Personalsorgen im Mittelfeld

Hart an der Grenze

Donnerstag, 14.11.2013 | 12:18 Uhr
Im Verbund mit Khedira (l.) ist Kroos die Alternative für Schweinsteiger und/oder Gündogan
© imago
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Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan sind verletzt. Im Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft klafft eine Lücke. Aus einem Luxusproblem ist ein ernsthaftes geworden. Welche Optionen hat Bundestrainer Joachim Löw und wie reagiert er?

Philipp Lahm hat mittlerweile 103 Länderspiele auf dem Konto. Das sind ebenso viele wie Franz Beckenbauer. Bis zur Bestmarke von Lothar Matthäus (150) ist es noch ein weiter Weg. Aber Lahm ist dabei, sich auf dieser Jagd in die Pole Position zu manövrieren. Von den aktiven Nationalspielern liegen nur Lukas Podolski (111) und Miroslav Klose (130) noch vor ihm.

Lahm ist ein Muster an sportlicher Beständigkeit und ein Phänomen körperlicher Fitness. Diese Eigenschaften haben ihn im Ranking vorbeigeschoben an seinem Karriere-Weggefährten Bastian Schweinsteiger (100).

Der spielt zwar ebenfalls seit rund einem Jahrzehnt dauerhaft auf hohem Niveau, hat in der jüngeren Vergangenheit aber auch immer mit dem natürlichen Verschleiß zu kämpfen.

Schweinsteiger: Probleme seit 2012

Eine erneute Operation am rechten Sprunggelenk setzt Schweinsteiger für mehrere Wochen außer Gefecht, das Jahr 2013 ist für ihn gelaufen. Öffentliche Skepsis über seinen Zustand versuchte der FC Bayern am Montag mittels einer Pressemitteilung samt medizinischer Stellungnahem des Vereins- und Nationalmannschaftsarztes Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu zerstreuen.

Klar ist aber auch: Schweinsteiger hat seit seiner ersten Verletzung im Februar 2012 immer wieder mit Problemen am Sprunggelenk zu kämpfen. Erstaunlich schnell kehrte er damals ins Mittelfeld der Bayern zurück. Es ging zu diesem Zeitpunkt schließlich um alles, das Champions-League-Finale in München sollte her.

Also quälte sich Schweinsteiger auch in den zwei Halbfinalspielen gegen Real Madrid. Sein Auftritt in Madrid war grandios. Er bewies seine Leidensfähigkeit, ging weit über die Grenze und durfte als Belohnung sein Team im Elfmeterschießen ins Endspiel schießen. Schweinsteiger zementierte mit diesem Spiel seine Rolle als Leader. Aber war das auch gut für seine Karriere?

Dosierte Einsätze

Jens Jeremies opferte sein Knie dem Champions-League-Sieg 2001. Er verpasste nach einer eiligen Rückkehr und zwei Spielen ebenfalls gegen Real Madrid sogar schon das Finale. Sein vorheriges Niveau erreichte er nie wieder.

So schlimm ist es bei Schweinsteiger nicht. Schließlich spielte er eine herausragende Rolle in der Triple-Saison, aber er braucht seine Pausen. Der Körper fordert den Tribut für die Belastungen der Vergangenheit.

Auch die EM 2012 spielte er unter Schmerzen. Er sah sich in der Verantwortung, die Mannschaft auch angeschlagen nicht im Stich zu lassen. Doch seine Mannschaften müssen seitdem immer öfter auf ihn verzichten.

Jupp Heynckes dosierte seine Einsätze vergangene Saison erstmals und wechselte ihn vorzeitig aus, auch Pep Guardiola ließ ihn nur selten durchspielen (17 Einsätze, 8 Mal ausgewechselt, 2 Mal eingewechselt). Schweinsteiger hat längst auf die Probleme im Laufe der Karriere reagiert. "Heute bin ich eine Stunde vorher da, pflege mich. Weil ich weiß, wie wichtig mein Körper ist", sagt er.

Rückendeckung von Löw

Ein Test-Länderspiel hat Schweinsteiger seit August 2011 (3:2 gegen Brasilien) nicht mehr bestritten. Überhaupt waren es nur fünf Länderspiele seit dem Halbfinalaus gegen Italien bei der EM 2012. Noch immer spielt der Vize-Kapitän eine zentrale Rolle in den Planungen des Bundestrainers. Das bewährte Mittelfeldduo Sami Khedira und Schweinsteiger genießt bei Löw höchste Wertschätzung.

