DFB-Co-Trainer Thomas Schneider im Interview

"Wir wollen uns ja nicht isolieren"

Freitag, 23.01.2015 | 10:29 Uhr
Thomas Schneider im Zwiegespräch mit Bundestrainer Joachim Löw
© imago
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Thomas Schneider ist der Nachfolger von Hansi Flick auf dem Co-Trainer-Posten der deutschen Nationalmannschaft. SPOX traf ihn während des Trainingslagers von Borussia Dortmund im spanischen La Manga. Schneider im Interview über seinen Start beim DFB, den Mangel an Außenverteidigern und die Ziele mit der Akademie, die 2018 in Frankfurt bezogen werden soll.

SPOX: Herr Schneider, Sie sind jetzt seit bald vier Monaten Co-Trainer der deutschen A-Nationalmannschaft. Wie haben Sie sich in der neuen Rolle eingelebt?

Thomas Schneider: Die Übergabephase ist beendet und die Abläufe haben sich schnell eingespielt. Auch weil ich von allen Seiten unglaublich offen aufgenommen und unterstützt wurde.

SPOX: Wie empfanden Sie die unmittelbare Anfangsphase?

Schneider: Natürlich stand zu Beginn zunächst das Kennenlernen der Abläufe und aller relevanten Personen im Mittelpunkt - von den Spielern über die zuständigen Ansprechpartner im DFB bis hin zum Team hinter dem Team. Dazu kamen die Dinge, die sich auf dem Fußballplatz abspielen. Ich fühlte mich aber schon beim ersten Spiel gegen Polen bei all diesen Themen bestens integriert. Jetzt sind schon gewisse Automatismen da und wir arbeiten gut zusammen.

SPOX: Hätte Sie gedacht, dass das so schnell geht?

Schneider: Ich bin schon mit Respekt an die Sache herangegangen und habe mir einen guten Start erhofft. Es macht mir sehr viel Freude.

SPOX: Haben Sie in Ihrer Funktion so etwas wie einen geregelten Wochenablauf?

Schneider: Die ersten Monate waren gesplittet. In DFB-Maßnahmen, also Lehrgänge, Workshops, Meetings und natürlich die Länderspiele. Darüber hinaus habe ich zahlreiche Spiele vor Ort gesehen - in der Champions League, der Bundesliga, auch im U-Bereich. Ich beobachte in erster Linie unsere aktuellen und potenziellen Nationalspieler sowie deren Form und Entwicklung.

SPOX:Wie sieht der Austausch mit Ihrem Vorgänger Hansi Flick aus, der jetzt den Posten des Sportdirektors bekleidet?

Schneider: Wir sind regelmäßig in Kontakt, haben einen sehr guten Austausch. Ein Ziel besteht ja darin, die Schnittstelle zwischen den Juniorennationalteams und der A-Nationalelf zu gestalten. Dabei geht es uns um die große gemeinsame Linie. Wenn es die Zeit zulässt, bin ich auch bei Trainertagungen oder in den Trainingslagern der U-Nationalmannschaften dabei.

SPOX: Sie befinden Sie derzeit im spanischen La Manga, wo die U 16 und U 17 des DFB ihre Wintertrainingslager abhalten. Was tun Sie dort genau?

Schneider: Neben mir sind in Marcus Sorg, Guido Streichsbier und Andre Schubert auch die verantwortlichen Trainer der U 19, U 18 und U 15 dabei. Es macht Sinn, hier zu sein, denn wir wollen uns mit der A-Mannschaft ja nicht isolieren, sondern haben immer den Blick für den Gesamtkomplex, wollen und brauchen den Austausch innerhalb des Elitebereichs im DFB. Eine solche Phase des intensiven Austauschs über mehrere Tage hinweg ist wertvoll und wichtig.

SPOX: Für Sie ist es ja auch eine Art Reise in die Vergangenheit, da Sie in Dingolfing und Stuttgart jahrelang selbst diese Altersklassen trainiert haben.

Schneider: Absolut, das ist in meiner jetzigen Rolle wirklich sehr reizvoll. Zumal ich auch die einzelnen Akteure und Verantwortlichen aus dieser Zeit kenne: Mit Christian Wück, dem aktuellen U-17-Nationaltrainer, hatte ich in Stuttgart sehr viel zu tun, U-16-Coach Meikel Schönweitz war zu seiner Mainzer Zeit mein Kollege in der Südstaffel. Mit Guido Streichsbier habe ich die Fußballlehrer-Ausbildung absolviert, Marcus Sorg war schon vor 25 Jahren mein Mitspieler bei den Amateuren des VfB. Das sind natürlich beste Voraussetzungen für ein vertrauensvolles Miteinander und gemeinsame Ziele.

