Fussball

Besser kann es nicht sein

Von Stefan Rommel
Dante muss gegen Deutschland den gesperrten Kapitän Thiago Silva ersetzen
© getty

Dante Bonfim steht im Halbfinale gegen Deutschland (22 Uhr im LIVE-TICKER) vor seinem ersten Einsatz bei der WM. Im Halbfinale hat er die schwerste aller Aufgaben zu erfüllen: Er muss in Brasiliens Herzstück ersetzen.

Seit 44 Tagen bewegt sich Dante Bonfim Costa Santos im Kreis der brasilianischen Nationalmannschaft. 44 Tage lang war er Kumpel, Trainingskollege, Gesprächspartner, Vortrommler, er hat sich eingefügt in eine Gemeinschaft, die so viel Druck von außen ertragen muss, wie man sich das kaum vorstellen kann.

Da sind integrative Faktoren ganz besonders wichtig. Dante hat fünf WM-Spiele der Selecao von der Bank aus verfolgt, er hat nie gemurrt oder sich beklagt. Früher hatte Brasilien eine handvoll Weltklasse-Ergänzungsspieler für den Offensivbereich auf der Bank geparkt.

Vor dem Halbfinale gegen die deutsche Nationalmannschaft (22 Uhr im LIVE-TICKER) ist das ein wenig anders. Dante zählt auch im weltweiten Vergleich zu den Besten auf seiner Position, in so ziemlich jeder anderen Auswahl würde er als Stammspieler firmieren.

Vertrauen in Dante

Nur verfügt Brasilien bei seiner Heim-WM in David Luiz und Thiago Silva über die beiden teuersten - und nebenbei auch beste - Innenverteidiger der Welt und Trainer Luiz Felipe Scolari blieb bisher dem eisernen Gesetz treu, während eines Turniers das Innenverteidigerpärchen auf gar keinen Fall zu verändern.

Fünf WM-Spiele hat Dante deshalb von Anfang bis Ende als Reservist erlebt. "Aber die Situation jetzt ist so, dass sich gegen Deutschland alles ändert", sagt Trainer Scolari. Er spielt dabei auf den Ausfall von Neymar und Thiago Silva an, seinen besten Spieler und seinen Kapitän. Wie er das Fehlen von Neymar auffangen will, hat Scolari noch nicht angedeutet.

Aber immerhin zeichnet sich bereits ab, dass Dante am Dienstagabend neben David Luiz in der Innenverteidigung auflaufen wird - und nicht der Ex-Leverkusener Henrique. "Wir haben große Spieler wie Dante...", ließ sich Scolari entlocken. "Groß" in Sinne von: Weltklasse, erfahren, unerschrocken selbst in dieser außergewöhnlichen Situation.

Silva-Ausfall im Hintergrund

"Ich habe viel Erfahrung. Ich werde alles geben. Ich freue mich sehr - ich bin ein bisschen heiß", sagt Dante und lächelt sein breitestes Lächeln. Er verspürt echte Vorfreude auf das wichtigste Spiel seiner Karriere. Da ist nichts geheuchelt, der unerschütterliche Optimismus ist echt. "Besser kann es nicht sein! Das ist das Beste, was es gibt. Ich spiele zu Hause eine WM, und mein Leben ist in Deutschland", sagt der 30-Jährige.

Vielleicht hilft ihm ein bisschen, dass sich das Interesse im Vorfeld seines ersten WM-Spiels überhaupt um Neymar und dessen Vertreter dreht. Und eher weniger um den Ausfall von Thiago Silva. Dabei wiegt der für die Statik im brasilianischen Spiel mindestens ebenso schwer. Silva war Brasiliens bester Zweikämpfer, er hat die meisten gegnerischen Schüsse geblockt, er ist torgefährlich in der Offensive.

Immer noch mehr Kontrolle

Wenn diese WM wenige Tage vor ihrem Finale etwas gezeigt hat, dann die große Diskrepanz zwischen Gruppenphase und K.o.-Runde: In den Partien der Vorrunde beherrschten die Offensiven das Geschehen, trotz der speziellen klimatischen Bedingungen gingen fast alle Mannschaften volles Tempo und großes Risiko - eine perfekte Ausgangsbasis für die Vielzahl an spektakulären Offensivspielern.

