"Ich wollte kein Talent mehr sein"

Dienstag, 09.09.2014 | 10:59 Uhr
Emre Can spielt seit diesem Sommer für den FC Liverpool in Anfield
© imago

Die deutsche U-21-Nationalmannschaft hat die Playoffs erreicht und spielt somit ab Oktober um die Qualifikation für die EM in Tschechien. Am Dienstag kommt es in Magdeburg zum letzten Gruppenspiel gegen Rumänien (18 Uhr im LIVE-TICKER). Nationalspieler Emre Can spricht vor dem Duell im Interview über die Aussicht, die Olympischen Spiele erreichen zu können, seinen Wechsel zum FC Liverpool und den Wunsch nach einer festen Position.

SPOX: Herr Can, zu Beginn eine unsportliche Frage: Zusammen mit Nuri Sahin, Änis Ben-Hatira und David Alaba sind Sie in einem Musikvideo des Rappers Du Maroc zu sehen. Wieso?

Emre Can: Wir wollen Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße aufwachsen, helfen und ihnen aufzeigen, mit Hilfe des Sports und speziell des Fußballs nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Als Fußballprofis dienen wir als Vorbild. Ich habe das gerne gemacht, auch wenn es eine ungewohnte Rolle war, so vor der Kamera zu agieren. Aber es war wirklich spaßig.

SPOX: Im Video nehmen Sie Ihre Vorbildfunktion als Profifußballer wahr. Wie wichtig ist es denn grundsätzlich im Fußball-Geschäft - Sie sind ja jetzt auch schon einige Zeit dabei -, dass man auch in jungen Jahren bereits eine überdurchschnittliche Reife an den Tag legt?

Can: Das ist elementar. Ich bin quasi vom einen auf den anderen Tag mit 15 aus meinem gewohnten Frankfurter Umfeld nach München gezogen - und kannte dort keinen Menschen. Ich war also gezwungen, früh Verantwortung zu übernehmen und für mich selbst zu sorgen. Das ist ein Prozess, den man durchläuft. Am Anfang funktioniert das natürlich noch nicht auf allen Ebenen, aber man wird schneller erwachsen, wenn man so auf sich allein gestellt ist.

SPOX: Wie wichtig war es grundsätzlich für Sie, dass Sie nach der Zeit beim FC Bayern einen sportlichen Neuanfang starteten?

Can: Das hat mir definitiv weitergeholfen. Ich wollte kein Talent mehr sein. Das war schon ein Grund, den Verein zu verlassen. Ich wollte bei den Erwachsenen vorankommen. Das hat in Leverkusen wunderbar funktioniert, so dass ich überhaupt erst in der Lage war, den Schritt nach Liverpool gehen zu wollen und gehen zu können.

SPOX: Bemerken Sie bereits Änderungen an sich, die der Wechsel nach Liverpool mit sich gebracht hat?

Can: Nein, ich bin reif und alt genug. Mein erstes Bundesligajahr in Leverkusen hat dazu aber natürlich extrem beigetragen. Ich bin jetzt seit rund zwei Monaten in Liverpool, da prasselt am Anfang viel auf einen ein: Neue Sprache, neue Kultur, neue Art des Fußballs. Ich denke deshalb, dass ich noch mitten in der Phase bin, von der ich später sagen werde, dass sie mich nach vorne gebracht hat.

SPOX: Wie lief die erste Zeit an der Mersey?

Can: Ein Kumpel von mir ist auch nach Liverpool gezogen, das ist natürlich praktisch für mich. Ich bin gerade mit einem Lehrer dabei, mein Englisch noch zu verbessern und zu verfeinern. Allerdings muss ich auch sagen, dass viele Abläufe denen aus München oder Leverkusen ähnlich sind. Letztlich geht es auch in Liverpool nur um Fußball.

SPOX: Ihr neuer Verein hat kürzlich Mario Balotelli verpflichtet. Im Internet kursiert ein Video vom Vorbereitungsspiel gegen den AC Milan, als Sie Balotelli in einem Zweikampf mit starkem Körpereinsatz den Ball wegnahmen. Hat er Sie schon darauf angesprochen?

