Papa von "La Mannschaft"

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 16.07.2014 | 11:50 Uhr
Da ist das Ding! Joachim Löw feierte am Dienstag zusammen mit den deutschen Fans den WM-Titel
© getty
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Joachim Löw hat mit dem WM-Triumph auch seine zahlreichen Kritiker widerlegt. Er ist dafür über seinen Schatten gesprungen und hat in der entscheidenden Phase Mut und Vertrauen in die eigenen Stärken bewiesen.

Sepp, Helmut, Franz und Jogi. Bald werden T-Shirts und Tassen zu erwerben sein, vielleicht auch Frühstücksbrettchen und ein Schlabberlatz für die Kleinsten. Mit den Vornamen der deutschen Weltmeistertrainer darauf.

Joachim Löw wird damit leben müssen, dass er wohl unter seinem Alter Ego gelistet sein wird. Als "der Jogi" hat ihn Jürgen Klinsmann damals der deutschen Öffentlichkeit präsentiert. Der Jogi war er jetzt zehn Jahre lang. Es wäre eigentlich an der Zeit, ihn wieder öfter als Herr Löw wahrzunehmen, nicht nur wegen des Erreichten. Aber dafür dürfte es längst zu spät sein.

Joachim Löw wird damit leben können. Er hat einiges ertragen müssen in den letzten Monaten. Er hat seinen Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund im Oktober bis ins Jahr 2016 verlängert, bis nach der Europameisterschaft in Frankreich.

Es sollte ein Vertrauensvorschuss sein und als solcher wurde er von den handelnden Parteien auch wahrgenommen. Fast alle anderen haben sich vorgenommen, diesen Bundestrainer bei der Weltmeisterschaft deshalb nur noch genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wandlungs- und anpassungsfähig

Die Endrunde hat jeder Menge Trainer den Job gekostet, insgesamt traten elf von Löws Kollegen zurück oder wurden rausgeworfen. Ungemach wurde auch ihm prophezeit, nach dem Triumph im Maracana hat sich die Gemengelage aber vollständig gedreht. Joachim Löw hat bei dieser WM bewiesen, dass er wandlungs- und anpassungsfähig ist.

Er hat sich als Meister der Improvisation erwiesen, Anlässe dafür gab es genug. Es lief nun wirklich nicht alles nach Plan in diesen fast 60 Tagen, die die Mannschaft zusammen war. Und erst recht nicht in den einzelnen Partien des Turniers.

Deutschland, und damit auch Löw, hatte seine kritischen Phasen. Gegen Ghana, als es in einem zweiten Gruppenspiel schon wieder schiefzugehen drohte. Oder gegen Algerien, das die Mannschaft so ziemlich auf dem falschen Fuß erwischte. Das Spiel gegen Frankreich stand auf der Kippe, im Finale gegen Argentinien war der Gegner phasenweise die gefährlichere Mannschaft.

Es gab die nachvollziehbaren Diskussionen, warum mit Shkodran Mustafi plötzlich einer erstaunlich oft spielen durfte, der eigentlich schon aussortiert war.

Und warum zwar zwei Jahre lang Zeit war, sich auf den Problemzonen in der Viererkette und im Angriff echte Alternativen zu schaffen, dies aber verpasst wurde. Stattdessen spielten bis zur Hälfte des Turniers jeweils Innenverteidiger auf der Position des Außenverteidigers - egal, wie der Gegner hieß und wie dieser sein Spiel ausgerichtet hatte.

Die Mischung passte

Am Ende gibt es nur eine Wahrheit und die heißt: Deutschland ist Weltmeister. Das sollten auch die Nörgler und Heckenschützen einsehen, die ihm in den entscheidenden Spielen seine persönliche Ergebniskrise unter die Nase gerieben haben.

Deutschland hat es wie keine andere Mannschaft verstanden, den Mittelweg zu finden, der bei einem Turnier dieser Kategorie als einziger zum Ziel führt. Diese Mischung aus Verspieltheit und Vernunft, aus Können und Kampf hat gezeigt, dass die verschiedenen Stilmittel sich nicht ausschließen müssen, sondern sehr gut neben- und miteinander koalieren können.

18 Tore hat die DFB-Elf auf dem Weg zum Titel erzielt, so viele wie keine andere. Im Schnitt waren das 2,6 Tore pro Partie, der Schnitt der restlichen 31 Teams lag bei nur 1,3 Toren. 4158 Pässe spielte Deutschland in seinen sieben Partien, also fast 600 pro Spiel. Auch das war Rekord. Knapp 121 Kilometer Laufleistung pro Spiel wurden nur von den Amerikanern überboten (124,2 km).

Die Modernisierung ausgebremst

Löw hat seiner Mannschaft nicht nur das schöne Spiel verordnet, dem sich diese Truppe auch schon verschrieben hatte, das sie aber in den entscheidenden Turnierphasen verlässlich im Stich gelassen hatte. Dieses Team war anders, obwohl sich die Namen der Protagonisten kaum verändert hatten. Er hat ihnen die so genannten deutschen Tugenden mit auf den Weg gegeben.

