In der Klemme

Von Stefan Rommel
Freitag, 05.09.2014 | 11:24 Uhr
Mario Gomez erzielte seine letztes Tor für das DFB-Team bei der EM 2012
© getty
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Mario Gomez' glückloser Auftritt gegen Argentinien hat die Diskussionen um seine Person neu entfacht und Bundestrainer Joachim Löw zu schroffer Kritik an den Fans verleitet. Gomez wird sich wohl mühsam zurückkämpfen müssen in die Weltmeister-Mannschaft - und auch beim AC Florenz steht er in dieser Saison unter besonderer Beobachtung. Der 29-Jährige befindet sich in einer heiklen Phase seiner Karriere.

Der Laufweg bestimmt den Pass. Also lief Mario Gomez, und er lief genau richtig. In die kleine Gasse zwischen den beiden Innenverteidigern, er nahm im geeigneten Moment Tempo auf und war weg.

Die Ballannahme und -mitnahme waren eine fließende Bewegung, der nur ein Tick an Tempo fehlte. Deshalb konnte Federico Fernandez die Lücke etwas zulaufen und Gomez hatte rechts im gegnerischen Strafraum keine ideale Schussposition. Der Gomez-typische Trippelschritt kostete noch ein paar Augenblicke.

Heraus kam kein besonders gut platzierter Schuss, den Sergio Romero relativ einfach entschärfen konnte. Keine sieben Minuten waren da gespielt in der Partie der deutschen Mannschaft gegen Argentinien. Und doch hatten viele ihr Urteil da bereits gefällt.

DFB-Pleite gegen Argentinien: Gestörte After-Show

Debüt und Rückschlag

Es ist eine offenbar endlose Geschichte, die Mario Gomez und Teile der deutschen Fans schreiben. Sie erzählt von vergebenen Chancen, Missverständnissen und Vorurteilen. Mario Gomez ist einer der besten Angreifer des Landes. Niemand wird das bestreiten wollen. Aber mit der Nationalmannschaft wird er auch nach sieben Jahren nicht wirklich warm.

In Düsseldorf begann seine Laufbahn im DFB-Dress bei einem Testspiel gegen die Schweiz. Gomez war ein Emporkömmling der Bundesliga, er erzielte quasi standesgemäß gleich in seinem ersten Spiel für Deutschland einen Treffer. In Düsseldorf erlebte seine Laufbahn im DFB-Dress bei einem Testspiel gegen Argentinien einen Rückschlag.

Es ist lange her, dass sich ein deutscher Spieler im heimischen Stadion ätzendem Spott und einem grellen Pfeifkonzert ausgesetzt sah. Stefan Effenberg wurde einmal ähnliches zuteil, das war Anfang der 90er Jahre. Joachim Löw hat seinen Angreifer demonstrativ im ersten Spiel mach dem WM-Rausch nominiert und aufgestellt.

Kloses langer Schatten

Davor war Gomez lange weg. Zwischen seinem 59. und seinem 60. Länderspiel vergingen 385 Tage. Seither ist einiges passiert: Sein Partner Miroslav Klose hat die Torrekorde von Gerd Müller und Ronaldo übertroffen und die deutsche Mannschaft holte in Brasilien tatsächlich nach 24 Jahren wieder den WM-Titel.

Gomez durfte dabei nicht mehr mithelfen. Im Mai teilte ihm der Bundestrainer mit, dass er ihn bei der Mission in Brasilien nicht gebrauchen kann. Gomez war ein Dreivierteljahr davor verletzt, zweimal erwischte es ihn böse im Knie. Und als er dann wieder gesund war, fehlte ihm die Spielpraxis und Wettkampfhärte für ein vierwöchiges Turnier samt intensiver Vorbereitung.

