Not im Luxussektor

Freitag, 23.05.2014 | 16:40 Uhr
Bundestrainer Joachim Löw muss sich um sein defensives Mittelfeld sorgen
© getty
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Durch die Oberschenkelverletzung von Lars Bender ist die deutsche Nationalmannschaft erneut dezimiert worden. Wie die Besetzung des defensiven Mittelfelds, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Prunkstück galt, bei der WM in Brasilien aussehen wird, bleibt ungewiss. Die Chancen von Newcomer Christoph Kramer auf einen Platz im Kader haben sich dagegen eklatant erhöht.

Es war beim zweiten öffentlichen Training der deutschen Nationalmannschaft im Trainingslager in Südtirol in der Tat zu beobachten, dass die Späße reduziert wurden. Noch am Donnerstag waren besonders Thomas Müller und Lukas Podolski zu einigen Mätzchen am Rande der Trainingsübungen bereit.

Das WM-Aus von Lars Bender habe, so DFB-Pressesprecher Jens Grittner am Mittag gegenüber den Medienvertretern, ein Stück weit auf die Stimmung geschlagen. Bender zog sich in der zweiten Einheit am Donnerstag eine fast schon Bender-typische Blessur zu: eine kombinierte Muskel-Sehnen-Verletzung im oberen Bizepsanteil des rechten Oberschenkels. So kompliziert können fast nur die Bender-Zwillinge.

Einst ein Luxusproblem

Am Freitag um kurz vor 10 Uhr reiste der Leverkusener aus Italien ab, in der Heimat stehen nun weitere Untersuchungen an. Die nächste bittere Nachricht für den DFB, da Bender auch rechts in der Viererkette eine Option dargestellt hätte.

"Mit einem Bender wäre das nicht passiert!", soll Bastian Schweinsteiger im Oktober 2012 in der Kabine nach dem denkwürdigen 4:4-Testspiel gegen Schweden in Berlin ausgerufen haben. Schweinsteiger zielte darauf ab, dass mit einem gelernten defensiven Mittelfeldspieler wie Bender die Ordnung nicht dermaßen verloren gegangen wäre wie nach dem 4:0-Vorsprung der Deutschen. Damals agierten übrigens Schweinsteiger und Toni Kroos auf der Doppelsechs im Zentrum.

Vor nicht allzu langer Zeit galt die Mittelachse des deutschen Teams noch als wahres Prunkstück, als Luxusproblem für Bundestrainer Joachim Löw. Organisator Sami Khedira, Schweinsteiger selbst, der brillierende Ilkay Gündogan, die Arbeitstiere Sven und Lars Bender - Löw hatte die Qual der Wahl und ließ sich in einigen Partien sogar auf ein Experiment im 4-1-4-1-System mit nur einem Spieler vor der Abwehrkette ein.

Immer weniger defensive Mittelfeldspieler

Jetzt, exakt 24 Tage vor dem deutschen WM-Auftakt gegen Portugal, weiß niemand so recht, wen Löw dann aufstellen wird - gerade im defensiven Mittelfeld. Die Spieler, die auf dieser Position groß geworden sind, werden immer weniger.

Die Fitness von Khedira wird letztlich den Hauptausschlag geben, auch was die Besetzung der beiden äußeren Glieder der Viererkette angeht. Alle im DFB-Team hoffen deshalb, dass der lange verletzte Madrilene bis zum ersten Spiel in Brasilien noch einen großen Sprung nach vorne machen wird.

Schweinsteiger, erst weit entfernt von seiner Bestform und nun an der Patellasehne im Knie verletzt, drehte auch am Freitag abseits des Teams seine Runden. Der Münchner hat ein auf ihn zugeschnittenes Programm auferlegt bekommen, von Einheit zu Einheit wird beobachtet, wie er dieses verkraftet. Eine Belastung, wie sie gerade unter den klimatischen Herausforderungen in Brasilien erforderlich ist, liegt derzeit noch meilenweit entfernt.

Kramers Chancen gestiegen

So bleiben nach den verletzungsbedingten Absagen von Gündogan und der Bender-Zwillinge vier Kandidaten, von denen zwei absolute Newcomer sind und kürzlich noch zu den möglichen Streichkandidaten gehörten.

Matthias Ginter ist auch aufgrund seiner Vielseitigkeit im Passeiertal dabei. Der Freiburger sieht sich zwar als Innenverteidiger, spielte in Freiburg aber immer wieder auch auf der Sechs. Christoph Kramer ist dagegen ein echter Sechser, was seine Chancen auf einen Kaderplatz in Brasilien nach Benders Ausfall eklatant erhöht.

"Es ist ein Wunder, dass ich mit dabei bin. Es kann viel passieren, aber ich gehe nicht davon aus, dabei zu sein. Ich sehe mich eher als ersten Streichkandidaten", sagte er noch vor kurzem.

Laufstärkster Bundesligaspieler

Kramer hat aber eigentlich keinen Grund, sich klein zu machen: Aus der 2. Liga vom VfL Bochum zu Borussia Mönchengladbach verliehen, fand er sich sofort im Oberhaus zurecht, absolvierte fast jedes Spiel bei den Fohlen und bestach dabei vor allem durch seine enorme Lauf- und Zweikampfstärke. 13,1 Kilometer rannte er durchschnittlich pro Spiel, das schaffte in der Bundesliga sonst niemand.

"Christoph Kramer hat in Training und Spiel einen hervorragenden Eindruck hinterlassen", befand Löw nach dessen Länderspieldebüt gegen Polen, als Kramer einer von fünf Akteuren war, denen der Bundestrainer 90 Minuten Spielzeit verordnete.

Dass Kramer in Brasilien bereits eine Option für die Startelf darstellt, ist nur schwer vorstellbar. Löw und sein Team müssen momentan allerdings viele Eventualitäten durchspielen, Kramer wird nun zumindest eine davon sein.

Lahm und Kroos weitere Kandidaten

Das war Kroos bereits zuvor. Der 24-Jährige nahm unter Löw schon einige Male den offensiven Part der Doppelsechs ein und spielte dort solide - ohne jedoch Glanzlichter zu setzen.

Sollte Philipp Lahm, der nach seinen Behandlungen in München im Laufe des Freitags im Teamhotel eintreffen wird, rechtzeitig belastbar sein, spricht auch einiges für ihn auf der Position - ungeachtet des Personalpuzzles, das seine Versetzung ins Mittelfeld auf den Außenverteidigerpositionen auslösen würde.

Es bleibt dabei: Löws Baustellen im Kader müssen auf Tagesbasis bewertet werden. Die aktuelle Komposition des Teams, das in Südamerika Weltmeister werden soll, steht in den Sternen.

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