Löw hat sich nicht mehr treiben lassen von der Öffentlichkeit und der Schar an Experten. Er hat nicht mehr nur dogmatisch agiert, sondern pragmatisch. Löw hat sich ein Stück weit geöffnet und den Konsens zugelassen. Er hat seiner Mannschaft zugehört und er hat sie verstanden.

Und wenn dann Bastian Schweinsteiger vor dem Finale sagt, der WM-Titel "wird von einem cleveren Trainer gewonnen", spricht das Bände über das Verhältnis der Mannschaft zu ihrem Trainer.

Als "cleverer Trainer" hat er der selbst angestoßenen Modernisierung den Wind aus den Segeln genommen. Er hat gemerkt, dass längst genug erneuert wurde. Dass in diesem Zusammenhang aber einige Dinge auf der Strecke geblieben sind, die schon einmal gut funktioniert haben.

Die Blöcke zusammengeführt

Vielleicht war es auch ein wenig persönliche Eitelkeit, dass die so genannten deutschen Tugenden ein paar Jahre nicht mehr so sehr im Vordergrund standen. Aber sie sind ein gemeinsamer Nenner, und wenn es nur der ist, dass jeder im Kader diese noch als Garanten für den Erfolg am Fernsehen bestaunen durfte. Als Kinder oder Teenager sahen die deutschen Spieler, wie eine andere deutsche Mannschaft sich 1996 bis zum EM-Titel durchbiss.

Nicht mit bezauberndem Fußball, sondern mit Willen, Kampfkraft und einem besonderen Geist innerhalb der Gemeinschaft. Mit motivierten Ergänzungsspielern und ein paar einstudierten Standards. Das war nicht schön anzusehen. Aber es war widerstandsfähig und es war erfolgreich.

Löw und sein Trainer- und Betreuerstab haben für die WM 2014 das geschafft, was die Spanier seit einigen Jahren auch sehr gut hinbekommen: Dass sich die großen und in der heimischen Liga spinnefeinden Bayern- und BVB-Blöcke in einer entsprechenden Umgebung so zusammenraufen, dass eine echte Einheit entsteht.

Bei den Spaniern war es immer wieder erstaunlich, wie sich die Spieler aus Barcelona und Madrid plötzlich ergänzen und gegenseitig helfen konnten. Obwohl sie sich ein paar Wochen davor in einem der mittlerweile gefühlt unzähligen Classicos noch schonungslos die Knochen poliert hatten.

Jede Menge Lob

Auch das ist eine große Trainerleistung und vielleicht ist es in einer Zeit, in der die Spieler immer noch besser ausgebildet zur Nationalmannschaft stoßen und immer noch mehr auch Ich-AGs sind, die größte überhaupt. Wichtiger als jedes Spielsystem und jeder Freistoßtrick.

Arsenal-Trainer Arsene Wenger sprach mit größtem Respekt nur noch von "La Mannschaft", dem größtmöglichen Sinnbild für eine funktionierende Gemeinschaft.

Erinnerungen an Italien?

Und als wäre das nicht Lob genug gewesen, schaffte es Löw im Finale von Rio de Janeiro auch noch, einige böse Geister der Vergangenheit zu besiegen. Womöglich hat er sich an seine erste große Niederlage erinnert, an die beim Sommermärchen im Halbfinale gegen Italien.

Die Italiener hatten Deutschland in der Verlängerung überrascht, als sie plötzlich abwichen von ihrem eher zurückhaltenden Stil und offensiv wechselten und offensiv spielten. Deutschland hatte die Argentinier, bei denen mit Leo Messi, Gonzalo Higuain und später auch Kun Agüero gleich drei Spieler eher halbherzig an der Defensivbewegung teilnahmen, mit zunehmender Spieldauer müde gespielt.

Löw formulierte in der Pause vor der ersten Halbzeit der Verlängerung die Maxime, noch dominanter zu spielen, den Gegner noch mehr unter Druck zu setzen. In den 15 Minuten der folgenden Halbzeit durften die Argentinier nur noch 24 Pässe spielen, die Deutschen lieferten verglichen damit ein regelrechtes Gewitter an Zuspielen ab, am Ende waren es 132.

"...für alle Ewigkeiten"

Der Plan war riskant, aber er ging auf. Und jetzt sind sie alle Weltmeister. "Ich bin mehr als verliebt in dieses Team. Es ist eine tiefe Liebe", sagte Löw über seine Mannschaft. Wie es für ihn demnächst weitergeht, ließ er weiter offen.

Noch immer steht ein freiwilliges Ende als Bundestrainer im Raum. Nur eines steht jetzt schon für ihn fest: Dieses Turnier in Brasilien wird auch sein Leben verändern. Aber immerhin gibt es jetzt einen neuen, erfreulichen Ankerpunkt in seiner Karriere.

"Wenn ich später im Schaukelstuhl sitze auf meiner Veranda oder im Garten, da wird man immer wieder daran denken. Dieses tiefe Glücksgefühl wird für alle Ewigkeiten bleiben."

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