Löw rügt die deutschen Fans

Für Gomez kann die Rückkehr zur Nationalmannschaft schwieriger kaum sein. Das Event-Publikum ist noch immer ganz berauscht von seinen WM-Helden. Als er das letzte Mal im DFB-Dress aufgelaufen war, im Sommer 2013, buhten ihn die Fans in Kaiserslautern bereits aus, als sich Gomez gerade erst für seine Einwechslung fertig machen wollte.

Philipp Lahm schimpfte danach ungewohnt offen über den Umgang der Zuschauer mit dem eigenen Spieler. Lahm war am Mittwoch in Düsseldorf nur noch als Begleitperson mit dabei und nicht mehr in seiner Rolle als Kapitän. Also übernahm Bundestrainer Löw den Part des Mahners. "Grundsätzlich geht es gar nicht, dass ein deutscher Spieler im heimischen Stadion ausgepfiffen wird", sagte Löw. "Dafür habe ich kein Verständnis, nur weil er die eine oder andere Chance liegen gelassen hat."

Wirklich hatte Gomez nach der Aktion gleich zu Beginn bis zur Pause noch anderthalb andere Möglichkeiten. Die eine parierte Romero in überragender Manier, als Gomez aus kurzer Distanz den richtigen Abschluss - gegen die Laufrichtung des Torhüters - wählte, dieser aber "mit dem großen Zeh", wie Gomez selbst sagte, abwehrte.

Bei der letzten, die das Fass auf den Rängen dann zum Überlaufen brachte, verstolperte er in der Tat kläglich, stand dabei aber auch im Abseits. Eigentlich hätte es zu diesem Abend gepasst, hätte Gomez in der Szene den Ball irgendwie über die Linie gewürgt - nur um dann den Assistenten mit seiner gehobenen Fahne wedeln zu sehen.

Er bleibt ein Strafraumspieler

"Ich habe oft genug erlebt, dass Dinger reingehen, die eigentlich nicht reingehen müssten. Und Bälle, die drin sein müssten, hält der Torhüter dann fantastisch", sagte Gomez nach dem Spiel. Als er so vor den Journalisten stand, die sich in Scharen um ihn gedrängelt hatten, wirkte er mal bedrückt, mal sarkastisch. "Wenn du das Quäntchen Glück nicht hast, dann gehen die Bälle halt nicht rein..."

Jeder Mittelstürmer kennt diese Situation, aber bei Mario Gomez ist die Diskrepanz in der Einordnung seiner Leistungen ganz offenbar besonders ausgeprägt. Seinem Spiel haften stets Zweifel an. Daran trägt er selbst die Hauptschuld. Er ist jetzt 29 Jahre alt und hat einige Entwicklungen des Fußballs mitgemacht.

Seinen eigenen Stil hat er aber stets beibehalten. Der Gomez von 2014 könnte in seiner Spielanlage fast auch der sein, der elf Jahre zuvor im Champions-League-Achtelfinale an der Stamford Bridge erstmals international auftauchte. Natürlich hat auch er das Einmaleins des Verteidigens erlernt und setzt den Gegner an der Mittellinie unter Druck. Selbst in der eigenen Spielhälfte hilft er wenn nötig mit aus.

Im Grunde ist Gomez aber ein Strafraumspieler geblieben, während sich andere als Kombinations-, Konter- oder Verteidigerstürmer verdient gemacht haben. Nicht zuletzt sein ehemaliger Kollege und "Vorgänger" Miroslav Klose.

Er definiert sich über Tore

Deshalb ist es so schwierig für Gomez: Weil er sich im Prinzip nur über eine Sache definieren kann, das Toreschießen. Und er war schon immer einer, der Selbstvertrauen und Spielrhythmus benötigt.

Beides kann er kaum haben nach einer Handvoll Spielen in der abgelaufenen Saison; in der Nationalmannschaft wartet er nun sogar schon seit Jahren auf seinen 26. Treffer. Den letzten erzielte er beim 2:0-Sieg gegen die Niederlande während der EM 2012.

