Prinz ohne Peng

Freitag, 10.10.2014 | 23:12 Uhr
Lukas Podolski kommt derzeit weder bei seinem Klub, noch in der Nationalelf zum Zug
© getty
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Lukas Podolski durchlebt im Verein beim FC Arsenal sowie in der deutschen Nationalmannschaft keine leichte Phase, ein Stammplatz ist in beiden Mannschaften weit entfernt. Poldi steht wenige Monate vor seinem 30. Geburtstag am Scheideweg seiner Karriere. Ein Wechsel ist wahrscheinlich, sonst könnte es auch für EM 2016 eng werden.

Wenn Bayerns Thomas Müller als Gast einer Pressekonferenz angekündigt ist, kann für den Zuhörer nur wenig schief gehen. Klare Statements, ein paar Lacher - Müller hat die Natürlichkeit seines Charakters trotz des rasanten Aufstiegs zu einem internationalen Spitzenfußballer bewahrt.

Am Freitagnachmittag sprach Bundestrainer Joachim Löw im ersten Stock des Westin Hotels in Warschau zu den Medienvertretern. Der Dolmetscher sprach zwar in einem irrsinnigen Tempo zu seinen Landsleuten, seine Übersetzungen zogen sich aber durchaus in die Länge. Plötzlich grinste der bereits hinter der Trennwand wartende Podolski in den Raum und fragte sich offensichtlich, ob das Ganze hier noch ein Ende nehmen würde.

Seit zehn Jahren gehört Poldi nun schon dem Kreis der Nationalmannschaft an, den Ruf des spitzbübischen Jungen bedient er noch immer. Als Podolski auf dem Podium Platz nimmt, macht er bei der Rückkehr in sein Geburtsland einen vergnügten Eindruck. Doch merkt man ihm zwischen den Zeilen auch eine gewisse Nachdenklichkeit an, die sich aufgrund seiner sportlichen Situation der letzten Zeit eingeschlichen hat.

"Er ist schon ein einmaliger Typ"

Natürlich ist auch der Fußballer Podolski wie Müller in Europas Elite einzuordnen, doch sein Stern befindet sich in Verein wie DFB-Team im Sinkflug. Der Straßenfußballer, einst vom Boulevard als "Prinz Peng" betitelt, ist für seine Trainer zu einer Alternative verkommen. Da dies so ist, wird seine Rolle als teaminterner Spaßvogel mittlerweile anders beäugt als Müllers Mätzchen.

"Er ist schon ein einmaliger Typ. Das ist ein wichtiger Aspekt für die Mannschaft", sagt auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Doch die sportliche Bewertung fällt so aus: "Er gibt dem Trainer gute Alternativen."

Kontinuierliche Einsatzzeit war für ihn zuletzt, auch aufgrund einiger Verletzungsproblematiken, Mangelware. Es hat zwar für die Übungsleiter einen gewissen Reiz, den schnörkellosen und abschlussstarken Podolski von der Bank bringen zu können. Doch Poldi ist wenige Monate vor seinem 30. Geburtstag am Scheideweg seiner Karriere angekommen.

Bei der WM, für die er sich nach einem Muskelbündelriss durch starke Leistungen zum Ausklang der vergangenen Saison qualifiziert hat, kamen 54 Minuten zusammen, der Startelf-Einsatz gegen die USA war mau. Beim FC Arsenal setzte man ihn bislang lediglich in fünf von 13 Pflichtspielen ein, die Uhr steht bei läppischen 139 Spielminuten. Schmerzlich vermisst hat man ihn in beiden Teams nicht.

Und so sollte es nicht verwundern, wenn Podolski im Warschauer Nationalstadion am Samstagabend (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) trotz der personellen Engpässe beim Weltmeister erneut nur die Bank wärmen muss.

Meilenweit von der Startelf entfernt

"Lukas hat bei uns immer berechtigte Hoffnungen, von Anfang zu spielen", beginnt Löw seine Ausführungen zum mit 29 Jahren ältesten Feldspieler im aktuellen Aufgebot. Doch je länger der Bundestrainer spricht, desto erkennbarer wird: Von der Selbstverständlichkeit eines Startelfeinsatzes ist Podolski meilenweit entfernt.

Das spürt logischerweise auch Poldi selbst: "Jeder kennt meine Situation im Verein. Ich habe nicht den Spielrhythmus, um irgendwelche Ansprüche zu stellen." Podolski fasst seine derzeitige Situation sehr nüchtern zusammen, viel mehr bleibt ihm auch kaum übrig. Vom stets gut gelaunten Pausenclown Poldi ist dann nichts mehr zu sehen.

Möglicherweise ist Podolski gerade dabei, das zu erkennen, was sein guter Kumpel Bastian Schweinsteiger bereits vor einigen Jahren für sich entdeckt hat: Das Gute-Laune-Image weniger zu akzentuieren, gereifter aufzutreten, sich vom Ruf lange vergangener Tage zu emanzipieren.

Wohin führt Podolskis Weg?

Podolski wird man das Schelmische nie vollständig austreiben können. Das ist auch gar nicht nötig, sondern ein fundamentaler Teil seiner Persönlichkeit. Er sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass sich in diesen Monaten entscheiden dürfte, wohin der Weg seiner restlichen Karriere gehen wird.

Podolski war in Köln unterfordert und stieg ab, zuvor in München und jetzt in London fehlt ihm die Konstanz für die absolute Spitze. Die braucht es aber, um sich auf diesem Niveau in Konkurrenzsituationen einreihen zu können und die eigenen Ansprüche zu untermauern. Die EM 2016 soll der nächste und auf Länderebene wohl letzte Meilenstein einer Karriere werden, die im Nationaldress momentan bei 47 Toren in 118 Länderspielen steht.

Es riecht daher ziemlich nach Wechsel, wohl schon im Winter. Podolski hat keine Zeit zu verlieren, er ist teilweise bereits jetzt von links und rechts überholt worden. Doch seine Qualitäten sind hoch genug, um diesen Rückstand wieder auszugleichen - in Verein wie DFB-Team.

"Mir gefällt es nicht auf der Bank"

Im Winter wolle er seine Situation überdenken. Er sei keiner, der seinen Vertrag aussitzt, sagte er dem "Express". "Mir gefällt es nicht auf der Bank. Ich bin 29 Jahre alt, ich will spielen. Ich habe noch fünf, sechs Jahre große Lust auf Fußball. Ich liebe den Klub, die Fans, die Stadt ist super. Aber entscheidend ist, was auf dem Platz geschieht. Und deshalb mache ich mir natürlich Gedanken."

Klar ist jedenfalls jetzt schon: Sich nur berechtigte Hoffnungen auf Einsätze machen zu können, ist Podolski zu wenig. Interessenten und Angebote gab es schon im Sommer genug. Eine etwaige Entscheidung sollte gut überlegt sein, denn der nächste Schuss muss sitzen. Dann wird er auch nicht mehr das Gefühl wie jetzt haben, dass ihn manche am Boden sehen wollen.

Lukas Podolski im Steckbrief

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