Grand mit Dreien

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 09.10.2014 | 22:02 Uhr
Wer steht neben Jerome Boateng und Mats Hummels in der Abwehr?
© getty
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Das erste Auswärtsspiel als Weltmeister bereitet Bundestrainer Joachim Löw die altbekannten Probleme. In der Abwehr ist die Lage vor den EM-Qualifikationsspielen gegen Polen (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) und Irland besonders prekär. Vielleicht hilft eine Systemumstellung aus der Klemme.

Joachim Löw sah gespannt zu, wie Thomas Schneider da auf seinem Klemmblock einige Dinge notierte. In diesen Tagen bekommt Schneider als neuer Assistent von Löw seine Einführung in das Reich der Weltmeister.

Auf der ersten Pressekonferenz gab sich Schneider gemäß seines Charakters zurückhaltend, fast schon schüchtern. Er selbst sprach von einer gewissen Demut, die es an den Tag zu legen gelte für einen, der ganz neu dabei ist im Betrieb der Nationalmannschaft.

Im Frühjahr hatten sich Löw und sein neuer Sozius nach einem langen Gespräch vor dem Testspiel gegen Chile ausgetauscht und offenbar gemerkt, dass es passen könnte mit einer Zusammenarbeit für die Zeit nach der WM. Schneider war ja auch schon Löws Spieler beim VfB Stuttgart. Das ist zwar fast schon 20 Jahre her, aber Löw hat sich wohl ganz gut gemerkt, was er an Schneider haben könnte.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft am Samstag im Rahmen der EM-Qualifikationsrunde in Warschau auf den wohl schwersten der fünf Gegner in Gruppe D trifft, wird es auch für den neuen Co-Trainer ernst werden.

Sechs wichtige Spieler fehlen

Schneider ist immerhin nicht völlig einsam unter Helden. Im mittlerweile nur noch 19 Spieler starken Kader stehen tatsächlich auch vier Akteure, die beim Endturnier im Sommer nicht mit dabei waren. Es fehlen insgesamt sieben Weltmeister. Drei werden nie wiederkommen, sie haben ab sofort an Länderspieltagen frei und schauen sich das Treiben von der Couch aus an.

Der Rest hat seine Teilnahme wegen diverser Verletzungen absagen müssen, zuletzt Mesut Özil. Der Arsenal-Spieler hat sich am Mittwoch auf die Heimreise gemacht, er wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr nicht mehr spielen. Özil ist nach Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Marco Reus der vierte Mittelfeldspieler, der gegen die Polen und wenige Tage später in Gelsenkirchen gegen Irland mit mithelfen wird, ein paar Punkte für die EM-Qualifikation zusammenzukratzen.

Die Spielfeldmitte dürfte trotzdem nicht Joachim Löws dringlichste Problemzone sein. In Toni Kroos, Christoph Kramer, Andre Schürrle, Thomas Müller, Lukas Podolski, Mario Götze und bald auch wieder Julian Draxler hat er hier genug erprobte Spieler, die sogar als Weltmeister firmieren. Und auch nicht der Angriff, wo in Mario Gomez der einzige "echte" Angreifer passen muss.

Abwehr bereitet mal wieder Probleme

In der Abwehr drückt der Schuh. Zwei der drei zurückgetretenen Spieler gehörten der Hintermannschaft an, Per Mertesacker und Teilzeitkraft Philipp Lahm. Nimmt man den verletzten Benedikt Höwedes noch dazu, fehlt Löw mehr als die Hälfte der WM-Viererkette. Die Innenverteidigung mit Mats Hummels und Jerome Boateng steht immerhin.

Allerdings ist der Hummels im Herbst einige Leistungsstufen von dem im Sommer entfernt. Die einzig stabile Konstante ist lediglich Boateng, der fast spielt, es hätte es die Strapazen einer Weltmeisterschaft nie gegeben.

Erik Durm dürfte gegen die angriffslustigen Polen sein viertes Länderspiel auf der linken Abwehrseite bestreiten, auf der gegenüberliegenden Seite spricht eigentlich kaum etwas gegen eine erneute Nominierung von Sebastian Rudy. Der Hoffenheimer spielt ja jetzt sogar im Verein auf ebenjener Position und hat seine Sache gegen die Schotten vor ein paar Wochen auf grundsolide gemacht. Als Alternative stünde zur Not auch Stuttgarts Innenverteidiger Antonio Rüdiger bereit.

Zeit für Experimente?