Danach war er quasi untergetaucht. In zwei Freundschaftsspielen durfte er noch mitwirken, mehr war bis Mittwoch nicht. Trotzdem hatte Gomez bis zuletzt gehofft, dass ihm der Bundestrainer eine Bewährungschance geben würde im Trainingslager vor der WM. Der entsprechende Anruf Löws kam zwar, aber mit dem für Gomez falschen Inhalt.

"Im ersten Moment war es ein Schock", gab er vor einigen Tagen zu, nachdem er sich in den Medien davor rar gemacht hatte. "Trotz der langwierigen Verletzung habe ich ein wenig darauf gehofft, dass ich zumindest in der Vorbereitung noch eine Chance erhalte, mich zu zeigen." Der große Erfolg der Mannschaft ist gerade für ihn eine zusätzliche Hürde.

Entscheidende Saison in Florenz

Marco Reus etwa, der kurz vor dem Turnier passen musste, hat überhaupt nicht damit zu kämpfen, wieder als vollständiges Mitglied der Gemeinschaft überall akzeptiert zu werden. Mario Gomez schon. "Ich war sieben Jahre lang dabei und habe mich immer als Teil des Teams gefühlt. Mit diesem Gefühl bin ich auch gegen Argentinien aufgelaufen", sagt er selbst. Für Teile der Zuschauer erscheint die Gemengelage jedoch nicht ganz so selbstverständlich.

Seit er in Italien spielt - oder auch nicht - ist er aus dem Fokus der deutschen Fans fast gänzlich verschwunden. Die Serie A fristet im Bewusstsein der Deutschen ein vergleichsweise kärgliches Dasein, der AC Florenz ist dazu auch nicht die erste Adresse des italienischen Spitzenfußballs. Als Gomez aber zur Fiorentina gewechselt ist, war die Ausgangslage eine ziemlich spannende. Florenz spielte in der Saison davor den mutigsten Fußball der Liga, offensiv, leidenschaftlich und manchmal auch etwas ungestüm.

Besonders im Torabschluss hatten die Toskaner aber einige Probleme. Gomez sollte der Schlüssel sein. Dann verletzte er sich schnell. Florenz wurde wie im Jahr davor trotzdem Vierter, erzielte aber noch weniger Tore.

Mit einem gesunden Gomez, so vermuten viele, hätte der Abstand auf Rang drei und damit die Champions League nicht satte 13 Punkte betragen. Und immerhin haben sich die Tifosi ganz diebisch gefreut, dass der Deutsche in der neuen Saison wieder für die Fiorentina auflaufen kann.

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Nicht viele Bewährungschancen

In Deutschland wird es Gomez deutlich schwerer haben. Überhaupt wird es eine schwierige Saison für ihn werden, und vermutlich auch eine ganz entscheidende. Er muss zusehen, dass er den Anschluss nicht verliert an den Fußball auf absolutem Top-Level. Sowohl im Klub, als auch im Nationalteam. Gomez befindet sich in einer sehr verzwickten Phase seiner Karriere.

Die Bewährungschancen in der DFB-Auswahl sind relativ rar gesät, bis zum Jahreswechsel stehen nur fünf Spiele der Nationalmannschaft auf dem Programm. Am Sonntag gegen die Schotten muss Joachim Löw etwas improvisieren, weil selbst für einen Weltmeister ein paar Spieler zu viel verletzt sind.

Im Angriff bieten sich dem Bundestrainer aber noch die meisten Alternativen. Es könnte passieren, dass Gomez deshalb zu Beginn der Pflichtspiel-Saison nur auf der Bank sitzt und ein anderer seinen Platz im Sturm einnimmt.

"Im Fußball triffst du nicht immer", hat Mario Gomez am Mittwoch noch gesagt, bevor er dann in den Mannschaftsbus verschwunden ist. Er hat das auf sich und seinen unglücklichen Abend bezogen. Für Thomas Müller, Mario Götze oder Marco Reus gilt diese Feststellung aber ebenso.

Mario Gomez im Steckbrief

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