SPOX: Der Mangel an Außenverteidigern und Stürmern für die A-Nationalelf konnte bislang noch nicht aufgefangen werden. Wie sieht es auf diesen Positionen im Reservoir der U-Mannschaften aus?

Schneider: Ich finde, man sollte dieses Thema nicht überstrapazieren und auch nicht übermäßig problematisieren. Dass es immer wieder mal Phasen des Umbruchs und der Weiterentwicklung geben muss, ist doch ganz normal, das gehört zum Prozess. Wir sind zuversichtlich und haben großes Vertrauen in die Nachwuchsarbeit der Vereine, die vor Ort Großartiges leisten. Es kommen - unterstützt durch die Arbeit in den einzelnen Nachwuchsleistungszentren - zahlreiche gute Kandidaten nach, auf allen Positionen.

SPOX: Ist es ein Problem, dass in den Altersklassen der Junioren viele Spieler eher in der Offensive spielen möchten und es daher schwerer ist, einen großen Pool an Außenverteidigern zu bilden?

Schneider: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt viele Profis und Jugendspieler, die zu Beginn ihrer Laufbahn auf einer andere Position gespielt haben. Auch ich war in meiner Karriere erst Offensivspieler und bin dann nach und nach weiter nach hinten gerückt. Jede Position hat ihren Reiz. Die Mannschaften agieren sehr kompakt, da kommt gerade auch den Außenverteidigern eine sehr wichtige Rolle zu. Philipp Lahm zeigt seit Jahren auf höchstem Niveau, welche Bedeutung ein Außenverteidiger im modernen Fußball einnehmen kann.

SPOX: Andererseits muss man schon in der Ausbildung darauf reagieren, dass sich das Spiel immer weiterentwickelt. Die Spieler sollen flexibler werden und mehrere Positionen spielen können. Wie geht man damit im U-Bereich um?

Schneider: Die Spieler müssen bereits in jungen Jahren auf die Komplexität des Spiels vorbereitet werden und lernen, flexibel zu agieren. Dazu gehört der Einsatz auf unterschiedlichen Positionen. Es geht um Flexibilität und Variabilität.

SPOX: Der Plan beim DFB sieht vor, dass die U-Trainer in Zukunft öfter beim A-Team hospitieren und die Scouting-Abteilungen ineinander verschmelzen. Was heißt das konkret?

Schneider: Wir sind permanent dabei, die einzelnen Bereiche enger miteinander zu verzahnen, um Synergien zu schaffen und noch effizienter zu werden. Ein Beispiel: Der Austausch zwischen Christopher Clemens, der beim A-Team für die Spielanalyse zuständig ist, und den Analysten aus dem U-Bereich soll intensiviert werden.

SPOX: 2018 sollen diese Entwicklungen ein neues Level erreichen, wenn in Frankfurt die DFB-Akademie bezogen wird. Was versprechen Sie sich davon?

Schneider: Der Anspruch des DFB ist es, die Akademie als Referenzzentrum zu etablieren. Helmut Sandrock, Hansi Flick und Oliver Bierhoff treiben dieses überaus reizvolle Projekt intensiv voran. Dort soll das Wissen, das wir in den unterschiedlichen Abteilungen zur Verfügung haben, zentral gebündelt werden, um nachhaltig für höhere Qualität und Fortschritt zu sorgen.

SPOX: Das Thema Verband und Vereine wurde bereits bei der U-21-EM 2013 diskutiert, da dort dem deutschen Team einige Spieler fehlten, die allerdings spielberechtigt gewesen wären. Nun steht im Sommer die nächste Europameisterschaft dieser Altersklasse an. Wie wird man dann von Verbandsseite aus vorgehen?

Schneider: Ich bin zuversichtlich, dass Horst Hrubesch mit einer schlagkräftigen Mannschaft in diese Endrunde gehen wird und die Vereine dieses Vorhaben auch bestmöglich unterstützen werden.

SPOX: Zu guter Letzt noch eine Frage zu Ihrem Ex-Klub VfB Stuttgart: Seit Ihrem Weggang wurden die Trainer weiter ausgetauscht, auch ein neuer Sportdirektor ist nun da. Sportlich will es aber einfach nicht nach oben gehen. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Schneider: Zwar fühle ich mich als Co-Trainer der Nationalmannschaft zur Neutralität verpflichtet, aber es wird sicher jeder verstehen, dass ich nach 23 Jahren in Stuttgart dem VfB von Herzen wünsche, dass die getroffenen Maßnahmen greifen und der Verein wieder in ruhigeres Fahrwasser gelangt.

DFB-Co-Trainer Thomas Schneider im Steckbrief

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