Aber auch wenn die einzelnen Positionen personell markiert sind, wird diese Viererkette doch eine sein, die in der Besetzung noch nie zusammengespielt hat. "Das muss sich alles erst einspielen", sagt Ersatzkapitän Manuel Neuer, der zufälligerweise hinter den Vieren spielen wird und sich ganz genau anschaue wird, was seine Vorderleute so treiben. "Wir wissen, dass das nicht von heute auf morgen geht."

Es trifft sich ganz gut, dass die Qualifikationsrunde zum Endturnier in knapp zwei Jahren in Frankreich vom europäischen Verband derart verwässert wurde, dass die deutsche Mannschaft auch in einem Pflichtspiel das eine oder andere Experiment einstreuen kann, ohne gleich das Schlimmste befürchten zu müssen.

Der Modus macht aus der einen oder anderen Partie ein Testspiel mit Wettkampfcharakter, Ausrutscher sind leichter zu verschmerzen als in früheren Qualifikationsrunden. Auf Dauer wird sich aber eine neue Formation finden und einspielen müssen. Das Problem der letzten Jahre hat sich dabei noch einmal verschärft. Mit dem Abdanken von Lahm hat Löw nun gar keinen Außenverteidiger von Weltformat mehr.

Viele Namen, wenige Lösungen

Rudy ist gelernter Mittelfeldspieler, Rüdiger gelernter Innenverteidiger. Höwedes ist verletzt, Kevin Großkreutz bekommt nach einem anstrengenden Saisonstart mit Borussia Dortmund eine verabredete Pause. Überdies hat Großkreutz auf der Position im Nationaldress bisher kaum überzeugt und sieht sich trotz seiner Allrounderfähigkeiten im Mittelfeld besser aufgehoben.

Shkodran Mustafi hat seinen kurzen Ausflug auf die rechte Verteidigerseite gegen Algerien nicht mit Bestnote abgeschlossen und spielt im Verein seit einigen Wochen auch wieder in der Innenverteidigung. Holger Badstuber wäre bald eine ähnliche Option, sofern der Bayern-Star wieder richtig auf die Beine kommt.

Die beiden Freiburger Christian Günter (links) und Oliver Sorg (rechts) könnten vielleicht zu Alternativen werden, sind derzeit aber noch ein gutes Stück weit weg von der A-Nationalmannschaft. Selbiges gilt für die U-21-Vertreter Danny da Costa und Julian Korb. Es bleiben nicht viele Alternativen, die auf eine schnelle Lösung des Dauerproblems hindeuten. Oder überhaupt auf eine Lösung.

Dreierkette als Option

Vielleicht sieht Löws Plan ja auch ganz anders aus: In der Qualifikation, wenn die Gegner nicht von allererster Güte sind und die deutsche Mannschaft auch noch ein bisschen tüfteln und probieren könnte, wäre auch eine grundlegende Umstellung der Abwehrformation denkbar. Zum Beispiel von einer Vierer- auf eine Dreierkette.

"Gegen den Weltmeister spielen viele Mannschaften aber noch defensiver als sonst. Dadurch könnte eine Dreierkette auch für uns nützlich sein", vermutet Boateng. Der Bayer räumt dann gleich aber auch ein: "Bisher haben wir eine Dreierkette bei der Nationalmannschaft aber noch nicht trainiert." Einmal hat Löw in seiner Amtszeit bisher klar mit nur drei Abwehrspielern agieren lassen.

Das Testspiel in Kiew gegen die Ukraine im Spätherbst vor drei Jahren geriet in der Rückwärtsbewegung aber zu einem Vabanquespiel, wegen der drei Gegentore erntete Löw damals teils harsche - und auch ziemlich überzogene - Kritik. Jetzt ist seine Mannschaft in ihrer Entwicklung deutlich weiter und eine besonders exotische Exkursion wäre ein Spielsystem im 3-6-1 auch nicht mehr.

Und wenn sich Deutschland dann im besten Fall für die EM qualifiziert hat und dort auf etwas stärkeren Mannschaften trifft, kann Löw ja wieder auf die bewährte Vierer-Formation nur mit gelernten Innenverteidigern zurückgreifen.

Für die aktuelle Partie in Polen kommt das mangels Alternativen aber noch nicht in Frage. "Da wollen wir versuchen, eine gute Abwehrleistung zu bringen", sagt Torhüter Neuer. "Und wenn wir zu Null spielen, dann werden wir auch gewinnen."

Die EM-Qualifikation im Überblick

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