Fussball

"Kein Problem für Deutschland"

Dienstag, 08.07.2014 | 12:20 Uhr
Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger nach dem Halbfinaleinzug
© getty

Deutschland gegen Brasilien, die beiden Fußball-Großmächte treffen im Halbfinale der WM 2014 aufeinander (22 Uhr im LIVE-TICKER). Fabio Victor begleitet für Brasiliens größte Tageszeitung "Folha de Sao Paulo" die deutsche Nationalmannschaft. Im Interview spricht er über das Auftreten des DFB-Teams in Brasilien, Pro und Contra von Campo Bahia, den Ausfall von Neymar und den Typen Bastian Schweinsteiger.

SPOX: Fabio, im Halbfinale kommt es zum Duell zwischen Brasilien und Deutschland. Für die Deutschen ist es ein besonderes Spiel gegen den Gastgeber. Wie denken die Brasilianer über Deutschland?

Fabio Victor: Der deutsche Fußball wird in Brasilien immer noch mit Kraft, Wille und Effizienz in Verbindungen gebracht. Aber in den letzten Jahren haben sich die Deutschen auch einen Namen mit technisch anspruchsvollem und schönem Fußball gemacht. Die aktuelle Generation bestätigt dieses Bild auf großer Bühne, deshalb wird die Mannschaft als sehr gefährlich eingestuft.

SPOX: Oliver Bierhoffs Plan war es, neben Brasilien als eine Art zweites Lieblingsteam der Brasilianer gesehen zu werden. Ist das gelungen?

Victor: Im Großen und Ganzen, ja. Die Deutschen haben die Zuneigung der Brasilianer gewonnen, vor allem wegen des Auftretens von Schweinsteiger, Neuer und Podolski. Es gibt aber auch andere Mannschaften, die von den Brasilianer aufgrund ihrer Spielweise und ihres Charismas geliebt und gefeiert wurden, wie Holland zum Beispiel. Die Holländer haben ihr Quartier in Rio de Janeiro, verbringen sehr viel Zeit am Strand mit ihren Familien und sind sehr nett zu den Fans. Das sind die Deutschen auch, aber die Holländer sind fast noch einen Tick offener.

SPOX: Der Bau des Campo Bahia war in Deutschland wie auch in Brasilien ein umstrittenes Projekt. Wie denken die Leute in Brasilien jetzt darüber?

Victor: Es herrschte große Skepsis und Misstrauen gegenüber dem Projekt aufgrund der enormen Veränderungen, die dem kleinen Dorf Santo Andre zugemutet wurden. Es hat sich herausgestellt, dass die Deutschen mit ihrem Basecamp eine gute Wahl getroffen haben, aber die Hintergründe des Geschäfts bleiben obskur. Ich glaube, dass Santo Andre ein schwieriges Erbe mit dem Campo Bahia antreten muss und auch darunter leiden wird.

SPOX: Ihre Zeitung, Folha de Sao Paulo hat dem Campo Bahia eine Überschrift in Verbindung mit der Berliner Mauer gewidmet. Wie war das zu verstehen?

Victor: Wir haben nur eine Aussage eines Einwohners von Santo Andre aufgenommen. Es ging dabei um die Tatsache, dass die Polizei mit einer Schutzwand das Dorf in zwei Teile getrennt hatte. Das hatte aber nichts mit dem DFB zu tun.

SPOX: Die hohe Polizeipräsenz rund ums Campo Bahia ist auffällig. Halten Sie das für übertrieben?

Victor: Es ist vielleicht etwas zu viel, ja. Aber das ist kein exklusives deutsches Problem. Alle Teams werden so bewacht. Wenn sich ein Land dafür entscheidet, ein solches Turnier auszurichten, muss es sich den Regeln der FIFA und der lokalen Organisation unterwerfen.

SPOX: Aus sportlicher Sicht muss man zugeben, dass das Campo Bahia perfekt zu sein scheint für die Mannschaft. Warum ist Brasilien nicht in diese Gegend gegangen?

Victor: Es stimmt, das Campo Bahia tut den Deutschen gut, sie haben eine gute Wahl getroffen. Aber Brasiliens Fußballverband hat vor der WM seinen Stützpunkt Granja Comary in Teresopolis runderneuert und auf die Bedürfnisse des Teams zugeschnitten.

SPOX: In Deutschland herrscht großer Optimismus vor dem Halbfinale. Brasilien wird ohne Neymar als deutlich leichterer Gegner gesehen. Was denken Sie, wer ist Favorit?

Victor: Deutschland. Ihr habt viele gute Spieler mit mehr Erfahrung. Die Spieler kennen sich untereinander auch besser als die Brasilianer. Aber es ist das Duell zweier Fußballmächte, zwei Titanen des Weltfußballs, das dürfen wir nicht vergessen. Der Vorsprung, den ich für Deutschland sehe, ist deshalb gering.

SPOX: Wie schwer wiegen der Verlust von Neymar und die Sperre von Kapitän Thiago Silva?

Victor: Neymar ist bzw. war der kreativste und gefährlichste Spieler Brasiliens. Seine Verletzung ist ein Desaster und tut der Mannschaft mehr weh als Thiagos Sperre. Auf der anderen Seite kann sich das Klagen über den Ausfall des "Golden Boy" zu einer Extra-Motivation umwandeln. Die Spieler werden für ihn kämpfen und sie wollen zeigen, dass sie auch ohne ihren Superstar gewinnen können.

SPOX: Wer ersetzt die beiden?

Victor: Vermutlich spielt Willian für Neymar, die andere Alternative wäre Bernard. Und Dante spielt für Thiago.

SPOX: Deutschland hatte bei fast allen Spielen die Fans auf seiner Seite, das wird in Belo Horizonte anders sein. Kann das für die DFB-Auswahl zum Problem werden?

Victor: Das glaube ich nicht. Sie werden ein enthusiastisches Publikum vorfinden, das Brasilien nach vorne peitscht. Aber das wird für die erfahrenen Deutschen kein Problem sein. Auch die Brasilianer haben großen Druck. Und ich denke, dass sie den bisher nicht so leicht weggesteckt haben, was auch verständlich ist.

SPOX: Bastian Schweinsteiger hat das Trainerteam um Luiz Felipe Scolari und Carlos Alberto Parreira als härtesten Gegner für Deutschland bezeichnet. Wie wichtig sind die beiden Weltmeister-Trainer?

Victor: Sie haben sehr viel Erfahrung und Scolari weiß, wie man ein Fußballspiel in eine Schlacht verwandelt. Er ist ein großer Motivator und arbeitet mit großen Emotionen in der Coaching Zone.

SPOX: Warum ist Schweinsteiger so populär in Brasilien?

Victor: Er ist ein großartiger, sehr charismatischer Spieler und Typ. Außerdem zeigt er sich sehr natürlich und ist den Menschen gegenüber offen, das hat auch das Video mit dem Bahia-Trikot gezeigt. Ich weiß, dass er in Deutschland oft nicht so verehrt wird und hier lange auch nicht mit den Medien gesprochen hat, aber die Leute in Brasilien mögen ihn und halten ihn für einen liebenswürdigen Kerl.

SPOX: Und vor welchem Spieler hat Brasilien im Halbfinale am meisten Respekt?

Victor: Vor Müller und Neuer, sie spielen ein beeindruckendes Turnier bisher.

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