Can: Nein, noch nicht. Ich werde es ihm aber auch nicht unter die Nase reiben. Das dürfte noch kommen, schätze ich mal. Ich kenne ihn jetzt seit rund zwei Wochen und er macht auf mich entgegen mancher Gerüchte den Eindruck, ein ganz normaler und netter Junge zu sein. Wir sind alle gut mit ihm zurechtgekommen und er hat bereits angedeutet, welch ein genialer Fußballer er ist.

SPOX: Mussten Sie Ihren Nationalmannschaftskollegen schon ein Trikot mitbringen?

Can: Nein, bislang hat noch niemand etwas bei mir bestellt (lacht). Wir reden schon darüber und die Jungs wollen wissen, wie es dort ist und wie sich der Verein anfühlt. Mal sehen, ob ich genug Werbung gemacht habe und sich beim nächsten Mal jemand im Vorfeld meldet.

SPOX: Bei der U 21 sind Sie ausschließlich von gleichaltrigen Spielern umgeben und gehören zu den etablierten Spielern. Im Verein sind Sie ja teilweise mit Kollegen zusammen, die in ihrer Karriere schon deutlich mehr erlebt haben. Wie wichtig ist es für Sie, auch mal wieder eine solche Rolle zu spüren?

Can: Das ist für das Selbstvertrauen sicherlich hilfreich. Ich bin hier Führungsspieler und schon lange dabei. Es kommt im Fußball ja nicht so häufig vor, dass alle deine Mitspieler im selben Alter sind, von daher freut einen das schon. Und, dass ich hier mal wieder Deutsch sprechen kann (lacht).

SPOX: Vor dem Irland-Spiel hat sich die U 21 fast ein halbes Jahr lang nicht mehr getroffen, die Kader-Komposition ist mitunter unterschiedlich. Wie geht man als Spieler damit um?

Can: Es ist schon so, dass sich die Mannschaft immer wieder verändert - mal mehr und mal weniger. Es gibt aber trotzdem einen gewissen Kern, der regelmäßig mit dabei ist und der versteht sich auf dem Feld eigentlich recht gut. Das ist die Basis, um die Neuen heran zu führen und zu integrieren. Das klappt ganz vernünftig, auch wenn es im Vergleich zur Vereinsmannschaft schon etwas anderes ist.

SPOX: Durch den Sieg am Freitag ist man in die Playoffs um die EM-Teilnahme eingezogen und kann sich dort für Olympia 2016 qualifizieren. Wie sehr motiviert einen das Ereignis Olympische Spiele?

Can: Nur wir können Olympiasieger werden, das kann die A-Nationalmannschaft nicht mehr schaffen. Allein das ist eine große Motivation und sozusagen unser Endziel. Zunächst sollten wir aber an die Playoffs denken und nicht meinen, wir schaffen das auf jeden Fall. Die EM wird ein hartes Stück Arbeit, das steht außer Frage.

SPOX: Stichwort A-Nationalmannschaft: Sie sind sehr flexibel einsetzbar, haben unter anderem schon als Achter, Linksverteidiger und auch Innenverteidiger gespielt. Der Bundestrainer ist seit längerer Zeit auf der Suche nach einer dauerhaften Lösung für die Linksverteidigerposition. Theoretisch wären Sie auch ein Kandidat.

Can: Ich habe ja vergangene Saison in der Hinrunde bei Bayer häufig Linksverteidiger gespielt. Es gab aber bisher noch kein Gespräch mit dem Bundestrainer. Mein Ziel ist es, jetzt weiter Gas zu geben, ganz unabhängig von der Position - und dann schauen wir, was sich vielleicht ergeben wird.

SPOX: Eine genaue Position lässt sich Ihnen sowieso nicht wirklich zuordnen. Würden Sie sich wünschen, künftig dauerhaft eine Position zu bekleiden und nur im Notfall auf andere Positionen auszuweichen?

Can: In meinen Anfängen war es absolut von Vorteil, mehrere Positionen spielen zu können. Dadurch erhöht sich einfach die Wahrscheinlichkeit, auch Einsatzminuten zu bekommen. Je älter man wird, desto besser ist es, sich auf eine feste Position konzentrieren zu können. Ich bin jetzt noch nicht so weit, das sagen zu können. Aber in ein, zwei Jahren hoffe ich, dass das der Fall sein wird.

SPOX: Wenn Sie es sich frei aussuchen könnten, wo würden Sie dann spielen wollen?

Can: Im zentralen Mittelfeld, dort fühle ich mich am wohlsten.

Emre Can im Steckbrief

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