Sie haben es nur noch nicht gemeinsam gespielt.

SPOX: Dafür gibt es nun die Vorbereitung auf das Turnier. Wie sieht diese aus?

Wormuth: Wir starten nach dem letzten Spieltag der Ligen die direkte Vorbereitung, die aber etwas kürzer als bei der Konkurrenz ausfällt. Ob es die Österreicher, die Ungarn, die Nigerianer oder die Brasilianer sind, alle haben bereits mit der Vorbereitung auf das Turnier begonnen, sind im Trainingslager. Die Fidschi Inseln, unser erster Gegner, bereiten sich schon seit zwei Jahren auf dieses Großereignis vor. Wir haben diese längere Vorbereitungsmöglichkeit nicht.

SPOX: Wieso nicht?

Wormuth: Zwei Dinge sprechen dagegen. Zum einen endet unsere Saison erst eine Woche vor Turnierbeginn, das heißt, dass wir erst fünf Tage vor Spieltag eins in Neuseeland ankommen werden. Ich hoffe, dass unsere Spieler die zehnstündige Zeitumstellung in dieser kurzen Zeit gut verkraften. Zum anderen wissen wir heute noch nicht, ob alle Spieler sofort mitfliegen werden, weil einige in Relegationsspiele kommen könnten. Wir müssen Stand heute auf jeden Fall auf Jeremy Dudziak vom BVB warten, weil er noch beim Pokalendspiel in Berlin dabei sein muss.

SPOX: Es kann aber noch weitere Nachzügler geben.

Wormuth: Ja, in der Tat. Ich zähle mal auf: Marc Kempf vom SC Freiburg, Julian Weigl und Maximilian Wittek von 1860 München sind auf jeden Fall Kandidaten. Matti Steinmann vom HSV II könnte im für uns ungünstigsten Fall auch noch in die Relegation kommen, aber eher unwahrscheinlich. Wenn das Schicksal es mit uns nicht gut meint, dann würden wir ohne vier Spieler fliegen. Aber glauben Sie mir: die, die fliegen, sind richtig gute Fußballer. Sie müssen nur alle gesund bleiben.

SPOX: Hätte man den Kader nicht anders zusammenbauen können, so dass dieses negative Szenario nicht entsteht?

Wormuth: Wir mussten schon am letzten Freitag den finalen Kader der FIFA melden und natürlich wollen wir mit der bestmöglichen Mannschaft in Neuseeland antreten. Aber man muss sich jeden Fall genau anschauen. Spieler wie Moritz Sprenger und Sebastian Stolze von Wolfsburg II sowie Niko Brandenburger von Gladbach II wurden unter anderem auch aufgrund potentieller Relegationsspiele nicht nominiert. Auf Fabian Holthaus von Bochum haben wir bis zur letzten Sekunde gewartet, aber seine Verletzung ist nicht optimal auskuriert. Er hat zudem seit November letzten Jahres kein Wettkampfspiel mehr bestritten. Joshua Kimmich von RB Leipzig war von vornherein bei der U21 und bezüglich unseres Torjägers Davie Selke sind Gespräche zwischen RB Leibzig und dem DFB geführt worden mit dem Resultat, dass er nicht dabei ist.

SPOX: Warum hat Leipzig ihn nicht freigestellt? Oder anders gefragt: Warum hat überhaupt Leipzig das Sagen? Er ist doch noch noch Spieler von Werder Bremen.

Wormuth: Wie die genauen Vereinbarungen zwischen den Vereinen sind, kann und will ich auch nicht beurteilen. Es geht hier auch nicht darum, ob ein Verein einen Spieler freistellt oder nicht, sondern um die Frage, was nach Abwägung aller Punkte für den Spieler am besten ist. Eine Abstellungspflicht gibt es übrigens nicht.

SPOX: Hat Davie Selke abgesagt oder wer hat Ihnen diese Entscheidung mitgeteilt?

Wormuth: Es gab zwischen den beiden Sportdirektoren Hansi Flick und Ralf Rangnick einen offenen Dialog. Ich selbst hatte auch zwei Gespräche mit Ralf Rangnick. Am Ende wurde dann auf oberster Ebene entschieden.

SPOX: Dürfen Sie die Gründe verraten?

Wormuth: Es spielen immer viele Aspekte eine Rolle, aber am Ende geht es wie bereits erwähnt immer um den Spieler und seine persönliche Situation, was aber nichts an unserer klaren Grundhaltung ändert, dass wir immer unsere besten Spieler wollen.

SPOX: Wenige Erfolgserlebnisse, keine optimale Vorbereitung, den Torjäger nicht dabei, den gesamten Kader aller Voraussicht nach erst zum Achtelfinale in Neuseeland und die Konkurrenz arbeitet schon auf das Turnier hin. Mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Neuseeland?

Wormuth: Also, zum einen haben wir einen sehr guten Kader. Die Jungs können alle Fußball spielen, sind geistig aufnahmefähig und haben genug Erfahrung, um mit solchen Unwägbarkeiten klar zukommen. Und zum anderen kann so etwas auch zusammenschweißen. Ich bin guten Mutes, weil wir ja trotz allem in dieser Saison schon miteinander gearbeitet haben und auch gutes Anschauungsmaterial vorliegt, um uns zu optimieren. Ich erinnere mich noch gut ans Spiel in Italien, in welchem diese junge Truppe klasse gespielt hat, aber in der entscheidenden Phase beim 1:2 nicht die Ruhe bewahrt hat und dadurch 1:3 hätte zurückliegen müssen. Daraus kann die Mannschaft lernen, weil so eine Situation im Turnier, insbesondere in der K.o.-Runde, spielentscheidend sein wird.

SPOX: Also gehen Sie trotz aller bisherigen Unwägbarkeiten optimistisch ins Turnier?

Wormuth: Ich bin zuversichtlich, dass wir eine gute Rolle spielen werden. Es sind ja keine Anfänger, die dort unten auf dem Platz spielen werden. Wir haben fünf Spieler aus der Bundesliga, vier aus der 2. Liga, fünf aus der 3. Liga und sieben aus der Regionalliga. Das ist eine sehr gute Mischung. Ich freue mich auf diese Mannschaft.

Der DFB-Kader bei der U20-WM in Neuseeland

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