Deckname Zukunftsspiel

Von Stefan Rommel
Dienstag, 13.05.2014 | 13:04 Uhr
Training der Nationalmannschaft im Stadion am Millerntor in Hamburg
© getty

Gegen Polen wird Bundestrainer Löw so viele Neulinge testen wie nie zuvor (20.45 Uhr im LIVE-TICKER). Sieben Kandidaten hoffen auf ihr Debüt. Aber wer hat das Zeug, langfristig zum Nationalspieler zu werden?

Benedikt Höwedes war wegen eines Muskelbündelrisses knapp zwei Monate verletzt, der Schalker reiste mit der Empfehlung von zwölf Minuten Spielzeit beim Saisonfinale gegen Nürnberg zur Nationalmannschaft.

Dass Höwedes mit dieser Vorgeschichte überhaupt Bestandteil einer DFB-Auswahl in einem offiziellen Länderspiel sein darf, ist schon ungewöhnlich genug. Dass Höwedes mit seinen 18 Länderspieleinsätzen der "erfahrenste" der 18 Akteure ist, die Joachim Löw für das Testspiel gegen Polen (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) berufen hat, beweist die besonderen Vorzeichen, unter denen die Partie am Dienstagabend in Hamburg über die Bühne gehen wird.

Zwar stehen im Aufgebot auch zehn Spieler, die es in den vorläufigen 30-Mann-Kader für Brasilien geschafft haben - rund vier Wochen vor einer Weltmeisterschaft sind acht Spieler, die rein gar nichts mit dem Endturnier zu tun haben, aber ein Novum.

Gleich sechs Debütanten werden gegen Polen in der Startelf stehen, so viele wie zuletzt im Dezember 1951 gegen Luxemburg (4:1). Das ehemals als Testlauf für die WM vorgesehen Spiel tritt jetzt unter den Decknamen "Zukunftsspiel" an, wie es Teammanager Oliver Bierhoff ausdrückt. "Ein Spiel mit Aussicht" nennt es der Bundestrainer, der etwaige Diskussionen um den Stellenwert erst gar nicht aufkommen lassen will: "Jedes Länderspiel hat für uns eine hohe Bedeutung, bei dem Spiel gegen Polen geht es um Perspektiven für die Zukunft - wir wollen den Blick über die WM in Brasilien hinaus nach vorn richten. Einige Spieler können bei den kommenden großen Turnieren prägende Figuren der Nationalmannschaft werden."

Marc-Andre ter Stegen ist der einzige unter den Acht, der bereits Länderspielerfahrung hat. Sieben andere stehen gegen Polen vor ihrer Premiere und im Hinblick auf die Zeit nach der Weltmeisterschaft auf einem ersten Prüfstand.

Oliver Sorg und Christian Günter, Sebastian Jung, Antonio Rüdiger, Christoph Kramer, Sebastian Rudy und Maximilian Arnold dürfen ein erstes Mal vorspielen. Bis auf die Position des Torhüters sind Spieler für alle Mannschaftsteile vertreten, darunter auch klassische Problemzonen der A-Nationalmannschaft. Die Perspektiven und Chancen der Kandidaten im Überblick.

Oliver Sorg (23, Abwehr, SC Freiburg): Die Vergleiche mit Philipp Lahm sind natürlich nicht zulässig, auch wenn Sorg den Kapitän der A-Nationalmannschaft schon als eine Art Vorbild betrachtet.

Sorg war in den U-Mannschaften des DFB ein Spätzünder, hat "nur" fünf Spiele bei der U 21 absolviert und flog davor quasi unter dem Radar. Dafür ist seine Entwicklung in den letzten beiden Jahren umso bemerkenswerter. Zu Hause ist Sorg - nur 1,75 Meter groß, tiefer Körperschwerpunkt, wendig, beidfüßig - auf der rechten Seite in der Viererkette, der 23-Jährige kann aber auch links eingesetzt werden. Dass er damit in ein Anforderungsprofil passt, das nur wenige in Deutschland bedienen können, erhöht seine Chancen. Die Suche nach geeigneten Außenverteidigern hält schließlich unvermindert an.

Christian Günter (21, Abwehr, SC Freiburg): Sein Debüt in der Bundesliga liegt gerade erst anderthalb Jahre zurück. Seitdem hat sich Günter - besonders in der Schlussphase dieser Saison - in den Vordergrund gespielt. Als Pendant zu Teamkollege Sorg bearbeitet er in Freiburg die linke Außenbahn. Das erste Junioren-Länderspiel folgte erst im Oktober 2013, ein 4:0-Sieg der U 20 über die Niederlande. Günter hat in dieser für den SC sehr anspruchsvollen Saison mit der Dreifachbelastung und dem Abstiegskampf eine Menge dazugelernt. Günters großes Plus ist sein Offensivdrang, was ihm allerdings durchaus auch schon Probleme in der Defensive bereitet hat. Für ihn gilt ähnlich wie für Sorg: Der 21-Jährige ist auf einer Mangelposition unterwegs.

Sebastian Jung (23, Abwehr, Eintracht Frankfurt): Einer der begehrtesten Rechtsverteidiger der Republik, kokettiert mit einem Wechsel in der Sommerpause. Unter anderem soll Schalke an ihm dran sein, auch Leverkusen und Wolfsburg waren schon in der Verlosung. Hat nach einer überragenden vorherigen Saison jetzt eine Spielzeit mit ein paar Tiefen und Verletzungen erlebt. Gute Dynamik, starke Technik, auch in der Defensive ordentlich. Jung bringt alles mit, jetzt muss er den nächsten Schritt machen. Das Debüt in der A-Nationalmannschaft wäre ein Anfang, nachdem er im Herbst 2012 schon einmal eingeladen, aber nicht eingesetzt wurde. Seine Perspektive ist richtig gut, weil er weiter als zum Beispiel Sorg ist. Und Philipp Lahm (30) wird auch nicht jünger...

Seite 1: Kandidaten für die Außenbahn

Seite 2: Dauerläufer und Angriffshoffnung

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