Dass Löw in die Pressemitteilung der Kadernominierung für die beiden anstehenden Testspiele eine extra Würdigung des verletzten Schweinsteigers integrieren ließ, zeigt aber auch, dass die Verantwortlichen beim DFB das Grummeln in den letzten Wochen und Monaten vernommen haben.

"Ich hoffe und wünsche Bastian, dass er im Anschluss an den erneuten Eingriff am Sprunggelenk wieder komplett beschwerdefrei Fußball spielen kann", ließ sich Löw zitieren. "Dann bin ich sicher, dass er wieder an seine alte Leistungsstärke beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft anknüpfen wird. Er ist bei uns eine feste Größe, auch in Hinblick auf die WM in Brasilien."

Spielverschlepper oder Spielgestalter?

Schweinsteiger polarisiert wie kaum ein anderer Spieler im Kader Löws. Viele Kritikern sehen in ihm einen Spielverschlepper, der zu langsam und vorhersehbar spiele. Anderen gilt er als Spielgestalter und Taktgeber im Aufbauspiel. Es ist eine ewige Diskussion, die Schweinsteiger seit seiner Versetzung vom Flügel ins Zentrum verfolgt.

Noch mehr Stoff bekam diese Streitfrage, als Ilkay Gündogan auf ähnlicher Position bei Borussia Dortmund ins Rampenlicht trat. Befürworter und Kritiker sind sich einig, dass der 23-jährige Gündogan den 29-jährigen Schweinsteiger als Aufbauspieler beerben wird. Die zu klärende Frage lautete nur: wann?

Nicht wenige sehen die Zeit für einen Generationswechsel schon vor der WM in Brasilien gekommen. Sie sehen Gündogan als mutiger, dynamischer und offensiver als Schweinsteiger und damit besser geeignet für Löws Spielidee.

Luxusproblem mit Gündogan verflogen

Es war ein Luxusproblem, das Löw auf einmal vorfand. Soll er auf den Rhythmusgeber von Bayern München oder den von Borussia Dortmund bauen? Löws Tendenz geht klar zu Schweinsteiger, er schätzt und schützt seine verdienten Spieler.

Ausgerechnet in den ersten beiden wichtigen Testspielen vor der WM stellt sich diese Frage nicht, beide Akteure sind verletzt. Und auch Gündogans Krankheitsverlauf gibt durchaus Anlass zur Sorge. Sollte er anfangs nur zwei, drei Wochen pausieren müssen, fehlt er dem BVB jetzt schon rund drei Monate und wird aller Voraussicht auch in der Hinrunde nicht mehr zum Einsatz kommen.

Noch ist die WM weit genug entfernt, dass Löw gelassen mit der Situation umgehen kann. Beide haben genügend Zeit, um in der Rückrunde auf Touren zu kommen und topfit ins Turnier zu gehen. Dort liegt für Löw auch "die Grenze. Sollten schwerere Verletzungen später passieren, bereitet es mir Magenschmerzen." Spieler trotz Verletzungen mitzunehmen, wie bei den letzten Turnieren, hat Löw schon durchblicken lassen, will er nicht.

Kroos der natürliche Ersatz

Gegen Italien und England ist Löw dazu gezwungen, seinen Plan B zu testen. Der lautet in den meisten Fällen Toni Kroos. Der Bayer ist zwar eher eine Position weiter vorne auf der Zehn zuhause, hat aber schon bewiesen, dass er zumindest in einzelnen Spielen auch auf der offensiveren Sechs agieren kann. Löw sprach ihm am Mittwoch das Vertrauen aus und zeigte sich "sehr zufrieden" mit seinen Leistungen.

Mit Kroos wäre auch der Schritt zu einer leichten Systemanpassung als Alternative nicht weit. Weg vom 4-2-3-1-System hin zum etwas offensiveren 4-1-4-1, das Löw in einigen Partien auch schon getestet hat. Dem einzigen Sechser käme dann noch mehr Verantwortung zu. "Khedira hat im Mittelfeld eine wichtige Rolle in Sachen Organisation inne", sagt Löw.

Und dann ist da ja noch die Option Lahm, die Löw zwar nur für Notfälle in sein Portfolio aufnehmen will, aber zumindest schon mal gedanklich durchgespielt hat. Da passt es auch ganz gut, dass als zweiter Gegner England auf dem Programm steht. Dort hat Lahm beim letzten Auftritt einer deutschen Nationalmannschaft in Wembley zum ersten Mal in seiner Profi-Karriere auf der Sechs gespielt.

Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft

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