Seit dem Beginn der Ausscheidungsrunde haben sich die Spielanlagen vieler Teams grundlegend verändert. Nicht nur die deutsche Mannschaft spielt verhaltener, etwas zurückgezogen und lieber kontrolliert als entfesselt.

"Am Anfang haben wir Fußball gesehen, der mich an Basketball erinnerte. Je näher wir aber dem Finale kommen, desto kontrollierter wird gespielt", befindet Gerard Houllier, einst Trainer unter anderem beim FC Liverpool und seit einiger Zeit nun Mitglied der "Technical Study Group" der FIFA. Einer Kommission, die die WM-Spiele für den Weltverband analysiert.

Mourinho: "Silva wichtiger als Neymar"

Die Selecao unter Scolari steht für Attribute wie Leidenschaft, Zweikampfhärte, Ordnung und Stabilität. Spielerisch hat Brasilien auch nach fünf Partien noch nicht überzeugt und in der Offensive fast ausschließlich von der wilden Kreativität von Neymar gelebt.

In der Defensive war Thiago Silva der Ankerpunkt. "Brasilien braucht ihn (Neymar). Er ist ein individueller Spieler, der Zweikämpfe gewinnen kann. Er kann den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. Er kann Tore schießen. Auch seine Standards sind fantastisch", schreibt Jose Mourinho in seiner Kolumne bei "Eurosport".

"Aber ich glaube Thiago Silva ist momentan wichtiger für das Team als Neymar. Ich halte sein Fehlen für bedeutsam, denn das brasilianische Spiel beruht auf der defensiven Struktur und der defensiven Organisation. Thiago Silva verleiht dem Team Stabilität."

Innenverteidiger entscheiden die Spiele

Wie sich die Prioritäten innerhalb der Selecao etwas verschoben haben, so ist dieser Trend seit einiger Zeit auch im Weltfußball zu erkennen. Der spektakulärste Transfer des Sommers ist bisher der von David Luiz vom FC Chelsea zu Paris St. Germain. 50 Millionen Euro lässt sich PSG den Wechsel eines Abwehrspielers kosten. Mit Thiago Silva und dessen zwölf Millionen Jahresgehalt unterhalten die Franzosen ohnehin schon den bestbezahlten Verteidiger der Welt.

Das Anforderungsprofil hat sich längst ausgedehnt, die Disziplinen Antizipation, Spielaufbau und sogar Torabschluss. Brasilien und Deutschland haben das Semifinale erreicht durch insgesamt drei Tore von Innenverteidigern. "Die deutschen Könige der Vorrunde waren Stürmer. Die deutschen Kaiser der Ausscheidungsspiele sind ein Torwart und ein Innenverteidiger", schreibt die "Frankfurter Rundschau".

Großer Respekt vor Deutschland

Für Dante erfüllt sich knapp ein Jahr nach seinem ersten Tor für die Selecao im Finale des Confed Cups ein Traum. "Das war damals der glücklichste Tag meiner Karriere", sagt er im Rückblick. In Belo Horizonte freut er sich auf seine Kollegen von Bayern München. "Klar haben wir alle Kontakt - wir sind doch Freunde und haben uns immer viel Glück gewünscht", sagt er.

Aus fußballerischer Sicht hätte er sich bei seiner Premiere aber gerne auch einen anderen Gegner gewünscht. "Wir haben gesehen, dass die Deutschen gut drauf sind. Ihre größte Waffe ist, dass sie mit jeder Situation während eines Spiels zurechtkommen, auch wenn sie unter Druck geraten. Die Deutschen sind hier schon heimisch geworden, sie kennen das Wetter und den Rasen."

Mit zehn Gelben Karten und 96 Fouls - alleine 31 davon im Viertelfinale gegen Kolumbien - ist Brasilien das unfairste Team der WM. In der Bundesliga kam Dante in der abgelaufenen Saison in 29 Partien mit insgesamt nur 44 Foulspielen aus.

Gegen die Deutschen und seine Kumpels von Bayern München wird aber auch er hinlangen, wenn es sein muss. Seinen Namen hat ihm sein Vater Joao ausgesucht. Er hatte die "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri gelesen. Die erzählt von der Wanderung durch die Welten, von der Hölle durch das Fegefeuer ins Paradies. Für Dante Bonfim Costa Santos heißt das: Sonntagabend, Rio de Janeiro, Estadio do Maracana.

Das ist Dante Bonfim

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